• vom 23.12.2005, 16:20 Uhr

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Update: 23.12.2005, 16:24 Uhr

Weihnachten

Feen, Vamps und Babypuppen




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Von Birgit Schwaner

  • Vorweihnachtlicher Ausflug in die Welt der Spielwaren - und vor allem der Puppen

Spielzeugwelt. Foto: Dorotheum

Spielzeugwelt. Foto: Dorotheum Spielzeugwelt. Foto: Dorotheum

S o, hier das Stethoskop. Ich nehm´s! Der Mann im schwarzen Ledermantel hat sich entschieden. Die junge Verkäuferin nickt und schließt den kleinen Arztkoffer - da fällt dem Kunden noch etwas ein: "Haben Sie auch so ein . . . hm, Schwesternhäubchen?" Sie schüttelt den Kopf. Beinah resolut.


Warum denkt der Mann - bei dem es sich offensichtlich um einen der vielen Väter handelt, die vor Weihnachten auf Spielzeugsuche gehen -, dass ein Mädchen, das sich eine Arztausrüstung wünscht, Krankenschwester spielen möchte? Warum nicht Chirurgin, Tierärztin, Professorin? Hätte er nicht nach einem Doktorkittel fragen können?

Während das Köfferchen samt Stethoskop verpackt wird, lotst eine andere Verkäuferin schon den nächsten Vater durch das Geschäft. Dieser sucht Puppenkleider. Er ist vielleicht dreißig Jahre alt und zeigt sich ob der großen Auswahl kurz irritiert, dann aber - nach einem schnellen Blick auf elegante Miniaturkostüme, Roben und Hosenanzüge - greift er zum Dirndl.

Puppen erfüllen Kinder- und Erwachsenenträume. Foto: bilderbox

Puppen erfüllen Kinder- und Erwachsenenträume. Foto: bilderbox Puppen erfüllen Kinder- und Erwachsenenträume. Foto: bilderbox

Auf dem Weg zur Kassa passiert er einen kleinen Raum voller Barbiepuppen, in dessen Mitte ein vergleichsweise riesenhaftes Modell präsentiert wird, etwa 1,40 Meter hoch, blond und blauäugig, weißgekleidet, mit Diadem. Eine junge Familie tritt ein.

"Schau, die Puppe ist so groß wie du", sagt die Mutter.

"Die will ich!" , ruft das Kind.

"Was machen wir damit?" , fragt der Vater.

Seine Frau blickt ihn ratlos an: "Einbrecher vertreiben?"

Spielwaren-Experten

Wer dieser Tage ohne dringenden Geschenkbedarf durch die Spielwarenläden oder Spielzeugabteilungen der Kaufhäuser flaniert, kann immer wieder Szenen wie die erwähnten erleben. Großväter, die, das Handy am Ohr, gebannten Blicks vor einer Galerie Barbiepuppen stehen und der Oma durch den Hörer die Puppengesichter beschreiben. Großmütter, die angesichts kleiner Kaufläden und Küchen zu träumen beginnen. Väter und Onkel, die über Modellflugzeugen und -eisenbahnen sichtlich aufblühend diskutieren. Derlei gehört im Mikrokosmos der Spielwarenläden wohl zum Alltag. Ganz zu schweigen von den freudigen oder enttäuschten Reaktionen derer, für die diese Läden geschaffen wurden und welche die eigentlichen Experten sind - die Kinder. Sie schweifen in kleinen Gruppen oder auch allein, oft einen Erwachsenen nach sich ziehend, von einem Spielzeug zum nächsten, vergleichen und prüfen, probieren aus, und ihre Konzentriertheit ist ihnen an den Nasenspitzen anzusehen. Sie unterscheiden auch dort noch minutiös, wo ein Erwachsener den Überblick verliert.

Aber begeben wir uns kurz auf die Spur Walter Benjamins: Der Philosoph und Schriftsteller hielt von 1929 bis 1932 regelmäßig Radiovorträge für Kinder; zwei davon hießen "Berliner Spielzeugwanderung" I und II, und Benjamin ging dafür in die Spielwarenabteilung eines großen Kaufhauses und suchte nach Spielen, die er aus seiner Kindheit kannte. Seinen jungen Hörern beschrieb er anschließend, was er nicht mehr gefunden hatte, was es immer noch gab und was neu für ihn war. Liest man heute die beiden Vorträge, findet man darin die Beschreibung einiger Spiele, die es auch in den 60er Jahren noch gab, die man vielleicht als Kind sogar selbst gespielt hat. Etwa "Glücksangler", wo mithilfe eines Magnets an einer Angel Fische aufgeklaubt wurden, die hinter einer Papierwand lagen - einen Ring am Maul, der sich, wenn man nicht vorsichtig war, jederzeit vom Magnet lösen konnte (ein Spiel übrigens, das Benjamin verschwunden wähnte). Oder die "Oblaten" - bunte Papierbildchen, die man in einer alten Zigarrenkiste des Großvaters hortete oder ins Poesiealbum klebte und mit denen ein reger Tauschhandel entstand. Ob es das heute noch gibt?

Konservative Kinder

Ähnliche Spiele gewiss. Ja, im Grunde kann jeder Erwachsene sicher sein, dass, sobald er eine "Spielzeugwanderung" im Benjaminschen Sinn unternimmt, die eigene Wahrnehmung der des Philosophen gleichen wird. Vieles ist - wenn auch in neuem Gewand - noch vorhanden, vieles wiedererkennbar. Auch bei uns, die wir behaupten, die bisher schnelllebigste aller Epochen zu erleben, haben sich die Spiele der Kinder im Prinzip nur langsam verändert. Oder mit den Worten des französischen Historikers Philippe Ariès: "Kinder bilden die konservativsten menschlichen Gesellschaften überhaupt".

In seiner "Geschichte der Kindheit" untersucht Ariès, wie sehr unsere Kindheitsvorstellung an historische Bedingungen geknüpft ist, und stellt fest, dass sie sich überhaupt erst im 17. und 18. Jahrhundert (unter Einfluss von Pädagogen und Kirchenmännern) herausbildete - in Zusammenhang mit der stärkeren sozialen Abgrenzung der gesellschaftlichen Stände voneinander. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurde ein Kind als kleiner Erwachsener betrachtet; es mischte sich unter die Älteren, lernte von ihnen, und spielte ab einem Alter von drei, vier Jahren die gleichen Spiele wie die Erwachsenen. (Wozu auch Glücksspiele gehörten; übrigens waren die Spiele noch weniger geschlechtsspezifisch definiert als später, als man versuchte, die Kinder mittels Spielzeug auf ihre Geschlechterrolle vorzubereiten.) Ariès führt auch aus, dass viele Kinderspiele anfangs Spiele für Erwachsene waren: Kreisel, Reifen, Blindekuh oder der Hampelmann, über den sich im 18. Jahrhundert die Pariser Damen amüsierten oder die Miniaturmodelle von Möbeln und Modepuppen, die den Tischlern und Schneidern zur Anschauung dienten und die ebenso wie kleine Soldatenarmeen einst zu einer Welt der Erwachsenen gehörten, an der die Kinder größeren Anteil hatten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-12-23 16:20:18
Letzte Änderung am 2005-12-23 16:24:00


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