Am Podium: Walter Hämmerle, Donata Romizi, Friedrich Stadler und Elisabeth Nemeth. 
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Am Podium: Walter Hämmerle, Donata Romizi, Friedrich Stadler und Elisabeth Nemeth.

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Werden Ausnahmemenschen verehrt, wird die Masse verachtet, lautet sinngemäß eine der zentralen Thesen von Edgar Zilsel. Der Wiener Philosoph wurde 1891 in Wien geboren, er studierte Mathematik, Physik und Philosophie und arbeitete danach als Versicherungsmathematiker und Mittelschullehrer. Als Austromarxist publizierte er in Zeitungen und Zeitschriften, er förderte Volksbildung und war unter anderem auch Anhänger der positivistischen Richtung des "Wiener Kreises". "Er hatte ein unglaubliches Wissen durch alle Disziplinen und damit verbunden eine große Lebendigkeit", beschrieb die italienische Philosophin Donata Romizi in der Diskussionsreihe "dialogic" den Wiener Theoretiker. "Man spürt in seinen Texten eine große Wissenslust, die stark mit einer Lebenslust verbunden ist".  

1938 wurde Zilsel mit seiner Ehefrau und Sohn Paul zur Emigration in die USA gezwungen, 1944 nahm er sich dort das Leben. Sein bekanntestes Werk "Die Entstehung des Geniebegriffs" wurde 1926 veröffentlicht. Zilsel untersuchte darin, wie die Genieverehrung des 19. Jahrhunderts zustande kam. Er zeigte darin mittels Psychologie, Philosophie und historischen Mitteln die sozialen Mechanismen auf.

"Moderne Verehrung der Genies unterscheidet er von dem, was es traditionell immer gegeben hat: nämlich Heldenverehrung", führte der Philosoph Friedrich Stadler dazu aus. "Die Verehrung von herausragenden Personen, die dieselben Ziele verfolgen, wie die, die sie verehren, gab es immer schon". Das Charakteristische für die Moderne laut Zilsel: Es wird nicht mehr das Ziel verehrt, sondern der Personenkult wird auf die Spitze getrieben und den Personen wird eine außergewöhnliche Fähigkeit attestiert, die über der Masse erhaben ist.

Diskussionrunde anlässlich des Erscheinens von Edgar Zilsel: Philosopher, Historian, Sociologist. Ed. Donata Romizi, Monika Wulz, Elisabeth Nemeth. Vienna Circle Institute Yearbook 27, Springer 2022.

 

Dialogic: Die Diskussionsreihe der "Wiener Zeitung", der Ludwig Wittgenstein Gesellschaft und der Wienbibliothek im Rathaus.

"Das was er unter Genieverehrung verstanden hat, das ist heute nicht mehr existent", betonte wiederum die Philosophin Elisabeth Nemeth, Vizepräsidentin der Ludwig Wittgenstein Gesellschaft. Er habe mit dem Phänomen des Genies etwas anderes gemeint als nur das Verehren von einzelnen mehr oder weniger zufälligen Gestalten. Charakteristisch war unter anderem Dogmatik und damit verbunden bestimmte Glaubenssätze. Nemeth: In Bezug auf Verehrungsstrukturen wie den Influencern würde Zilsel sagen: "Das müssen wir uns anschauen. Empirisch, medientheoretisch, psychologische, soziologisch. Welcher Kontext macht Sinn, historische Vergleiche zu ziehen oder: Hat so ein Vergleich überhaupt Sinn? Wer weiß, was diese Influencer sind? Kein Mensch weiß das", betonte sie.

Romizi sah das anders: Einer der zentralen Aspekte Zilsels zum Thema sei auch heute noch aktuell: nämlich jener der Leere. "Man hat in der Antike Helden verehrt, weil sie für etwas standen, weil sie bestimmte Tugenden hatten. In der Moderne gibt es diesen Enthusiasmus nur um des Enthusiasmus willens. Das Genie ist nur mehr formal. Es gibt keine Substanz mehr".  

Es diskutierten Elisabeth Nemeth, (Institut für Philosophie an der Universität Wien und  Vize-Präsidentin der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft), Donata Romizi, (Institut für Philosophie Universität Wien), und Friedrich Stadler (Institut Wiener Kreis, Universität Wien und Wiener Kreis Gesellschaft). Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", moderierte die Veranstaltung. 

Begrüßung: Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek; Martin Fleischhacker, Geschäftsführer Wiener Zeitung

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