• vom 03.07.2009, 00:00 Uhr

Porträts

Update: 10.07.2009, 13:06 Uhr

Beatrix Patzak leitet das größte Pathologisch-anatomische Museum der Welt

Im Narrenturm




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Von Brigitte Suchan

  • Auf dem Gelände des alten allgemeinen Krankenhauses im 9. Bezirk steht außerhalb der belebten Innenhöfe auf einer kleinen Anhöhe ein ungewöhnliches Gebäude. Es ist kreisrund und als Narrenturm bekannt. Darin befindet sich das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum, das mit über 50.000 Präparaten eine weltweit einzigartige medizinische Sammlung besitzt. Außergewöhnlich wie das Gebäude ist die Frau, die das Museum leitet: Beatrix Patzak.

Der Eingang in das Gebäude, dessen baulichen Zustand man höflich als bedenklich umschreiben könnte, ist alles andere als einladend. Wäre man in einem Film, würde nach Betätigung der Klingel eine gruselige Hintergrundmusik erklingen. Die Tür öffnet sich mit leichtem Knarren, ein weiß gekleideter Mann empfängt uns - wo sind wir da bloß gelandet? "Kommen Sie zu mir?", eine resolute, blonde Frau mit tiefer, sonorer Stimme kommt uns entgegen. Vorbei ist der Spuk. Beatrix Patzak, die Leiterin des größten Pathologisch-anatomischen Museums der Welt, begrüßt die Besucher herzlich. Seit 25 Jahren schon widmet die 44-Jährige ihre Zeit diesem Museum, seit 1993 ist sie dessen Leiterin. Und sie kennt es wie kein anderer. Was verschlägt eine junge Frau an einen Ort wie diesen? Der Zufall und ihre Mutter, lautet die Antwort. Nach der Matura wollten die Eltern, dass sich die Tochter einen Job sucht. Patzaks Mutter hatte die Buchprüfung für das Museum gemacht, das sich seit 1971 in dem historischen Gebäude befindet. "Wenn Du Medizin machen willst, schau Dir das doch einmal an", meinte die Mutter zur Tochter und Beatrix kam, sah und blieb. Zunächst als Mädchen für alles, doch schon bald als treibende Kraft. "An und für sich bin ich praktische Ärztin und habe meine Ordination", erzählt Beatrix Patzak. Die Praxis sei das Bindeglied zur modernen Medizin, meint sie, "denn man bekommt hier natürlich einen völlig schrägen Blick für Krankheiten", und sie erinnert sich lachend, dass man sie als junge Ärztin beim Turnus nicht so leicht zum Staunen bringen konnte: "Ich hatte immer noch etwas draufzu setzen."


Sie geht durch die Räume der Schausammlung, die seit 1993 in Etappen entstanden ist. "Ganz ohne Ausstellungsarchitekten und ohne Budget", wie sie stolz anmerkt. "Wir haben uns einfach überlegt, was die Leute interessieren könnte." Sie weiß zu jedem Exponat eine Geschichte zu erzählen, bleibt vor einigen Gläsern mit in Formaldehyd konservierten Objekten stehen und gibt nebenbei einen Exkurs über die Tuberkulose in Wien, die das Schwerpunktthema der Sammlung ist. "Das ist eine Hauttuberkulose, wenn man das einer Schwester oder einem Studenten zeigt, das merkt er sich", sie zeigt auf einen durch rote Flecken und Krätzen entstellten Oberkörper eines Mannes, der als Moulage, ein originalgetreues Abbild aus Wachs, quasi die Vorstufe zur Unsterblichkeit erlangt hat.

Auch dem Gebäude ist ein Teil der Ausstellung gewidmet. Ein Grundriss aus 1830, originale Baupläne gibt es nicht, zeigt die Struktur des kreisrunden Gebäudes, das heuer 225 Jahre alt ist. Mit einem Dekret von Josef II. wurde der Narrenturm als erstes Irrenhaus weltweit im April 1784 eröffnet. Für damalige Verhältnisse waren sowohl Gebäude als auch die Lehre, die darin umgesetzt wurde, revolutionär: 28 Einzelzellen in fünf Stockwerken, jede Patientenzelle war von der Mitte aus zugänglich, hatte ein Fenster sowie eine Latrine und konnte beheizt werden. In der Mitte des Turms steht ein Quergebäude, das den Verwaltungstrakt und ein Stiegenhaus enthält. "Dieses Quergebäude ist nach dem Nordstern ausgerichtet, wo er 1784 stand. Das Haus ist also wie ein gewaltiger Mondkalender angelegt." Beatrix Patzak entführt die Besucher in die medizinische Vorstellungswelt des 18. Jahrhunderts, deren Erkenntnisse heutzutage wieder Beachtung finden. "Alles was die Alternativmedizin heute vertritt, hat seinen Ursprung im Narrenturm", ist Patzak überzeugt.

"Joseph II. war zum Beispiel der Meinung, Wasser verstärkt die psychiatrischen Krankheiten. Der Irre wird noch irrer, wenn er mit Wasser in Berührung kommt. Deshalb gibt es im Narrenturm weder eine Wasserleitung noch einen Kanal - obwohl es in Wien zu dieser Zeit schon eine Wasserleitung gegeben hat", führt die Museumsleiterin aus. Man merkt, dass das ein Thema ist, das Beatrix Patzak mit leidenschaftlichem Interesse verfolgt: "Der eitle Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt, die waren damals alle Deppen, aber das stimmt nicht. 1784 gab es Heilung. Patienten sind nicht nur tot hier weggegangen sondern wurden geheilt." Ihrer Faszination hat Patzak Ausdruck verliehen in einem Buch, in dem sie unter dem Titel "Faszination und Ekel" das Museum und seine eindrucksvollsten Präparate vorstellt.

"Der Ekel", so erklärt sie, "ist im psychiatrischen Sinne ein Affekt. Ekel empfindet jeder. Ekel im Zusammenhang mit den Exponaten empfinden viele deshalb, weil sie damit nicht umgehen können. Und die Faszination ist auch gegeben, weil es ist ein Toter ja noch nie zurückgekommen, es kann uns niemand sagen, wie es ist, wenn man tot ist. Der Tod ist der letzte Teil unseres Lebens, den wir nicht erfahren können. Das fasziniert viele Menschen. Früher oder später muss sich jeder von uns mit Krankheit oder Tod auseinandersetzten und manche tun es inmitten der Exponate im Narrenturm", ist sie überzeugt.

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2009-07-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2009-07-10 13:06:00

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