Keine Diskussion über Diskurs kommt heute ohne Social Media aus. Katia Wagner, Moderatorin und Kolumnistin der "Krone", wurde mit einem Facebookposting über das Arbeitsinspektorat einer großen Öffentlichkeit bekannt und bricht eine Lanze für Debatten in diesen virtuellen Räumen: "Soziale Medien fördern die Meinungsvielfalt. Es ist nicht mehr wie früher, wo einige wenige Redakteure entscheiden, was zum Thema werden kann". Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", bestätigt diese Annahme, kontert aber, dass diejenigen, die vor Facebook und Co. mächtig waren, nach wie vor mächtig geblieben sind.

Soziale Medien würden Diskursen die Tiefe nehmen, mein Moderator Milo Tesselaar. Zwischen dem "Recht des Lauteren" und der täglichen Sau, die durch das Twitterdorf getrieben werde, bleibt die Differenzierung, der Zwischenton auf der Strecke. Wagner ergänzt, dass diese Form der Kommunikation maximal eine Ergänzung sein kann und kein Ersatz.

Wie tief sind wir gespalten?

Ausgehend von der lauten Minderheit auf Social Media, meint Hämmerle, dass die Spaltung der Gesellschaft in Österreich auf gute Weise orchestriert werde: "Es gibt zwei Hälften in diesem Land, die sich ideal ergänzen": Eine Van-der-Bellen-Mehrheit und eine schwarz-blaue Mehrheit, die entstehen, weil die Bevölkerung weit komplexer ist, als es sich die "Wächter des öffentlichen Diskurses" vorstellen. Er bezeichnet die Österreicherinnen und Österreicher pragmatisch und lebensnah, mit einem guten Bauchgefühl für Politik. Denn die kritische Masse ist im Gegensatz zu anderen Ländern stark in der Mitte angesiedelt. Das zeuge von einer unglaublichen demokratischen Reife, die dem Land oft abgesprochen werde. Dabei sieht er auch die Journalisten und Medien in der Pflicht, den öffentlichen Diskurs distanzierter zu "betreuen": "Es geht darum, Menschen zu ermächtigen, einen Sachverhalt zu beurteilen. Auch wenn das der Meinung des Autors widersprechen kann".

Ist ein mündiger Bürger möglich?

Tesselaar stellt abschließend die Frage, wie weit man von einem mündigen Bürger ausgehen kann. Hämmerle und Wagner sind sich schnell einig, dass man Demokratie ohne diese Annahme gar nicht ernst nehmen kann. Das würden die Wahlergebnisse der letzten 75 Jahre bestätigen. Diese sagen nicht nur etwas über Wahlsieger, sondern auch über die Alternative aus, sagt Hämmerle: "Der Wahlverlierer konnte mit seinem Angebot nicht überzeugen".

Unabhängig von der Mündigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger ist Demokratie als System nicht statisch: "Demokratie ruht auf Pfeilern, die sie selber abschaffen kann. Menschenrechte, Grundrechte, Freiheitsrechte.", sagt Hämmerle. Wagner sieht deshalb die Bevölkerung noch mehr in der Pflicht und darin die Zukunft der Demokratie: "Die Regierung hat bei der Umsetzung der direkten Demokratie einen Fehler begangen, das ist zu zaghaft". Tesselaar schließt mit der Annahme, dass Mündigkeit und Freiheit trotzdem keine statischen Zustände sind. Und das wirft weitere Fragen auf: "Wie bleiben wir so und noch mehr?".