Lässt sich die Klimafrage mit der sozialen Frage verbinden? Ist ein "gutes Leben" für alle möglich? Wie kann man allen Menschen in einer Gesellschaft gerecht werden? Und können globale wie lokale Auswirkungen des Klimawandels mit Konzepten der Gerechtigkeit überhaupt in Verbindung gebracht werden? "Die Gerechtigkeitsdebatte hat viele Ebenen, und wir diskutieren sie auch auf vielen Ebenen", betont Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz. In Anlehnung an den EU-Kommissar für Klimaschutz, Frans Timmermans, betonte sie, dass der Klimaschutz als Prozess nur dann gelingen könne, wenn die Transition, also der Übergang, auch ein gerechter ist.

Gewessler war gemeinsam mit Sabine Herlischka (CEO von Infineon Technologies Austria AG) und der Rechtsanwältin Michaela Krömer zu Gast bei der "Wiener-Zeitung"-Diskussionsreihe future ethics, Chefredakteur Walter Hämmerle moderierte.

"Eine wesentliche Ebene in der Gerechtigkeitsdebatte ist die soziale, globale wie lokale", betonte die Ministerin weiter. So spüren arme Menschen die Auswirkungen als erste, sie können sich schlechter gegen Wetterextreme schützen, wohnen in schlecht gedämmten Wohnungen oder entlang stark befahrener Straßen. Eine zweite Dimension der Gerechtigkeit betreffe die Generationenfrage: Vieles davon, was wir heute erleben, hat Ursachen, die schon länger zurück liegen. "Die es am schlimmsten betreffen wird, sind heute vielleicht noch gar nicht geboren."

Screenshot vom Podium mit Ministerin Gewessler und Chefredakteur Hämmerle.  
- © Screenshot

Screenshot vom Podium mit Ministerin Gewessler und Chefredakteur Hämmerle. 

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Eine Möglichkeit, in Österreich in diesem Zusammenhang mehr Gerechtigkeit zu bekommen, sieht die Rechtsanwältin Michaela Krömer unter anderem im Artikel 1 der Kinderrechte. Darin ist verankert, "dass das Kindeswohl im Sinne einer Generationengerechtigkeit zu berücksichtigen ist". Krömer hat die erste Klimaklage gegen die Republik Österreich eingebracht und ist kürzlich mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden. "Was wir bei der Klimakrise auch sehen, ist, dass lang bestehende Defizite kumulieren. Soziale Ungerechtigkeiten gibt es schon sehr lange.

Das eskaliere, so die Rechtsanwältin, die einen weiteren Aspekt in die Diskussion einbrachte: "Wer kann es sich überhaupt leisten, vor Gericht zu gehen? Das sieht man bei der Klimakrise auch." 

Nachhaltigkeit als Stabilität

Sabine Herlischka, CEO von Infineon Technologies Austria AG, betonte wiederum die Rolle der Nachhaltigkeit als wichtigen Eckpfeiler, nämlich in einem breiten Sinn: ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Dieser Dreiklang sei sehr wichtig, betonte sie. "In Zeiten, die so bewegt sind, wo auch politische Systeme so volatil werden, sind in vielerlei Hinsicht die Unternehmen diejenigen, die sehr viel mehr an Stabilität bieten", meinte sie. Einer Sichtweise, der Ministerin Gewessler nicht viel abgewinnen konnte.

Doch was kann Politik und Gesellschaft im Konkreten tun? Gewessler: "Konkretes Tun heißt: von heute bis 2040 mit den Emissionen radikal runter. So schnell wie möglich. Und das heißt, dass wir alle einen Beitrag leisten müssen." Doch was ist der gerechte Beitrag jedes Einzelnen? "In Summe sind wir lange nicht dort, wo wir sein müssen. Als Gesellschaft insgesamt." Im Laufe der anregenden Diskussion wurde unter anderem über die Rolle von Unternehmen, das Verursacherprinzip, über Verzicht und Digitalisierung, Flugtickets, Föderalismus und die gegenwärtige Krise gesprochen.  

Siehe weiters dazu auch: "Brauchen Empfinden für Dringlichkeit" 

Podium: Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie; Sabine Herlischka, CEO, Infineon Technologies Austria AG; Michaela Krömer, Rechtsanwältin. 

Moderation: Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung"

Begrüßung: Maria Katharina Moser, Direktorin Diakonie Österreich