• vom 09.02.2007, 18:27 Uhr

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Gerald Freihofners Fußnoten

Ich werde ihn sehr vermissen




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  • Ursprünglich war an dieser Stelle die nächste Folge der Kriminalserie Soko Wien geplant. Der suspendierte Wiener Polizeikommandant Roland Horngacher bettelt ja förmlich um negative Berichterstattung. Zuletzt mit einem nächtlichen SMS an Polizeipräsident Peter Stiedl, in dem er ankündigte, er werde "bis zur letzten Patrone" um seine Rehabilitierung kämpfen. Lediglich einer seiner martialischen Sager oder doch eine gefährliche Drohung?

Mitten in die Recherchen zu diesem skandalösen Fall platzte die Nachricht, dass einer der ambitioniertesten und erfolgreichsten Journalisten der Zweiten Republik, Alfred Worm, verstorben ist. Noch vier Tage davor war der 61-Jährige als "Journalist des Jahres 2006" geehrt worden. Bereits bei dieser Feier hatte er angedeutet, sich zurückziehen zu wollen. Sein Herz funktioniere nicht mehr zufriedenstellend und - typisch Worm: "Elsner ist im Vergleich zu mir pumperlgesund".


Wir haben fast auf den Monat genau Mitte der 70er Jahre gleichzeitig als sogenannte Aufdeckungsjournalisten begonnen. Er beim auflagenstärkeren "profil", ich bei der kleineren "Wochenpresse". Auch wenn wir immer wieder als harte Konkurrenten gesehen wurden (Gerhard Vogl in seinem Zitatenbuch "Wer sagte was, wann, wo?"): "Aufdecker der Nation - diesen Titel haben sich Ing. Alfred Worm und Gerald Freihofner stets streitig gemacht"), hatten wir in Wirklichkeit ein entspanntes kollegiales Verhältnis.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein mitternächtliches Telefonat, als ich bei der präzisen Zahl eines Steuergeld-Betruges nicht firm war: Alfred stellte zu Hause sein Glas Rotwein zur Seite und ließ sein Pfeifchen erkalten, um mir - auf den Groschen genau - das fehlende Faktum zu suchen.

Besonders rührend war - insbesondere nach seinem ersten Herzinfarkt - die Sorge um die Gesundheit seiner Wegbegleiter: "Du solltest auf deinen Blutdruck achten und weniger arbeiten", riet mir der Workaholic.

Sein soziales Engagement hat er wahrscheinlich von seiner ebenfalls viel zu früh verstorbenen Mutter Adele Worm geerbt. Sie kämpfte bis zum letzten Atemzug im ÖAAB für - vor allem junge - Arbeitsplatzsuchende.

Wiewohl am Grabesrand eines Menschen angeblich nur Positives gesagt werden soll ("De mortuis nil nisi bene"), bin ich mir der Zustimmung von Alfred gewiss, wenn ich auch drei Themen erwähne, bei denen wir hitzige Debatten führten.

Zum einen rund um den AKH-Skandal: Worm hatte ein vertrauliches Gespräch mit dem AKH-Defraudanten Adolf Winter auf einem in der Aktentasche versteckten Tonband festgehalten. Als begnadeter Selbstvermarkter zeigte Worm eine "Kassette mit dem Geständnis" in der "Zeit im Bild" - worauf Winter tatsächlich gestand. Was Winter und die Zuschauer nicht wussten: Auf dem Mitschnitt rauschte es nur, Worm hatte sich am Küniglberg eine ganz andere Kassette besorgt (auf der, wie er mir erzählte, "der Spatz von Paris", Mireille Mathieu, trällerte).

Immer wieder diskutierten wir auch darüber, warum er den Verlockungen der Politik nicht widerstand und 1983 als ÖVP-Gemeinderat ins Rathaus übersiedelte. Nach fünf Jahren kehrte er reumütig in den Journalismus zurück. Und schließlich überraschte viele, dass und wie sich "das Gewissen der Nation" in "News" für Thomas Klestil als Kalligraf betätigte.

Seine große Zeit als Aufdecker hat Alfred Worm 1975 mit dem "Bauring"-Skandal begonnen, in den er sich als Ingenieur für Hoch- und Tiefbau verbiss. Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass die Firma "Bauring Bauen und Planen" fast gleichzeitig in Konkurs ging und gelöscht wurde (Aktenzeichen 2 S 41/03x), als das Journalistenherz von Freund Alfred Worm zu schlagen aufgehört hat.

fussnoten@wienerzeitung.at



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-02-09 18:27:40
Letzte Änderung am 2007-02-09 18:27:00


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