• vom 08.08.2006, 00:00 Uhr

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Oper

Herheims Sexleiche im Puppenhaus-Keller




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Von Christoph Irrgeher

  • Wie viel Wasser kann der Himmel verschütten? Berechtigte Frage in Salzburg, wo es derzeit tröpfelt, schnürlregnet oder prasselt. Und am Samstag sogar ein Orkan aufkam, zumindest im Kleinen Festspielhaus: Gellende Buhrufe für Stefan Herheim, den Regisseur der "Entführung aus dem Serail". Wie der aber reagierte? Tatsächlich: Mit Freudensprüngen und Verbeugungen. Als wäre Anfeindung sein Lebenselixier.

Dennoch, ein trauriges Ende. Weil seine Inszenierung fantastisch ist. Und sogar vom erbärmlichen Gesang dieser Wiederaufnahme ablenkte, der allerdings bejubelt wurde.


Nun gut: Diese Produktion ist schon anders, ja mit Mozarts Titel irreführend. Doch nach drei Jahren sollte man wissen, dass Herheim die "Entführung" selbst entführt: Fort aus Mozarts Singspiel-Türkei, in ein Seelenspiel über die lüsterne Conditio humana. Serail-Chef Bassa Selim? Kommt nur als Weinmarke vor. Die zwei Pärchen? Es gibt nur Mann und Frau. Und das Serail? Dort schmort nach Herheim ein jeder: Im Verließ der urgewaltigen, unentrinnbaren Begierden.

Nur die Original-Arien kommen auf Stichwort, wenn von Triebbändigung und Eskalation erzählt wird, vom Glück in frivolen Küchenschürzen, einer Fast-Vergewaltigung im Wohnzimmer. "Wie kommt Mann an Frau heran?" Hier jedenfalls mit Bildern (Gottfried Pilz, Videos: fettFilm) von David-Lynch-starker Sogkraft.



Schwache Sänger
Herheims Texte sind dabei stringenter geworden, doch gern immer wieder kalauernd: Kein Mann imponiert "dem Weib, trennt er das Hirn vom Unterleib". Überlegenswert - obwohl das klingt, als hätten Deutsch-Rapper ein Haiku ersonnen. Serailwächter Osmin, halb Engel, halb Dämon, flattert mit Flügeln an, liegt später groggy unter einem Puppenhaus. Ist das Luzifer? Zumindest eine Art Leiche im Keller: Da meint der Ehemann, er habe den Trieb getötet - zu früh. Schon erwacht der Satan im Fernsehapparat.

Leider schläft der Teufel klanglich nie: Keine Menschenseele singt auf Festspielniveau. Zwar erfüllt Laura Aikin ihre Bringschuld in Gemeinschaftsauftritten. Dass ihre Haupt-arie aber "Martern aller Art" heißt, wird hier zum Menetekel für Opernohren.

Dietmar Kerschbaum (Pedrillo) und Franz Hawlata (Osmin) strahlen schauspielerisch, nehmens mit der Intonation jedoch nicht so genau - wie Charles Castronovo (Belmonte), dessen Italo-Stimmschmelz in ge-lallten Koloraturen zerrinnt. Allein Valentina Farcas, diese blendend aufspielende Blonde, liegt musikalisch im Soll.

Umso mehr trifft das auf das Mozarteum Orchester Salzburg zu, angestachelt von Ivor Bolton: Aus dem Graben dringt ein drahtiger, gut sortierter Sound, der Staatsopernchor singt patent mit.

Dennoch: So lange Salzburgs Mozartmanie entscheidende Vokalkräfte bindet, heißts: Augen auf, Ohren zu, Herheim ist da.

Hoffentlich kommt er wieder.

Die Entführung aus dem Serail

Von Wolfgang A. Mozart

Stefan Herheim (Regie)

Ivor Bolton (Dirigent)

Mit Franz Hawlata, Laura Aikin, Valentina Farcas

Kleines Festspielhaus

(www.salzburgfestival.at)

Wh.: 8., 10., 12. August

Muss man gesehen haben.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-08-08 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-08-07 18:06:00

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