• vom 09.03.2006, 13:24 Uhr

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Update: 01.04.2010, 13:31 Uhr

Sigmund Freud

Das Behagen in der Unkultur




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Von Wolfgang Mayr und Robert Sedlaczek

Wenn nun die Feiern und Veranstaltungen rund um den 150. Geburtstag Sigmund Freuds allmählich einen Höhepunkt erreichen, so sollten wir uns an dieser Stelle auch einmal der Tarockleidenschaft dieses genialen Arztes und Wissenschafters widmen.


Sigmund Freud hat Königrufen gespielt. "Samstag abends, nach elfstündiger Analysearbeit und am Ende einer Woche ohne Sonntag bin ich nicht zu gebrauchen und tue gut, Kartenspielen zu gehen", schreibt Freud seinem Schüler Sándor Ferenczi, dem führenden Vertreter der Psychoanalyse in Ungarn. Dabei zog es ihn oft in Wiens Kaffeehäuser, zum Beispiel in das Café Landtmann, unmittelbar neben dem Burgtheater.

Wenn zu Hause in der Berggasse gespielt wurde, meist am Samstag, dann ließ er Kaffee und Kekse servieren. Am Abend wurde auch üppig gespeist und Wein kredenzt. Oft hat Freud am Sonntagmorgen über Magenverstimmung geklagt. Die Biografen meinen, dass Freud ein leidenschaftlicher, aber kein großartiger Tarockspieler war, gespielt wurde nicht um Geld, sondern um die Ehre.

Freuds Spielkassette

Spielkarten des "Vaters der Psychoanalyse" sind im Archiv des Sigmund-Freud-Museums in der Berggasse 19 aufbewahrt. Dazu gehört auch eine wunderschöne hölzerne Spielkassette, die Freud wahrscheinlich von einem Patienten geschenkt bekommen hat. Die Kassette mit Schachfiguren, Domino- und Damesteinen diente auch zur Aufbewahrung der Kartenpakete. Außerdem enthielt sie eine kleine Kartenpresse, dort hat Freud die Spielkarten zwischen zwei Zwingen eingeklemmt, damit sie sich nicht werfen, damals eine übliche Prozedur der Kartenpflege. Von den 4 hölzernen "Tarocktazzerln" ist eines am Rand angebrannt, weil es offensichtlich als Aschenbecher missbraucht worden ist.

Prof. Freud stand im Ruf, dass seine Tarockkarten manchmal ziemlich abgegriffen waren. Auf die Kritik eines Spielpartners soll er beziehungsvoll geantwortet haben: "Lassen Sie uns doch das bisschen Behagen in der Unkultur!" - eine Anspielung auf sein berühmtes Werk "Das Unbehagen in der Kultur" - gemeint sind die Reglementierungen und die Zwänge der Zivilisation.

Handschriftlicher Vermerk

Wir haben uns Freuds überlieferte Spielkarten angesehen, sie waren durchwegs in einem guten Zustand. Es handelt sich um Piatnik-Karten mit Goldschnitt - diese zählten nicht zu den billigsten. Das Paket mit der Bezeichnung "Allerfeinste Klubtarock" war von 1934 bis 1993 im Handel erhältlich.

Auf den Verpackungen (damals aus Papier) ist in Freuds Handschrift mit Bleistift jeweils ein Datum vermerkt - offensichtlich der Tag, an dem die Karten erstmals verwendet worden sind. Ob Sigmund Freud damit Vorwürfe seiner Spielpartner entkräften wollte? Es sieht so aus. Wenn jemand ein neues Paket verlangt hat, wird er wohl gesagt haben: "Seht her, die sind noch relativ neu! Ich kann auch genau sagen, seit wann wir damit spielen."

Tipps zur Kartenpflege

Wer heute Spielkarten reinigen will, nimmt entweder 70-prozentigen Alkohol oder Wundbenzin (beides in Apotheken erhältlich, Hände schützen!). Auch ein billiges Eau de Cologne erfüllt den Zweck. Achtung: Wer mit dem Tuch zu viel reibt, beschädigt den Farbdruck auf den Karten.

Perfektionisten behandeln die Karten anschließend mit Federweiß (Talcum Venetum) oder mit Magnesia alba (= Magnesiumcarbonat). Federweiß und Magnesia alba sind ebenfalls in Apotheken erhältlich. Magnesa alba muss meist bestellt werden, Apotheker haben nur Magnesiumoxid auf Lager, das aber weniger geeignet ist.

Unser Freund Mag. Michael Kutschera, Apotheker und Mentor dieser Tipps, weist uns darauf hin, dass Magnesia alba auch einen Reinungseffekt hat. Es wäre also lohnend, auf die kritische Vorbehandlung mit Alkohol oder Wundbenzin zu verzichten - wenn die Karten noch nicht allzusehr verschmutzt sind - und gleich dieses weiße Pulver zu verwenden.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-03-09 13:24:48
Letzte Änderung am 2010-04-01 13:31:00


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