• vom 09.02.2007, 17:06 Uhr

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Philosophie

Ein Don Quichote des Sozialismus




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Von Norbert Leser

  • Der marxistische Philosoph und Politologe Adam Schaff (1913 bis 2006) war ein Denker von Format, der sich den Widersprüchen seiner Zeit gestellt hat.

Beim Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. schwenkten polnische Gläubige die Fahnen der Solidarnosc - der Pole Adam Schaff billigte diese Entwicklung nicht. Foto: EPA

Beim Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. schwenkten polnische Gläubige die Fahnen der Solidarnosc - der Pole Adam Schaff billigte diese Entwicklung nicht. Foto: EPA

Beim Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. schwenkten polnische Gläubige die Fahnen der Solidarnosc - der Pole Adam Schaff billigte diese Entwicklung nicht. Foto: EPA

Beim Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. schwenkten polnische Gläubige die Fahnen der Solidarnosc - der Pole Adam Schaff billigte diese Entwicklung nicht. Foto: EPA Beim Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. schwenkten polnische Gläubige die Fahnen der Solidarnosc - der Pole Adam Schaff billigte diese Entwicklung nicht. Foto: EPA

Adam Schaff, der weit über sein Land hinaus bekannte polnische Philosoph und Politikexperte, ist im November vergangenen Jahres 93-jährig in seiner Heimat verstorben. Sein Tod hat in Österreich keinen nennenswerten Widerhall gefunden, was verwunderlich ist, hatte Schaff doch neben seinen zahlreichen Funktionen im politischen und geistigen Leben Polens jahrzehntelang zwei Standbeine in Wien. Zum einen leitete er seit 1963 ein sozialwissenschaftliches europäisches Institut mit Sitz in der Grünangergasse, zum anderen war er seit 1972 Gastprofessor für Sozialphilosophie an der Universität Wien. Er wäre dort auch gerne ordentlicher Professor geworden, sein Ruf als Ideologe des polnischen Kommunismus stand aber einer solchen Berufung im Wege.


Ich selbst hatte schon als Student der Jurisprudenz einiges über Adam Schaff gehört. Er war einer der ersten marxistischen Denker, die sich auch mit existentiellen Fragen, wie dem Schicksal des menschlichen Individuums (dem Schaff ein eigenes Buch widmete) und den Fragen von Leid und Tod, beschäftigten. Die marxistische Betrachtung der Welt war vor Schaff weitgehend auf die Probleme der Revolution, auf die Eroberung und Behauptung der Macht konzentriert, ohne sich zu fragen, wie der Mensch mit dieser neuen Realität zurechtkomme. Es war eines der Verdienste Schaffs, diese vernachlässigten Themen aufzugreifen. Freilich sind die Antworten, die die marxistische Philosophie und der Materialismus auf diese Probleme zu geben vermögen, mangels einer metaphysischen Perspektive dürftig. Schaff aber erkannte früher als andere, dass die Revolution und die eroberte Macht Stückwerk bleiben, wenn sie sich nicht auch dieser Fragen annehmen.

Er hielt den damals noch sehr einflussreichen Existenzialismus zwar für eine bürgerliche Ideologie, nahm aber die Herausforderung, die diese Strömung für den Marxismus bedeutete, ernst und widmete ihr mehrere Publikationen, so das Buch "Marx oder Sartre?" Darüber hinaus war Schaff ein angesehener Sprachphilosoph, seine "Einführung in die Semantik" stellte eine auch für Nicht-Marxisten brauchbare Annäherung an diese Disziplin dar.

All diese Leistungen und Aktivitäten wurden freilich durch seine Rolle als eine Art Chefideologe der polnischen KP überschattet. Die Kurzlehrbücher Schaffs über den dialektischen Materialismus stellten eine katechismusähnliche Zusammenfassung materialistischer Gedanken dar, die für Studierende aller Fächer Pflichtlektüre und Prüfungsgegenstand war. Schaff gehörte von 1955 bis 1969 dem Zentralkomitee der KP an, und war dank dieser Funktion, durch seine Verankerung in der Akademie der Wissenschaften und als Direktor des Instituts für Philosophie und Soziologie eine überaus einflussreiche Persönlichkeit.



Geist gegen Macht
Doch es sollte sich, wie schon in ähnlichen Fällen vor ihm, herausstellen, dass Geist und Macht auf Dauer nicht harmonieren, sondern an irgendeinem kritischen Punkt miteinander in Konflikt geraten. Schaff fiel den antisemitischen Säuberungen, die 1969 in Polen stattfanden, zum Opfer. Er war aber schon vor seiner Entfernung aus dem ZK als Dissident unangenehm aufgefallen, so dass seiner Entwicklung vom orthodoxen Parteigänger zum selbständig denkenden Geist und Abweichler nur nachgeholfen zu werden brauchte.

Ich selbst lernte Schaff in den frühen Siebzigerjahren persönlich kennen, als ich der erste Professor für Politikwissenschaft in der Zweiten Republik an der Universität Salzburg war. Wir begegneten einander im Salon der Gräfin Herberstein, die in ihrer Wohnung in der Salesianergasse Intellektuelle und Künstler um sich scharte und zu Wort kommen ließ. Schaff kam nach einem Vortrag, den ich in diesem Kreis hielt, auf mich zu und zeigte sich an einem Kontakt mit mir sehr interessiert. Wir vertraten nicht nur die gleichen Fächer, sondern waren auch existentiell in einer ähnlichen Situation. Obwohl ich nie eine so hohe Position in der SPÖ bekleidete wie Schaff in der polnischen KP, galt ich doch lange Zeit als einer der intellektuellen Wortführer der Partei und in Wahrnehmung dieser informellen Funktion als einer der Wegbereiter Kreiskys. Doch auch bei mir stellten sich im Laufe der Zeit Frustrationen und Kollisionen mit der Macht des Apparates ein. Obwohl zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie Welten liegen, lassen sich doch weder die Gemeinsamkeit des Ursprungs beider Richtungen noch gewisse bürokratische Deformationen, die beiden eigen sind, leugnen. Wir arbeiteten unsere wechselseitigen Enttäuschungen in langen Gesprächen und auf Ausflügen so gründlich miteinander ab, dass Schaff sagte: "Wir zwei gehören zusammen".

Je weiter die Zeit voranschritt, umso dramatischer entwickelte er sich von seinem Bezugssystem weg. Er wurde nicht nur in seiner Heimat als Unperson betrachtet, auch linke Studenten kritisierten ihn wegen revisionistischer Ansichten, so dass ich ihm mitunter in seinen Lehrveranstaltungen zu Hilfe kommen musste. Schaff verfolgte die Vorgänge in Polen mit zunehmendem Entsetzen. Ich erinnere mich an eine Äußerung aus seinem Munde, die für einen ehemaligen Chefideologen wahrlich erstaunlich war: "Der Kommunismus ist eine Bewegung, die nicht nur ihre Feinde, sondern ihre eigenen Exponenten und ihre eigene Geschichte getötet hat. Zwischen Lenin und Breschnew klafft ein großes schwarzes Loch, in das alle hineingefallen sind oder hineingestoßen wurden."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-02-09 17:06:38
Letzte Änderung am 2007-02-09 17:06:00


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