Wien. Hier steckt der Teufel nicht nur im Detail, sondern auch im Glas:  Angst, Beklemmung, Furcht und wie Menschen seit Jahrhunderten damit umgehen, steht als Thema im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung "During the Night" im Kunsthistorischen Museum in Wien. Kuratiert wurde die Schau vom englischen Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal, der vor allem durch seine Familiengeschichte "Der Hase mit den Bernsteinaugen" bekannt wurde. Und wie in seinen literarischen Werken lenkt er auch hier die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand. Welche Macht er besitzt und welche Gefühle durch seine Betrachtung und seine Geschichte aufkommen.

Der "Teufel im Glas" aus dem frühen 17. Jahrhundert ist eines von insgesamt 55 Objekten, die der Künstler im Laufe von drei Jahren für diese Ausstellung auserkoren hat. Die Kunstwerke , darunter Korallen und Alte Meister, Alraunen, Reliquien, Schmuck oder Masken, stammen aus den sieben Sammlungen des Museums oder aus denen von Schloß Ambras und dem Naturhistorischen Museum.

"Traumgesicht"

Und in der Mitte das aufgeschlagene Buch. Es ist de Waals Kompass bei seiner Reise in die Nacht und zeigt Albrecht Dürers Aquarell "Traumgesicht". Ein einziges Mal war es ausgestellt, dieses Dokument der erschütternden nächtlichen Begegnung mit dem Ende der Welt, die Dürer auf einem kleinen Blatt zu Papier brachte, versehen mit einer Notiz über seinen Albtraum.

Der Schrecken der in den Objekten steckt, offenbart sich nicht immer auf den ersten Blick. Die Angst verbirgt sich hinter so mancher Schönheit, hinter so manchem opulenten Handwerk: "Wie viel Angst muss man gehabt haben, um solche Objekte bei sich zu tragen", fragt de Waal als er etwa eine Halskette, ein "drittes Auge", betrachtet. Es soll seinen Träger beschützen. Oder Cranachs "Bildnis einer Dame", das auf den ersten Blick ein konventionelles Porträt zeigt - wäre da nicht der Schatten an der Rückwand.

Zunächst sei es für ihn schrecklich und kompliziert gewesen, in den Depots nach geeigneten Objekten für diese  Ausstellung zu suchen. Noch dazu in Wien, jener Stadt, aus der seine Familie in den 1930ern vertrieben und wo die "Arisierung" ihrer eigener Kunstsammlung vom damaligen Direktor eben dieses Museums überwacht wurde. Das Thema Angst kommt daher nicht von ungefähr: "Wien ist das Zentrum der Welt der Angst", sagt de Waal weiter.

Aber auch aus seinem eigenen Fundus hat er geschöpft: Eine als Reaktion auf diese Ausstellung geschaffene neue Arbeit mit dem Titel "During the Night", bestehend hauptsächlich aus seinen zum Markenzeichen gewordenen schlichten Bechern, und aus Scherben und Zinnbüchsen - in einem Regal anordnet. Es ist das einzige Objekt, das an der Wand hängt. Alle anderen sind in Vitrinen ausgestellt, in einem großen finsteren Ausstellungsraum. Nur das geschickt eingesetzte Licht ermöglicht einen Blick auf die Vergegenständlichung der Angst.

Zum zweiten ist auch sein berühmter Hasen ausgestellt - sein eigenes Schutzobjekt, das ihn bei seinen Reisen in die Vergangenheit seiner Familie Ephrussi stets begleitete. "Der Hase mit den Bernsteinaugen" ist ein kostbares japanisches Netsuke, das vor dem Eingang in die Ausstellung in einer Vitrine platziert wurde. Erstmals seit der Vertreibung seiner Familie ist das Netsuke nun wieder offiziell in Wien. Für de Waal auch wichtiger persönlicher Begleiter auf diesem Weg in die Finsternis. "Er sitzt da draußen. Da fühle ich mich sicher."

Informationen
1. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017, Kunsthistorisches Museum Wien
Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien.
Öffnungszeiten: Juni bis August täglich 10 – 18 Uhr
Do bis 21 Uhr.