• vom 22.01.2007, 17:59 Uhr

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Türkischer Literaturnobelpreis-Träger Orhan Pamuk macht Regierung für Journalisten-Mord mitverantwortlich

Hunderte zu Begräbnis von Hrant Dink erwartet




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  • "Türkentum-Paragraf muss weg".
  • Hintermänner des Anschlags gesucht.
  • Istanbul. Hunderte Menschen werden heute, Dienstag, zur Trauerfeier für den ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink erwartet. Auch ausländische Gäste, unter ihnen Vertreter der armenischen Regierung, der armenischen Diaspora sowie mehrere EU-Politiker, sagten sich für das Begräbnis an.

Das Attentat auf den bekanntesten Vertreter der armenischen Minderheit und Herausgeber der Wochenzeitung "Agos" am Freitag vor dessen Büro in Istanbul hat in der Türkei großes Aufsehen erregt. In mehreren Städten fanden Solidaritätskundgebungen für den 52-Jährigen statt. Die Regierung von Recip Erdogan müsse die wahren Hintermänner des Mordanschlags finden, forderten Zeitungskommentatoren. Zwar hat ein 17-jähriger Schulabbrecher aus der Provinz nach seiner Verhaftung am Sonntag bereits gestanden, dass er den Schuss auf Dink abgefeuert hatte. Kaum jemand in der Türkei glaubt aber ernsthaft, dass es sich bei Ogün Samast um den Drahtzieher handelt. Die Auftraggeber werden vielmehr in politisch organisierten UltranationalistenKreisen vermutet; als Name tauchte etwa jener von Ex-General Veli Kücük auf, der die Vorwürfe aber vehement zurückwies.




Polizei wiegelt ab
Der Istanbuler Polizeipräsident Celalettin Cerrah trat Überlegungen über eine politische Dimension des Verbrechens am Montag entgegen. Es gebe keine Hinweise, dass der Jugendliche "in Verbindung zu einer Organisation" gestanden sei.

Samast wurde am Samstag festgenommen, nachdem sein Vater ihn auf dem Fahndungsfoto erkannt und die Polizei informiert hatte. Insgesamt wurden sieben Personen in Polizeigewahrsam genommen, sie stammen alle aus Samasts Heimatstadt Trabzon, die meisten sind kaum älter als der geständige Mörder. Die Stadt gilt als Hochburg des Rechtsradikalismus.

Als Motiv für seine Tat gab der 17-Jährige an, Dink habe das Türkentum angegriffen. Sein Vater berichtete, dass er zuletzt stets viel Geld bei sich hatte und sich vorwiegend in Internetcafes herumtrieb. Derweil gab einer der Verhafteten, der Rechtsnationalist Yasin Hayal, an, er habe den Jugendlichen angestiftet. Der Zeitung "Hürriyet" zufolge will der bereits wegen eines Anschlags auf ein McDonald's-Restaurant 2004 verurteilte Mann Samast die Pistole und das Geld beschafft haben.

Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk prangerte indes bei einem Beileidsbesuch bei Dinks Familie die Lynch-Mentalität im Lande an. Dink sei zum Staatsfeind und zur Zielscheibe erklärt worden. Er hatte den Völkermord an den Armeniern offen angesprochen und musste sich deshalb vor Gericht verantworten - nach Paragraf 301 des Strafgesetzbuches, der die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt.

Dieser berüchtigte "Türkentum"-Paragraf gehöre abgeschafft, forderte Pamuk. Jene, die ihn nach wie vor beibehalten wollten, trügen eine erhebliche Mitschuld an dem Tod des Journalisten. Von einer Abschaffung des Paragrafen will die Regierung allerdings nichts wissen. Lediglich eine weniger restriktive Auslegung könne man ins Auge fassen, meinte Vizepremier Abdüllatif Sener am Montag im Fernsehen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer werden auch nicht an der Trauerfeier für Dink teilnehmen; Ankara entsendet lediglich einige Minister und Parlamentsabgeordnete.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-01-22 17:59:29
Letzte Änderung am 2007-01-22 17:59:00

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