• vom 22.12.2005, 16:40 Uhr

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Update: 22.12.2005, 16:49 Uhr

Ehemaliger Arzt der Klinik Am Spegelgrund wurde 91 Jahre alt

NS-Arzt Heinrich Gross gestorben




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  • Wien. Der frühere NS-Arzt Heinrich Gross ist im 91. Lebensjahr verstorben. Gross soll im Sommer 1944 als Stationsarzt an der berüchtigten Wiener Euthanasieklinik Am Spiegelgrund an der Tötung von neun behinderten Kindern mitgewirkt haben. Eine gerichtliche Verurteilung erfolgte allerdings nie.

In den letzten Jahren wurde mittels Gutachten wiederholt die Verhandlungsunfähigkeit Gross' festgestellt. Erst heuer waren neue belastende Dokumente im Fall Gross aufgetaucht.

Gross wurde am 14. November 1915 in Wien geboren. 1932 trat er der Hitlerjugend bei, 1933 der SA. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland ging Gross zur NSDAP. Nach Abschluss seines Medizinstudiums begann er Anfang 1940 als Anstaltsarzt in der Pflegeanstalt Ybbs, im November kam er an den Wiener Spiegelgrund. Dort soll er 1944 dann an der Ermordung von behinderten Kindern beteiligt gewesen sein.


Ein erstes Gerichtsverfahren gegen Gross wurde bereits 1950 geführt. Der Arzt wurde wegen Mitschuld am Totschlag eines Kindes zu zwei Jahren Haft verurteilt. 1951 hob das Obergericht das Urteil allerdings auf, das Verfahren wurde eingestellt. Gross wurde wieder in den Dienst der Stadt Wien gestellt - in der Nervenheilanstalt Rosenhügel. 1953 trat er der SPÖ bei, 1955 kehrte er an den Spiegelgrund, die heutige Baumgartner Höhe, zurück.

In den Jahren danach war die NS-Vergangenheit Gross' kein Thema mehr. Er wurde für seine Forschungen an den teils aus der NS-Zeit stammenden Kinderhirnen mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet und bekam das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse. Dieses wurde ihm erst im März 2003 wieder aberkannt.

Aufgebracht wurde der Fall Gross erst wieder durch den Wiener Unfallchirurgen Werner Vogt, heute bekannt als Pflegeombudsmann. Er beschuldigte Gross 1979 der Beteiligung an der Euthanasie. Vogt wurde zwar wegen Verleumdung zunächst verurteilt, wurde in zweiter Instanz aber freigesprochen. Die richterliche Begründung damals: Die Anschuldigungen gegen Gross seien berechtigt.

Bis zur Eröffnung eines neuerlichen Gerichtsverfahrens verging allerdings wieder einige Zeit. Gross trat 1981 unbescholten in den Ruhestand, blieb bis 1997 Gerichtsgutachter. Erst im März 2000 wurde dann tatsächlich ein Verfahren eingeleitet. Die Verhandlung wurde aber bereits nach 30 Minuten wieder vertagt und in der Folge nicht mehr aufgenommen. Die Begründung: Bei Gross wurde per Gutachten fortschreitende Hirndemenz festgestellt. Daran waren allerdings Zweifel aufgekommen, als Gross unmittelbar nach dem auf Eis gelegten Strafverfahren in einem Kaffeehaus bereitwillig Interviews gab und sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern konnte.

Im heurigen Jahr waren dann noch neue Dokumente aus russischen Archiven aufgetaucht, laut denen Gross sogar an der Tötung von deutlich mehr Menschen beteiligt gewesen sein könnte. Die deutschen Journalisten Florian Beierl und Thomas Staehler sind im Zuge von Recherchen an bisher unbekannte Auszüge aus Verhörprotokollen mit dem Arzt Erwin Jekelius, einem der Hauptverantwortlichen für das NS-Euthanasieprogramms in Österreich, gekommen. Jekelius belastet dabei seinen Gehilfen Heinrich Gross schwer. Jekelius gesteht in den Verhören ein, dass er tausende behinderte Menschen in die Gaskammern von Hartheim geschickt sowie die Ermordung von behinderten Kindern am Spiegelgrund angeordnet habe. Ausgeführt hätte diesen Auftrag Gross.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-12-22 16:40:48
Letzte Änderung am 2005-12-22 16:49:00

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