Dass das menschliche Leben aus mehr besteht als aus reinen Verbrennungs- und Oxidationsprozessen, dass der Mensch mehr ist als eine von Aktion und Reaktion bewegte Maschine, das war in der Wissenschaft bis ins 20. Jahrhundert kaum Thema. Ein Weltbild dominierte, welches die gesamte Wirklichkeit auf die Gesetze mechanischer Bewegungen zurückführte. Eine der wesentlichen Einflüsse, dieses Menschenbild zu ändern, waren die Arbeiten des Wiener Kreises - allen voran von Moritz Schlick sowie von Karl und Charlotte Bühler. Sie setzten dem mechanistischen Weltbild ein ganzheitliches entgegen und führten den Handlungsbegriff auf das Leben ein. 

"Beim Handlungsbegriff muss man davon ausgehen, dass sich Lebewesen orientieren, d.h. sie reagieren nicht, sondern orientieren sich. Das ist eine Vorhandlung. Erst danach bewegen sie sich. Das sind Entscheidungsvorgänge", sagte Gerhard Benetka von der Sigmund Freud Privat Universität in Wien dazu. Er war gemeinsam mit Janette Friedrich von der Université de Genève und Friedrich Stadler vom Institut Wiener Kreis zu Gast war bei der Veranstaltungsreihe Dialogic. Moderiert wurde die Veranstaltung der "Wiener Zeitung", der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft und der Wienbibliothek im Rathaus.

Als Schlüsseljahr für den Wendepunkt in der wissenschaftlichen Philosophie und Psychologie gilt das Jahr 1922, das Friedrich Stadler "annus mirabilis" in der Moderne bezeichnete – als ein "Wunderjahr in der Literatur, Sprachkritik", auch in Wien. Denn in diesem Jahr bekamen Karl Bühler und Moritz Schlick philosophische Lehrstühle der Universität Wien, gleichsam Auftakt zu den richtungsweisenden Erkenntnissen in der Philosophie und Psychologie.

- © WZ/APA Picture Desk
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Mit dem Wirken von Charlotte Bühler wurde wiederum die Entwicklungspsychologie etabliert und der Weltruhm der Wiener Psychologie um das Ehepaar Bühler auch durch das Pädagogische Institut der Stadt Wien begründet. Beiden Strömungen war der Fokus auf die Sprache, sowie die empirische und experimentelle Ausrichtung mit interdisziplinärer Methode gemeinsam – was auch zur Zusammenarbeit in Forschung und Lehre führte.

Zentrales Thema war die Gestalttheorie, formuliert seit Lao-Tse, Platon und Aristoteles: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Diese bekannte Aussage wurde schon damals erkenntnistheoretisch und sprachkritisch unterschiedlich diskutiert. "Die Ideologisierung von Ganzheit stand auf der Tagesordnung damals – Nation, Volk, als Ganzes," betonte Stadler. Dagegen habe Schlick sich gewandt und den Gestaltbegriff, die Gestalttheorie, abgegrenzt gegenüber "dieser extrem spekulativen und politisch bedenklichen Ausformulierung".  

Sprachkritik, der Begriff der Ganzheit oder die Vorstellungen der menschlichen Entwicklung standen im Zentrum der Veranstaltung Aber auch Fragen nach der Relevanz dieser drei herausragenden Wissenschafter für die Gegenwart wurden diskutiert.

Begrüßung: Anita Eichinger, Direktorin Wienbibliothek; Wolfgang Renner, "Wiener Zeitung"

Einführung: Elisabeth Nemeth, Institut für Philosophie, Universität Wien, Vize-Präsidentin der Österreichischen Wittgenstein Gesellschaft

Podium: Gerhard Benetka, Sigmund Freud Privat Universität, Wien; Janette Friedrich, Université de Genève, Faculté de psychologie et des sciences de l'éducation; Friedrich Stadler, Institut Wiener Kreis, Universität Wien und Wiener Kreis Gesellschaft

Moderation: Walter Hämmerle, Chefredakteur "Wiener Zeitung"