• vom 26.01.2007, 16:23 Uhr

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Update: 26.01.2007, 16:45 Uhr

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Eich, Günter: Der unromantische Lyriker




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Von Markus Bundi

  • Vor hundert Jahren wurde Günter Eich geboren, der die deutschsprachige Nachkriegsliteratur entscheidend prägte. Von den Brüchen seiner Biografie wusste er stets abzulenken.

Keine Frage, Günter


Eich beeinflusste wie nur wenige die deutschsprachige Lyrik der Nachkriegszeit, und bis Mitte der 1950er Jahre galt er im Bereich Hörspiel als das Nonplusultra; man sprach vom "Eich-Maß", an dem sich jede Produktion zu messen hatte. Als "paradigmatisch" für die sogenannte Kahlschlagbzw. Trümmerliteratur werden noch heute Gedichte wie "Inventur" oder "Latrine" genannt, die Eich während der amerikanischen Gefangenschaft verfasste und später im Band "Abgelegene Gehöfte" (1948) veröffentlichte. Zu den wichtigsten Auszeichnungen Eichs zählten - folgerichtig - der Hörspielpreis der Kriegsblinden im Jahr 1953 sowie der Büchner-Preis sechs Jahre später.

Bis heute in Erinnerung geblieben sind die Zeilen: "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt." Sie stammen ursprünglich aus dem Hörspiel "Träumen" von 1951, doch baute Eich die Zeilen auch in spätere Reden ein, zum Beispiel beim Ostermarsch 1968 in Ulm. Und Jahre nach seinem Tod im Jahr 1972 tauchten die Zeilen während der "Häuserkämpfe" in Berlin und Frankfurt Ende der 70er Jahre wieder auf einer Postkarte auf, die einen Steine werfenden Demonstranten zeigte, der einem Heer von Polizisten gegenübersteht.



Werk oder Biografie?
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Dichters hat nun der Suhrkamp Verlag, der über die Rechte an fast allen zu Lebzeiten Eichs veröffentlichten Texten verfügt, sämtliche Gedichte neu herausgegeben. Dazu gibt es auch eine neue Ausgabe der "Maulwürfe" von 1968 - erstmals mit Illustrationen von Florian Ruhig. Zwei neue Bücher, das ist schön, könnte man meinen. Man könnte aber auch fragen: Ist das nicht schön wenig? Wäre es nicht an der Zeit für eine ausführliche Biografie jenes Schriftstellers, der einst das poetische Hörspiel begründet hat? Schärfte nicht eben dieser Eich den Blick für die konkreten (Alltags-)Dinge und gab somit der kommenden lyrischen Generation eine Perspektive, ganz ohne Pathos, frei von jeder falschen Idylle?

Schlägt man beispielsweise in Joachim Kaisers vor wenigen Jahren bei Harenberg erschienenem "Buch der 1000 Bücher" nach, so stellt man fest, dass Eich zwar keinen Eingang in das Kaiserliche Tausend fand, aber dennoch als einstiger Kollege der Gruppe 47 erwähnt wird, nämlich in einem Kästchen zu Hermann Kasacks Roman "Die Stadt hinter dem Strom". Der Text trägt den Titel "Deutsche Nachkriegsliteratur" und kreist um drei Autorengruppen, bzw. um die Begriffe "Emigrantenliteratur", "innere Emigration" und "junge Generation". Günter Eich wird - trotz seines Geburtsjahrgangs 1907 - der jungen Generation und damit der oft beschworenen literarischen "Stunde Null" zugeschlagen: "Abgrenzung vom Denken und Handeln der Vätergeneration bestimmte das Schreiben dieser Autoren", schreibt Joachim Kaiser dazu - wider besseres Wissen.



Eichs erste Karriere
Spätestens nachdem Axel Vieregg 1993 in der Edition Isele den Essay "Der eigenen Fehlbarkeit begegnet. Günter Eichs Realitäten 1933 - 1945" veröffentlicht hatte und damit eine Feuilleton-Debatte auslöste, die auch noch im Folgejahr anhielt, war klar, dass nach dem Krieg nicht Eichs erste, sondern seine zweite Karriere begonnen hatte. Und entgegen früherer Vermutungen war die erste Karriere weder eine zufällige noch eine unbedeutende. Die lange kolportierte Einschätzung, Eich hätte in jenen Jahren lediglich einige wenige harmlose Hörspiele verfasst und sich so einen bescheidenen Broterwerb gesichert, erwies sich - bei allem Wohlwollen muss es gesagt werden - als eindeutig falsch. Eich schrieb in dieser Zeit um die 150 Beiträge für den Deutschlandsender, darunter mindestens 35 Arbeiten für die bekannte Funkreihe "Deutscher Kalender. Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten". Und er wusste, was er tat: Die Hörspiele folgten klaren inhaltlichen Direktiven von Ottoheinz Jahn, dem damaligen Dramaturgen beim Deutschlandsender, der sich seinerseits an den Vorgaben von Joseph Goebels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda orientierte. In Stichworten: Volksgemeinschaft, Idylle, Blut und Boden.

Eich selbst agierte keineswegs naiv, sondern hinterfragte seine Rolle zum Beispiel im Hörspiel "Radium" (1937): Aus finanzieller Notwendigkeit dient sich ein Dichter der Großindustrie an, verfasst contre coeur Werbetexte, bis er - von sich selbst angewidert - in den Urwald flieht. Jener Dichter, Chabanais genannt (frz. für Bordell), der sich prostituiert, ist seinem Schöpfer ein naher Verwandter, der wiederum nichts anderes tat, als für ein verbrecherisches Regime Werbetexte zu verfassen. Allerdings mit einem Unterschied: In der Realität fand Eich keinen Urwald.

Wohl nicht ganz zufällig tauchte nach Viereggs Essay auch das verschollen geglaubte Hörspiel "Rebellion in der Goldstadt" von 1940 wieder auf und erwies sich, vom NDR Ende 1993 wieder gesendet, als das einst von Eich zum Thema "Englische Politik am Pranger" verfasste Propaganda-Werk, was Vieregg und andere aufgrund der erhaltenen Inhaltsangabe bereits vermutet hatten.

Was im Rückblick auf die Debatte in den 90er Jahren besonders ins Auge sticht, ist die Vielzahl irrationaler Versuche, Eichs Ruf auf irgendeine Weise dennoch zu retten - als wolle man an der Entscheidung von einst, Eich mit Andersch, Enzensberger, Grass, Walser und andern zur "jungen Generation" zu rechnen (und folglich zu denen, die - warum eigentlich? - von vornherein unverdächtig waren), nichts mehr ändern. Rückblickend erstaunt allein schon die Tatsache, dass Eich, der dank des beliebten "Landboten" schon 1945 einen Namen hatte, so schnell wieder beim Rundfunk und zugleich in der Gruppe 47 unterkommen konnte. Waren denn auf einen Schlag alle verschwunden, die von Eichs Vergangenheit wussten? Und: Sind denn jetzt all jene verschwunden, die in den Jahren 1993 und 94 die Debatte um Eich verfolgten oder gar aktiv mitgestalteten?

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Dokument erstellt am 2007-01-26 16:23:11
Letzte Änderung am 2007-01-26 16:45:00

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