• vom 14.09.2007, 12:39 Uhr

Porträts


Alles! Außer gewöhnlich!




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Von Silvia Matras

  • Michael Birkmeyer, Intendant des Festspielhauses St. Pölten, hasst Langeweile. Auf der Bühne und im Leben.

Und natürlich auch in seinem Büro. Da menschelt es in sehr sympathischer Weise. Bilder von Rudolf Nurejew, Fred Astaire und Tänzern aus seiner ehemaligen Kompanie zieren die Wände, ein weißer Gipsengel den Fernseher. Davor die Hundematte - leider ohne Hund. Der ist schon sehr alt und kommt nicht mehr täglich mit in die Arbeit. Das Sofa ist groß, dunkelrot, sehr bequem. Meilen entfernt von einem Designmöbel, das den Besucher möglichst rasch in die Flucht schlägt. An der Pinwand hängen schräge Sprüche über Männerfähigkeiten und Männerunfähigkeiten. Daneben lachen Kultfiguren wie die Monroe, Donald Duck, Frank Sinatra, Sammy Davis Junior und Dean Martin in den Raum. "Das sind alles Berühmtheiten, denen man die Arbeit und Mühe hinter ihrer Darstellung nicht ansieht. Deshalb schätze ich sie sehr", sagt Michael Birkmeyer und wirkt ebenso entspannt, leicht und ungekünstelt wie seine Lieblinge an der Wand. So als wäre Intendantsein der einfachste Job der Welt.


Mit einem Blick erfasst man: Der Mann hat Humor und eine gehörige Portion Selbstironie. Und er ist ein begeisterter St. Pöltnerianer, genauer gesagt: der größte Fan, den das Festspielhaus St. Pölten je hatte, hat und haben wird. "Für so ein tolles Haus mit derartig beeindruckender Architektur muss man schon ein lebendiges, spritzig- witziges Programm zusammenstellen", schwärmt der Intendant. Daher sein Motto "Alles! Außer gewöhnlich" als Credo für das Haus und das Programm.

"Ich reise viel und sehe mir Dutzende Choreografien an. Dann wähle ich aus. Immer vorausgesetzt, dass ich mir die Truppe leisten kann. Mit viel Geld kann man ja leicht was Tolles machen. Aber mit wenig Geld große Kunst auf die Beine zu stellen, das ist große Kunst!" Aber vom Geld will er nicht reden. Lieber von den Highlights der kommenden Saison: Zur Eröffnung singt Anna Bonitatibus Rossini-Leckerbissen. Danach werden solche "in Echt" serviert. Ein Kunststück der Sonderklasse bringt Philippe Arlaud. Er rafft Wagners Ring von zwanzig Stunden auf drei. (Wagnerianer aufgepasst! Vielleicht besser fern bleiben. Das könnte am Image des hohen Meisters ein wenig kratzen!) In "Paradis" tanzen klassische Ballerinen mit afro-karibischen Tänzern und Hip-Hopern nach einer witzigen Choreografie und Videokonzeption von Montalvo und Hervieu. Das sind nur einige wenige Beispiele aus einem sehr unterschiedlich ausgerichteten Programm, mit dem Michael Birkmeyer alle Schichten und Altersgruppen in sein Haus lockt. Ja, locken ist das richtige Wort. Er ist ein Verführer, der mit allen Wassern gewaschen ist und weiß, was wichtig ist: Theater und Tanz müssen Spaß machen, dürfen keine reine Kopfgeburten sein. Gezielt holt er die Jugend ins Haus. "Es ist wichtig, die jungen Leute von den Vertrottelungsmaschinen (Computern, Anm.) wegzubringen. Das geht nur mit spritzigem Überraschungstheater und einer guten Didaktik, die nicht ins Lehrmeisterliche abgleitet." Daher gibt es zu den meisten Aufführungen Einführungsgespräche und Nachbereitungen. Sein Ziel ist es, jedem niederösterreichischen Kind ein- Fotos: S. Matras mal die Möglichkeit zu bieten, das Festspielhaus von Innen kennen zu lernen und mit Künstlern ins Gespräch zu kommen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-09-14 12:39:16
Letzte Änderung am 2007-09-13 12:42:00

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