• vom 24.11.2006, 17:17 Uhr

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Update: 01.12.2006, 17:08 Uhr

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Gerhard Maria Rossmann: Wunderbare Bilder im Kopf




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Von Irene Prugger

  • Der Schriftsteller Gerhard Maria Rossmann ist gelähmt, blind und taub. Man kann mit ihm nur Kontakt aufnehmen, indem man ihm Buchstaben auf die Stirn schreibt.

Marion Küng liest Rossmann vor, indem sie ihm geduldig ganze Romane auf die Stirn schreibt, sie lässt sich seine Texte diktieren und überarbeitet sie nach seinen Angaben. Foto: Prugger

Marion Küng liest Rossmann vor, indem sie ihm geduldig ganze Romane auf die Stirn schreibt, sie lässt sich seine Texte diktieren und überarbeitet sie nach seinen Angaben. Foto: Prugger

Gerhard Maria Rossmann vertraut auf die ihm einzig mögliche Verständigungsart. Foto: Richard Sonderegger

Gerhard Maria Rossmann vertraut auf die ihm einzig mögliche Verständigungsart. Foto: Richard Sonderegger Gerhard Maria Rossmann vertraut auf die ihm einzig mögliche Verständigungsart. Foto: Richard Sonderegger

"Es ist immer dasselbe, routinemäßig, gedankenlos, die allmorgendliche Ankleidung, der Waschgang und das tägliche Honigbrot mit dem Tee aus China oder Japan, den ich mir in meiner Genügsamkeit selbst kaufe: Man weiß schon längst, dass ich Kaffee zu trinken verabscheue, nicht zuletzt wegen der gesundheitsschädigenden Wirkung des Zuckers."

So beschreibt der 1964 in Göfis (Vorarlberg) geborene Gerhard Maria Rossmann in einem Prosatext den Beginn eines neuen Tages. Es ist ein gewöhnlicher Tag im Leben eines ungewöhnlichen Menschen, ein Tag in einem Altenpflegeheim, der nur wenig Zerstreuung bringen wird. Immerhin kann sich Gerhard Maria Rossmann auf den Besuch seiner Mutter oder von Freunden und Helfern freuen. Sie unterhalten sich mit ihm, indem sie ihm in Blockbuchstaben Wörter und Sätze auf die Stirn schreiben. Es ist die einzige Möglichkeit, mit ihm in Kontakt zu treten.


Im Alter von drei Jahren zeigten sich bei Gerhard Maria Rossmann erste Auswirkungen einer "Friedreichschen Ataxie", einer unheilbaren Nervenkrankheit, die ihm im Lauf der Jahre das Hörvermögen und das Augenlicht raubte und ihn in den Rollstuhl zwang. Da er auch seine Hände nicht bewegen kann und die Finger zum Teil gefühllos sind, ist es ihm nicht möglich, in Blindenschrift abgefasste Texte zu lesen. Dabei waren Bücher schon als Kind seine Leidenschaft.

Er hätte nach dem Hauptschulabschluss im Axamer Elisabethinum und dem Besuch des Polytechnischen Lehrgangs gern eine höhere Schule besucht, doch schon im ersten Jahr im Bundesoberstufenrealgymnasium Feldkirch zwang ihn die schlimmer werdende Krankheit zur Aufgabe seiner Pläne. Danach arbeitete er in einem Büro und in der Bücherei eines Krankenhauses. Schon damals war absehbar, dass er einmal völlig erblinden und ertauben würde. Gerhard Maria Rossmann nützte die Zeit, so viel wie möglich zu lesen. Er verfasste auch erste eigene Texte, gezwungenermaßen auf einer Schreibmaschine, weil die Hand bereits die Schreibdienste versagte.

Ein Nichts aus Stille und Dunkelheit
Die Stirn ist mittlerweile die sensibelste Stelle seines Körpers. Dahinter steckt ein frischer, lebendiger Geist, der ständig Anregungen sucht. Die Bücher, die er in seiner Jugendzeit gelesen hat, sind ein Schatz, aus dem Gerhard Maria Rossmann auch heute noch schöpft. Die Vorratskammer seiner Fantasie hält ihn am Leben und am Schreiben.

Eine literarische Ausdrucksform für seine eigenen Gedanken und Gefühle zu finden hilft ihm, das Chaos im Kopf zu ordnen, das ihn sonst vielleicht verrückt machen würde, weil er ständig gegen das Nichts in einem Kerker aus Stille und Dunkelheit ankämpfen muss - wobei "Stille" relativ ist, denn er leidet unter ständigem Tinnitus. Seine "Schreibkraft" in mehrfachem Sinn ist seine Herzensfreundin Marion Küng, die zweimal pro Woche ins Pflegeheim nach Satteins kommt. Sie liest ihm vor, indem sie ihm geduldig ganze Romane auf die Stirn schreibt, sie lässt sich seine Texte diktieren und überarbeitet sie nach seinen Angaben. Die Arztassistentin hat vor neun Jahren eine Radiosendung über das Schicksal von Gerhard Maria Rossmann gehört und wollte es nicht bei bloßer Betroffenheit bewenden lassen. In der Sendung wurden Menschen gesucht, die bereit waren, Gerhard Maria Rossmann regelmäßig zu besuchen, um Abwechslung in sein Leben zu bringen. Marion ist dem Aufruf gefolgt - und hat es bis jetzt noch keine Minute bereut. Die Freundschaft, die sich seit der ersten Begegnung entwickelt hat, bedeutet ihr ebenso viel wie ihm, auch wenn sie ihr viel Zeit und Kraft abfordert. Sie bewundert Gerhards schriftstellerisches Talent, seine Klugheit, seinen Humor und vor allem seine ungebrochene Willenskraft, die ihn auch in besonders schwierigen Zeiten nicht verlässt, denn natürlich gibt es auch Phasen der Verzweiflung.

Gerhard Maria Rossmann hat gleich gewusst, dass er Marion seine Texte "blind" anvertrauen kann. Sie war es auch, die damit begonnen hat, ihm Buchstaben auf die Stirn zu schreiben. Gemeinsam haben sie ein Kürzel-System entwickelt, sodass mittlerweile ein intensiver Gedankenaustausch möglich ist. Geduld braucht es dabei dennoch von beiden Seiten. Eine Innsbrucker HTL ist gerade dabei, ein Gerät zu entwickeln, das diese Art der Kommunikation auf technischem Weg ermöglichen soll. Gerhard und Marion freuen sich darauf, weil es den Umgang miteinander erleichtern könnte, aber die menschliche Berührung wird dieses Gerät - selbst wenn es hervorragend funktionieren sollte - nicht ersetzen können, das wissen sie beide. Aus der emotionalen Berührung entsteht in ihrem Fall das Verstehen.

Mehrere bemerkenswerte Publikationen, wie "Zur Insel sehen" (Fouqué Literaturverlag. 2002) oder "Harte Straße" (Rhätikon Verlag Bludenz, 2005), sind in dieser ungewöhnlichen und äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit entstanden. Sie beinhalten gefühlvolle Gedichte, Kurzgeschichten und Prosatexte, die Einblick in eine menschliche Existenz geben, die zwar von unermesslichem Leid bestimmt ist, sich aber dennoch voll Zuversicht dem Leben zuwendet. Dass sein Schicksal zum Schlimmsten zählt, was sich ein Mensch überhaupt vorstellen kann, will Gerhard Maria Rossmann so nicht gelten lassen. Humorvoll skizziert er alltägliche kleine Geschichten, bringt seine poetische Begabung zum Schwingen und verleiht der Freude über erhebende Momente auf beeindruckende Weise Ausdruck. 2003 wurde ihm für seine Arbeit der Life Award verliehen, eine Auszeichnung für Menschen, die trotz Behinderung Außergewöhnliches leisten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2006-11-24 17:17:15
Letzte Änderung am 2006-12-01 17:08:00


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