Für das Wirtschaftssystem ist Wachstum nach wie vor von zentraler Bedeutung. Doch Wachstum verbraucht riesige Mengen an Ressourcen und befeuert die Klimakrise. Kann ein ökologischer Umbau gelingen, ohne dabei soziale und wirtschaftliche Krisen zu riskieren? Welche Anreize müssen geschaffen werden? Ist Verzicht die einzige Alternative? Und inwieweit kann Innovation helfen?  

Verzicht, so Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, sei in diesem Zusammenhang jedoch der falsche Begriff: "Das hat eine Semantik, vom Bestehenden weniger zu haben", sagte er. Brand war gemeinsam mit Thomas Schuh, Nachhaltigkeitskoordinator der ÖBB-Infrastruktur AG, und Sigrid Stagl vom Institute for Ecological Economics der Wirtschaftsuniversität Wien am Podium der Diskussionsrunde "Wissen schafft Diskurs", die die "Wiener Zeitung" gemeinsam mit der Universität Wien – Postgraduate Center veranstaltet.

Wohlstand für "auskömmliches Leben"

Es gehe, Brand zufolge, unter anderem vielmehr darum, die planetaren Grenzen in den Blick zu nehmen. Und "es geht auch darum, dass in anderen Ländern und Kontinenten Wohlstand entwickelt wird, dass ein minimaler Wohlstand für ein auskömmliches Leben möglich wird."

Abgesehen von einem anderen Wohlstandmodell seien auch subjektive Voraussetzungen wichtig. "Hoffentlich werden wir in ein paar Jahren Regeln habe, dass das Fliegen nicht mehr 20 oder 40 Euro kostet." Es brauche andere Formen der Mobilität. Eine andere Form der Ernährung: kein Billigfleisch mehr, keine Fleischfabriken mehr. "Transformation heißt immer, subjektive Voraussetzungen zu schaffen, ein anderes Wünschen", so Brand. Aber auch die objektiven Voraussetzungen seien wichtig: "Wir brauchen Regeln und nicht Verzicht."

Veränderung hänge stark mit gesellschaftliche Prozessen, mit Routinen, Gewohnheiten und Erwartungen zusammen, betonte auch die Ökonomin Sigrid Stagl. Außerdem kritisierte sie den Fokus auf Innovation. "Wir müssen auch über Exovation reden", sagte sie. Das, was wir nicht mehr tun möchten. Wo wir Regeln setzen müssen. Technik sei wichtig, reiche aber nicht aus, um verändertes Verhalten zu schaffen.

Volkswirtschaft als Wissenschaft von Versorgungssystemen

"Wir brauchen auch eine Reform der Ökonomie. In der ökologischen Ökonomie sprechen wir dieser Tage sehr viel darüber, ob wir die Volkswirtschaft nicht als Science of Provisioning Systems betrachten sollen, also die Wissenschaft von Versorgungssystemen", sagte Stagl. Man könnte das in den europäischen Wohlfahrtsstaaten bestehende Konzept der Grundversorgung ausweiten. Als Beispiel nannte sie Grundversorgung mit nachhaltigen Energiediensten.

Zuvor hatte Stagl darauf hingewiesen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP), dessen Wachstum als ein Hauptziel der Wirtschaftspolitik gilt, nie als Wohlfahrtsmaß konzipiert gewesen sei, sondern als Produktionsmaß. Es sei absurd: "Solange das BIP wächst - und sei es auch nur ein bisschen - , ist alles gut. Aber wehe, es driftet ab", kritisiert die Ökonomin. Klassisches Beispiel: Bei einem Autounfall, der an sich für das Wohlbefinden der Menschen nichts Gutes sei,  steige das BIP, denn der Mechaniker verdiene an der Reparatur. (cra)

Podium: Ulrich Brand, Institut für Politikwissenschaft,
Universität Wien; Thomas Schuh, Nachhaltigkeitskoordinator der ÖBB-Infrastruktur AG; Sigrid Stagl, Institute for Ecological Economics, Wirtschaftsuniversität Wien.

Moderation: Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung"