• vom 04.03.2006, 00:00 Uhr

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Tiere

Kein Platz für Florida-Panther




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Von Walter Sontag

  • In einer völlig urbanisierten Umwelt haben es die tierischen Ureinwohner schwer
  • In der amerikanischen Öffentlichkeit sorgt seit kurzem die Auseinandersetzung zwischen Naturschützern, Landbesitzern, Erschließungsgesellschaften und der Scientific Community um den sogenannten Florida-Panther für beträchtliches Aufsehen: ein Fall voll handfester Wirtschaftsinteressen und fragwürdiger Wissenschaftspraktiken, massiver Pressionen und getürkter Daten - angereichert mit persönlichen Eitelkeiten und Animositäten.

Er heißt zwar Florida-Panther, ist in Wahrheit aber ein Puma mit extravaganten Eigenschaften. Foto: US Fish and Wildlife Service

Er heißt zwar Florida-Panther, ist in Wahrheit aber ein Puma mit extravaganten Eigenschaften. Foto: US Fish and Wildlife Service Er heißt zwar Florida-Panther, ist in Wahrheit aber ein Puma mit extravaganten Eigenschaften. Foto: US Fish and Wildlife Service

Beim Florida-Panther handelt es sich nicht um irgendeine von vielen Wildkatzenvarianten, sondern um eine Art Wappentier im bevölkerungs- und einflussreichen US-Bundesstaates Florida. Dass sich diese spezielle Form des Pumas oder Berglöwen, die nur ihrer Extravaganz zuliebe als Panther bezeichnet wird, mittlerweile in einem urbanisierten Umfeld zu behaupten hat, zeigt eindrücklich das Erlebnis des Naturphotographen Brian Call. Eines Nachts traf er auf einer der Staatsstraßen unvermutet gleich auf zwei der überaus scheuen Florida-Panther - auf ein Muttertier mit einem soeben von einem Auto überfahrenen Jungen. Call räumte die Überreste des jungen Pumas von der Fahrbahn und meldete den Unglücksfall der zuständigen Behörde. Dort erfuhr er, dass in derselben Nacht einhundert Meter weiter auch das zweite Jungtier der Pumakätzin von einem Auto getötet worden war. Die Story wirbelte einigen Staub auf. Doch sie ist heute symptomatisch für die verstädterten Landschaften und die ursprünglichen, natürlichen Bewohner.


Menschen auf engem Raum

Die Urbanisierung schreitet unaufhaltsam fort. Nahezu die Hälfte der Menschheit lebt gegenwärtig in städtischen Siedlungsräumen. 2025 werden es bereits zwei Drittel der Erdbevölkerung sein. Europa und Nordamerika nehmen diese Entwicklung schon vorweg. Zwischen so viel Menschen auf engem Raum bleibt für die Natur im allgemeinen wenig Platz, und besonders wenig für tatsächlich oder vermeintlich gefährliche Großsäuger wie Wolf, Bär oder - wie eben in Florida - Puma. Alle diese Tiere benötigen ausgedehnte Reviere und Streifgebiete. Aufgrund dieser Lebensweise werden die zahn- und tatzenbewehrten Vierbeiner zu zuverlässigen Indikatoren für noch unversehrte Naturräume und intakte Pflanzen-Tier-Gemeinschaften. Doch zugleich sind sie im herkömmlichen Zivilisationsverständnis verrufene Kreaturen, die im Jargon der Jäger früher als "Raubzeug" bezeichnet wurden. In der modernen Ökologie betrachtet man sie als "Beutegreifer", die im Naturhaushalt das Gegengewicht zu den Pflanzenfressern bilden. In Wahrheit sind die Verhältnisse viel komplizierter. Denn vielfach betätigen sich die großen Raubtiere auch als Regulativ der kleineren Vertreter ihrer Spezies. In Afrika hält der Löwe den Gepard kurz, in Mitteleuropa verfuhr der Wolf mit dem Fuchs ähnlich unsanft. So lassen sich die gegenwärtigen - vermutlich viel zu hohen - Bestandsziffern des Fuchses in unseren Breiten unter anderem mit der Ausrottung des Wolfs erklären. Ebenso wie der Bär gerät der Wolf neuerdings in die Schlagzeilen, wenn einzelne rückkehrwillige Exemplare auf unseren Straßen Verkehrsopfer werden.

Was den versprengten Neueinwanderern aus Ost- und Südosteuropa - noch ausnahmsweise - als ungewohnte Gefahr widerfährt, ist für den Florida-Panther im Südosten Amerikas eine traurige, alltägliche Bedrohung. Seit seiner Wiederentdeckung 1972 starben beim Zusammenprall mit Fahrzeugen unterschiedlicher Bauart Dutzende der eleganten, sprunggewaltigen Großkatzen, die Hälfte davon seit dem Jahr 2000. Dieser Trend kommt nicht von ungefähr, denn allein während der letzten statistischen Erfassungsperiode von 1991 bis 2003 wurden im südlichen Florida neue Straßen von 18.000 km Gesamtlänge gebaut. Das immer dichtere Verkehrsnetz durchschneidet das Refugium, in das sich die letzten Florida-Panther, vielleicht 70 oder 80 Individuen, zurückgezogen haben. Die krebsartig wuchernden Siedlungen und zahlreichen Entwicklungsprojekte zerstückeln den noch verbliebenen Lebensraum der symbolträchtigen Raubkatze, die einst in weiten Teilen der USA heimisch war.

Neben dem Tourismus macht kurioserweise die Kohorte all der Pensionisten, die ihren dritten Lebensabschnitt im warmen, winterfreien Süden genießen wollen, der seltenen Pumarasse ihr Habitat streitig. Die Rentnergarde und die Wohlhabenden drängen in den "Sonnengürtel" der Nation, eine der dynamischesten Wachstumsregionen Nordamerikas.

Früher als Viehräuber erbarmungslos verfolgt, war die verborgen lebende, einfarbige Katze schon in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in 95 Prozent ihres einstigen Verbreitungsgebietes verschwunden. Ein Jahrzehnt später hielt man sie für ausgestorben, bis vor genau vierzig Jahren Biologen auf ein altes Weibchen stießen. Die USA setzten den Florida-Panther auf die Liste bedrohter Tiere. Damit waren besondere Schutzmaßnahmen gesetzlich geregelt. Fortan kümmerte sich die Florida Fish and Wildlife Commission (FWC) um diese Spezies. Um mehr über den Aufenthalt einzelner Individuen und den Status der Art herauszufinden, wurden Pumas mit einer besenderten Halsmanschette versehen. Alles schien professionell zu verlaufen: Suchtrupps schwärmten aus, machten Dutzende Pumas ausfindig und trieben sie zum Betäubungsschuss auf Bäume. Die ruhiggestellten Tiere wurden nicht nur telemetrietauglich ausgerüstet. Für genetische Analysen, die Messung der Quecksilberbelastung und Identifizierung eventuell zirkulierender Krankheitserreger entnahm ihnen das Fängerteam zudem Haar-, Haut- und Blutproben. Um einem Seuchenausbruch vorzubeugen, der die Population womöglich auslöschen könnte, gehörte außerdem ein Impfungsmix zum Programm.

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Dokument erstellt am 2006-03-04 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-03-03 17:53:00


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