• vom 19.02.2007, 07:15 Uhr

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Österreichischer Exil-Autor Jakov Lind verstorben




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Von WZ Online / APA

  • Der österreichische Exil-Schriftsteller, Maler und Schauspieler Jakov Lind ist am Samstag im 81. Lebensjahr gestorben. Zentrale Themen im Werk des Erzählers und Dramatikers Lind waren die Ich-Suche, der Verlust der Identität im Terror des Faschismus. Jakov Lind hat die Identitäten, die Namen, die Berufe, die Sprachen, die nationalen Zuordnungen oft gewechselt, zumeist wechseln müssen, um zu überleben. Seit mehr als 50 Jahren war London sein Hauptwohnsitz, seit langem schrieb er nur noch in englischer Sprache. Lind hätte am 13. März den diesjährigen Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil erhalten sollen.

Jakov Lind (J. Landwirth) wurde am 10. Februar 1927 als Sohn ostjüdischer Eltern in Wien geboren. 1938 gelangte der elfjährige Schüler des jüdischen Gymnasiums in Wien gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester über eine Flüchtlingsorganisation nach Holland, wo er zunächst von einer wohlhabenden Familie aufgenommen wurde und sich später auf einer jüdischen Jugendfarm auf ein künftiges Leben in Palästina vorbereitete. Nach der deutschen Okkupation der Niederlande tauchte Lind mit gefälschten Papieren in Deutschland unter. Als Jan Gerrit Overbeek heuerte er 1943 auf einem Rheinschlepper an, 1944 leistete er Kurierdienste für den Chef eines Forschungsinstituts des Reichsluftfahrt-Ministeriums. Das Kriegsende überlebte er in Hamburg. Nach dem Krieg versuchte er sich unter anderem in Israel und Wien als Gelegenheitsarbeiter und Schauspieler. 1954 ließ er sich schließlich in London nieder, wo er zunächst auch als Film-Agent und Privatdetektiv tätig war.


In den sechziger Jahren debütierte Jakov Lind als Autor im Umkreis der Gruppe 47. Sein international beachtetes erstes Buch "Eine Seele aus Holz" (1962) wurde im englischsprachigen Raum gefeiert, wo man Vergleiche mit Kafka und Beckett zog. Die deutsche Kritik verhielt sich bis heute weit reservierter gegenüber dem literarischen Einzelgänger, dem "Ruhestörer" (Marcel Reich-Ranicki), der von Verfolgung und Überleben in einer absurden Albtraumwelt nicht aus der Perspektive des leidenden Opfers, sondern der des "fast übermütigen Schelms" (Reich-Ranicki) mit Sinn für Ironie und groteske Situationen berichtete. Vor rund zehn Jahren setzte im deutschsprachigen Raum eine zaghafte, späte Lind-Neuentdeckung ein. 1997 wurde der Autor von der Stadt Wien mit der Goldenen Ehrenmedaille ausgezeichnet. Der Picus Verlag brachte im selben Jahr in der Reihe Österreichische Exilliteratur Linds autobiografische Trilogie "Selbstporträt", "Nahaufnahme" und "Im Gegenwind" heraus.



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Dokument erstellt am 2007-02-19 07:15:58
Letzte Änderung am 2007-02-19 07:15:00


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