• vom 11.11.2006, 00:00 Uhr

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Nahost

Der Basar ist in Lebensgefahr




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Von Robert Schediwy

  • Die syrische Hauptstadt Damaskus ist ein lehrreiches Beispiel für Aufstieg und Niedergang der traditionellen orientalischen Stadtkultur.

Noch gibt es traditionelle Suks in Damaskus - aber wie lange noch? Foto: Aus dem unten zitierten Buch "Damaskus - Verborgene Schätze im Orient"

Noch gibt es traditionelle Suks in Damaskus - aber wie lange noch? Foto: Aus dem unten zitierten Buch "Damaskus - Verborgene Schätze im Orient" Noch gibt es traditionelle Suks in Damaskus - aber wie lange noch? Foto: Aus dem unten zitierten Buch "Damaskus - Verborgene Schätze im Orient"

Ankunft in Damaskus am Nachmittag eines Werktages. Der Weg in die Vier-Millionen-Metropole führt an ärmlichen, sichtlich zum Teil in Eigenarbeit erstellten Bauten einer Palästinensersiedlung vorbei. Enges Gassengewirr - aber auf jedem der flachen Häuser eine Satelliten-Schüssel. Langsam nähern wir uns dem Zentrum der Stadt. Der enorme Verkehrsstau gibt uns Zeit für Beobachtungen. Hinter dem historistischen Gebäude des alten Hedjaz-Bahnhofs klafft eine tiefe Baugrube. Wie wir später erfahren, soll hier ein Büro- und Hotelkomplex entstehen, sowie die erste Teilstrecke einer U-Bahn. Am zentralen Merdjeh-Platz steht ein riesiger Rohbau inklusive Moschee als Spekulationsruine. Breite, europäisch geprägte Straßenzüge mit staubigen Steinfassaden sind durch Fahrbahntrennungen und Fußgängerbrücken "autogerecht" ausgestaltet.


Nur selten entdeckt man im Fahrzeuggewirr einen der ärmlich aussehenden, zerbeulten kommunalen Busse. Ein kurzes Stück fahren wir die Shukri al Quatli-Straße nach Westen, entlang dem kanalisierten Barada-Fluss, der seit alters her die Ghuta, das grüne Paradies rund um die Stadt, speist. Offenbar ist das die aktuelle Hauptachse für Prestigebauten, obwohl selbst hier die lieblose, stadtautobahnmäßige Gestaltung keinen Avenue-Charakter aufkommen lässt. Dem Stadtplan entnehmen wir, dass sich an dieser Entwicklungsachse das Nationalmuseum befindet und weiter draußen, am sternförmigen Omayyaden-Platz, die große Bibliothek und das neue Opernhaus von Damaskus. Gegenüber dem Nationalmuseum, noch nicht im Plan enthalten, steht seit kurzem, recht dekorativ, das monumentale Four Seasons-Hotel. Schließlich erreicht der Bus unsere eigene, bescheidenere Unterkunft in der Nähe der Maysaloun-Straße.

Was hier am Beispiel von Damaskus dargestellt wurde, könnte nach Austausch weniger topographischer Bezeichnungen von jeder beliebigen Großstadt Nordafrikas oder des Vorderen Orients berichtet werden. Dahinter steht der Untergang der traditionellen, Jahrtausende alten orientalischen Stadt mit ihrem fußläufig erschlossenen Gassengewirr.

Ja, es gibt sie noch, die Suks, die Medinas, auch in Damaskus, aber sie sind auf Rückzugsräume reduziert. Der um 1900 allerorts eingeführte kolonial-europäisch geprägte Stadttypus mit Avenuen, die heute vom Individualverkehr geprägt (und verstopft) werden, hat sich durchgesetzt und wird längst auch von den einheimischen Eliten forciert - mag auch die Zahl der Kopftuch und Schleier tragenden Frauen in den letzten Jahrzehnten der schleichenden oder offenen Islamisierung stark gewachsen sein. Nur in winzigen Kernbereichen der Altstädte, in den Armenvierteln und Flüchtlingslagern, zeigt sich noch ein Nachwirken der klassischen orientalischen Stadttradition.

Von Aleppo bis Meknes, von Istanbul bis Tunis entwickelte sich nach dem Untergang des Römerreiches und seiner Straßen der klassische islamische Stadttypus, der eine adäquate Anpassung der Siedlungsform an die geänderten gesellschaftlich-religiösen Verhältnisse vollzog. Obsolet gewordene öffentliche Räume wurden überbaut oder umgestaltet.

Heute ist dieser Stadttypus todkrank, wenn auch von so wohlmeinenden wie etwas ratlosen Stadtplanern als urbanen Ärzten umgeben. Der Anteil der überdachten Suks oder Bazare der Altstadt am gesamten Einzelhandelsaufkommen sinkt, die orientalischen Altstädte verslummen, die im Inneren oft prächtigen Hofhäuser mit ihren zauberhaften Brunnen und Zitronenbäumen werden unterteilt (in Damaskus werden daraus nicht selten billige Pilgerhotels). Die Basare kränkeln dahin.



Bedrohtes Kulturgut
Die zentrale Lage und der damit verbundene hohe Bodenwert, bei gleichzeitig gegebener flacher Bebauung, erzeugt zudem den ungeheuren Druck, die Altstadtviertel bis auf ein Minimum "wegzuräumen". Die Altstadt von Damaskus, seit dem Jahr 1979 Unesco-Weltkulturerbe, ist daher von Icomos um die Jahrtausendwende unter die bedrohten Kulturgüter ( Heritage at Risk ) eingereiht worden. Ob das etwas hilft?

Freilich sind in dieser Region auch schon andere urbanistische Formen untergegangen. In nahezu allen Ländern des heute arabisch geprägten Mittelmeerraumes finden sich monumentale Reste antiker Zivilisation: Von der syrischen Oasenstadt Palmyra oder dem jordanischen Gerasa bis zum riesigen Amphitheater der heutigen tunesischen Provinzstadt El Djem oder den von Albert Camus gefeierten Ruinen von Tipasa in Algerien. Diese Zeugnisse hellenistischer und römischer Städtebaukunst machen deutlich, dass sich aufgrund der islamischen Eroberung die urbanistischen Grundlagen dauerhaft geändert haben.

Durchwandert man als Syrientourist die rekonstruierten monumentalen Säulenstraßen des syrischen Apameia oder Palmyra kommt man nicht umhin, eine gewisse Vertrautheit mit diesen antiken Stadtmodellen zu empfinden. Die Straßen, die Tempel und Tempelvorplätze stehen uns geistig nahe, allerdings auf indirekte, vermittelte Weise.

Ganz anders verhält es sich mit der orientalischen Altstadt, wie etwa der in Damaskus. Sie war von der Antike bis in die Neuzeit kontinuierlich besiedelt. Das Beispiel der auf einer frühchristlichen Johannesbasilika und einem dem Jupiter geweihten Tempelkomplex beruhenden Omayyaden-Moschee macht deutlich, dass hier organische Umgestaltungen und nicht gelehrte Rückbesinnungen stattgefunden haben. Spiro Kostof, der große amerikanische Architekturhistoriker, dokumentierte, wie der Untergang der Selbstverwaltungsinstitutionen der antiken Stadt vor allem deren öffentliche Räume betraf. Die Rechtwinkeligkeit des Straßenrasters wurde aufgelöst, indem sich Trampelpfade quer durch antike Ruinengebiete bildeten. Die antiken Blockstrukturen wurden nach religiösen, landsmannschaftlichen und verwandtschaftlichen Kategorien reorganisiert, wobei die verbliebenen durchgehenden Straßen zu Grenzlinien solcher Clanstrukturen wurden. Innerhalb des Quartiers wurde die Sackgasse zum bestimmenden Element, die große Freitagsmoschee wurde zum neuen Brennpunkt des öffentlichen Lebens - im Falle Damaskus in nahtlosem historischen Anschluss an den antiken Kultbezirk.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-11-11 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-11-10 14:39:00


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