• vom 05.08.2006, 00:00 Uhr

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Kunst

Exzessives Welttheater




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Von Jeannette Villachica

  • Mit Spaß an Irritation und Knalleffekten avancierte Jonathan Meese zu Deutschlands jüngstem "Großkünstler".

Seine erste umfassende Werkschau hat Jonathan Meese derzeit in seiner Heimatstadt Hamburg: Unter dem Titel "jonathan meese - mama johnny" zeigen die Hamburger Deichtorhallen 150 Zeichnungen, Gemälde, Fotos, Collagen, Skulpturen, Installationen und ein Bühnenbild des 35-Jährigen, der neuerdings aufgrund seines exzessiven Schaffens gerne "Deutschlands jüngster Großkünstler" genannt wird.


Seit seinem Durchbruch 1998 hatte Meese weltweit 40 Einzelausstellungen - und erntete jede nur denkbare Reaktion, von Empörung über Spott und Unverständnis bis hin zu tiefer Bewunderung. Meese ist einer der gefragtesten deutschen Künstler seiner Generation; doch so richtig versteht ihn wohl niemand. Einer seiner ersten Sammler, der Hamburger Industrielle Harald Falckenberg, sprach einmal vom "Welttheater Meese" , mit dem Künstler "als Autor, Regisseur, Schauspieler und eigentlich auch einzigem Besucher".

Ein Rundgang durch die Hamburger Ausstellung offenbart die Bandbreite von Meeses Produktion: Seine frühen, picassoesken Gemälde, die er zur Zeit der Bewerbung für die Aufnahme an die Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg schuf; spätere überlebensgroße Porträts von Meeseschen Kultfiguren wie Nietzsche, Richard Wagner, Van Gogh, dem Schweizer Maler Balthus, aber auch von Rebellen und Schreckensgestalten der Geschichte, wie dem französischen Revolutionär Saint-Just und Hitler. Diese Porträts verflicht Meese mit Szenen aus Splatter- und Science-Fiction-Filmen und immer wieder mit Selbstkonterfeis. Darüber pinselt er Begriffe wie "Getreide", "Erz" oder "Nomadaddy". Zu seinen neueren Werken gehören riesige, teils begehbare Installationen, wie der "Maldoror-Turm", dessen Wände mit Fotos von Romy Schneider, Orson Welles und anderen Helden aus Meeses Pop-Kosmos übersät sind.



Wilde Performances
Als Jonathan Meese - er trägt langes dunkles Haar, Zottelbart und eine schwarze Trainingsjacke - in der Halle erscheint, ist er gestresst, aber äußerst freundlich. Diese Sanftmut steht in hartem Kontrast zu seiner Kunst voller Fratzen, zerfetzter Körper und Todessymbole, den schrillen Proklamationen und Selbstbezichtigungen vor allem während seiner stundenlangen Performances, in denen er manchmal dämonisch weiß und blutrot geschminkt bis zur Erschöpfung herumpoltert und sich die Seele aus dem Leib schreit.

Zur ungestörten Unterhaltung bittet der Künstler auf den Maldoror-Turm. Sehr temperamentvoll erzählt er, dass er Menschen um sich brauche, die ihn vor seinen Arbeits-Exzessen schützen. Er selbst könne sich nicht beschränken. "Ich muss alles annehmen, was mirdieKunst bietet. Ich muss mich überfrachten, immer mehr, immer mehr. Bis das System zusammenbricht. Und dann fängt man wieder von vorne an."

Seit drei Jahren meine er, dass er kurz vor dem körperlichen Zusammenbruch stehe. Er halte den Druck nur aus, weil es nicht um seine "mickrige" Befindlichkeit gehe, sondern um etwas Größeres, "um Freundschaft, Liebe, Respekt und vor allem um die absolute Freiheit der Kunst". Deshalb rackert Meese sich ab, sammelt, malt, schreibt, werkelt und plädiert mit fast verzweifeltem Pathos für die Abschaffung von Kunstakademien, diese " Unterdrückungsmaschinerien ". Meese kann sich wunderbar erregen. Er sei der gejagteste Künstler auf der Welt, weil er keine Grenzen für die Kunst zulasse. "Es gibt Leute, die sagen: Du darfst kein Bild von Stalin aufhängen. Das mag als Mensch so sein, aber als Künstler muss ich das sogar, vor allem, wenn es mir jemand verbieten will. Ich kann mich nicht dem Meinungsterror beugen. Andere sagen, man darf keine Titten zeigen oder Du darfst aber in der Kunst nicht malen. Wir müssen endlich aufhören mit diesen Kategorisierungen von Gut und Böse. Das hat in der Kunst nichts zu suchen."

Meese glaubt an "die totalitäre Macht der Kunst" - und daran, dass Kunst Diktaturen verhindern könne. Er versieht Abbildungen von Hitler und Stalin - und von sich selbst - mit riesigen Penissen und groben Parolen, die sie lächerlich machen sollen. Er sei ja nur radikal in der Kunst, nicht im Leben. "Ich bin es der Sache schuldig, meine privaten Obsessionen herauszuhalten", sagt der selbst ernannte Welterlöser. Er versteht seine Kunst als eine allgemein gültige, die dennoch Privates spiegelt: sein enges Verhältnis zur Mutter, das Desinteresse an anderen Frauen, den früh aus seinem Leben geschiedenen walisischen Vater, sein Verständnis von Sexualität als unfassbaren Fluch.

Der anfängliche Eindruck von Meese hält sich: Ein sympathischer, etwas ungelenker Kämpfer, der verletzlich wirkt, ein bisschen wie ein Kind, um das man sich kümmern muss. Das kann Teil seiner Selbstinszenierung sein. Man glaubt ihm sofort, dass er ohne seine Mutter verloren ist, wie er immer wieder erklärt. Mindestens einmal pro Woche fährt "Johnny", wie ihn seine Mutter und Freunde nennen, von Berlin, wo er arbeitet - " Berlin Mitte ist der Horror, Sperrzone, dort laufen nur Künstler rum" -, nach Ahrensburg bei Hamburg. Dort ist er aufgewachsen und dort verwaltet Mutter Meese seine Finanzen und sein Fotoarchiv, kümmert sich um sein leibliches Wohl und schirmt ihn vor der Realität ab. Nur hier findet er "zu einer bestimmten Form von Ruhe" . In den Deichtorhallen ist Mutter Meese in der begehbaren rosa Spanplattenburg "MOR" omnipräsent - eine halb ironische, halb ehrfurchtsvolle Verbeugung ihres Sohnes und des dänischen Künstlers Tal R vor ihren Müttern.

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Dokument erstellt am 2006-08-05 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-04 18:05:00

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