• vom 14.10.2005, 14:52 Uhr

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Perlen der Ratgeberkunde




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Von Anton Holzer

  • Adalbert Pechans einst erfolgreiches Sammelsurium für angewandte Lebenshilfe

Mixen, leicht gemacht mit Bd. 701.

Mixen, leicht gemacht mit Bd. 701. Mixen, leicht gemacht mit Bd. 701.

E ine Gefriertruhe oder ein Tiefkühlschrank allein müssen ihren Besitzer nicht immer glücklich machen. Wie man mit Kühlmöbeln glücklich wird, das lehrt die Perlen-Reihe. Band 710 heißt "Einfrieren und Tiefkühlen". Der Autor dieses praktischen Ratgebers, Ing. Otto Heinz, umreißt sein Anliegen so: " Es soll daher dieses Büchlein sowohl der Hausfrau als auch dem Bauern und Landwirt ein kleiner Helfer sein, der ersteren, damit sie mit der gekauften Tiefkühlware zufrieden ist, dem Landwirt, damit er durch eine richtige Vorratswirtschaft seine Gefriertruhe zweckmäßig verwenden und Ware richtig einfrieren kann."

Von Mixen bis Basteln


Kühlen und Kochen, Zaubern und Mixen, Autofahren und Bridge spielen, Wellensittiche züchten und Radiogeräte reparieren: die Perlen-Reihe weiß, wie´s geht. Es gibt kaum ein Wissensgebiet, das sie übergeht. Dr. Inge Krebs führt ein in die Schildkrötenkunde, Diplomkosmetikerin Wilma Vorstandlechner fasst unter dem Titel "Ja, meine Damen" all das zusammen, was man über "Kosmetik von 16-70" wissen sollte. Otto H. Mallat eröffnet die Welt der Bastelkniffe, Hans Wimmer und Dr. Hermann Benes blicken in ihrem Büchlein "Sicher im Auto" dem Kraftfahrer über die Schulter und warnen ihn vor den Widrigkeiten des Straßenverkehrs. Die "Perlen-Reihe" betreut den "Schmalfilmfreund" ebenso wie den Liebhaber "lustiger Schattenspiele" und auch in der Küche bietet sie ein breites Spektrum an Tipps: von der "Kochkunde für Junggesellen und Strohwitwer" bis zur "richtigen Diät für den kranken Darm".

Einfrieren und Tiefkühlen mit Ing. Otto Heinz.

Einfrieren und Tiefkühlen mit Ing. Otto Heinz. Einfrieren und Tiefkühlen mit Ing. Otto Heinz.

Was also ist die Perlen-Reihe? Ein Sammelsurium für angewandte Lebenshilfe, eine etwas schrullige Ratgeberbibliothek oder eine spektakuläre österreichische Verlagsidee? Die große Zeit dieses Verlagsnamens ist untrennbar mit dem Namen Adalbert Pechan verknüpft. Pechan, Wiener des Jahrgangs 1906, von Beruf Süßwarenhandelsvertreter, beschloss nach dem Krieg umzusatteln. Der findige Mittvierziger stieg in Verlag und Druckerei "Ernst Pelda & Sohn" ein. 1948 brachte er unter dem Namen "Perlen-Reihe" ein kleines Taschenbuch heraus: "Österreichische Fußballregeln". Nach einem kurzen Intermezzo unter dem Titel "Sailer-Taschenbuchreihe" begann zwei Jahre später die eigentliche Erfolgsstory von "Pechans Perlen Reihe". Es war ein Aufstieg nahezu im Alleingang. Pechan suchte die Autoren, betreute die Manuskripte, kümmerte sich um Umschlaggestaltung, Druck, Auslieferung und Werbung. Unterstützt wurde er von seiner Frau Hedwig.

Auto-Bücher waren die Bestseller der "Perlen-Reihe".

Auto-Bücher waren die Bestseller der "Perlen-Reihe". Auto-Bücher waren die Bestseller der "Perlen-Reihe".

Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Perlen-Reihe, die sich im Impressum gerne international gab - "Wien, München, Zürich" - in Österreich, zunehmend aber auch im deutschsprachigen Raum als der Ratgeber-Verlag etabliert. Mit der wiedererkennbaren Reihengestaltung im Taschenbuchformat setzte Pechan Maßstäbe im Verlagsgeschäft. Die farbigen Umschläge gab er bei Wiener Grafik-Ateliers wie Czermak oder Gratsch-Dorner in Auftrag. Sie vermittelten, unterstützt vom selbst entworfenen Reihenlogo, das Flair eines umfassenden Bildungsangebotes. Pechan hatte ein feines Gespür für den Puls der Zeit. Er produzierte und verkaufte, was Erfolg versprach. Er reagierte rasch und druckte nach, wenn der Markt günstig schien. Auf diese Weise landete er mit vielen seiner Selbsthilfe-Bändchen wahre Verkaufshits. "Jiu Jitsu und Judo. Hilf dir Selbst!" etwa, ein Lehrgang von Leo Zakl, erschien bis 1958 in acht Auflagen und kam auf immerhin 44.000 verkaufte Exemplare. Die Bestseller vertrieb er nicht nur über den Buchhandel, sondern bot sie - sehr zum Missfallen der Wirtschaftkammer - auch Direktabnehmern an: Bahnhofskiosken etwa oder Fahrschulen.

In Österreich berühmt geworden ist Pechans Ratgeberkunde durch zwei Schwerpunkte, die bis heute mit dem Namen Perlen-Reihe in Verbindung stehen: die Auto-Ratgeber- und die Spielanleitungen. Bücher wie "Die schönsten Patiencen", "Wer spielt mit?" "Lerne Brigde", "Bieten, Watten und Perlaggen" erschienen in immer neuen Auflagen und waren über Jahre hinweg verlässliche Bestseller. Ebenso haben Generationen von österreichischen "Kraftfahr-Prüflingen" mit den Ratschlägen der Perlen-Reihe das Reich des Straßenverkehrs betreten. "Kraftfahrer, prüfe dich selbst!", die "moderne Autoschule", "Prüfe dich! Verkehrsvorschriften-Bilderbuch" lauteten die erfolgreichsten Titel.

Die "Perlen-Reihe" ist, auch wenn ihre Bände im gesamten deutschen Sprachraum verkauft wurden, ein Signet für die österreichische Nachkriegskultur. Der Erfolg dieses ungewöhnlichen Verlagsprojektes steht für den Aufbruch in eine Wissensgesellschaft, in der alles interessant war - nur das nicht, was erst vor kurzem passiert ist. Fast jedes Wissensgebiet deckt die Reihe ab, aber die Rubrik "Geschichte" sucht man in ihr vergebens. Adalbert Pechan wollte, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, offenbar nicht mehr zurückblicken. Sport und Autos, Gutes Benehmen und Urlaubsreisen, diese Themen schienen den Wirtschaftswunderjahren angemessener als Fragen nach der Vergangenheit.

Dabei kann man der Perlen-Reihe ein feines Sensorium für die Tendenzen der Alltagskultur nicht absprechen. Ihr Erfolg bestand gerade darin, dass sie kein feststehendes Inventar des Wissens, keine Bibliothek für Gebildete anbot, sondern Handreichungen für einfache Menschen, die nach oben wollten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-10-14 14:52:50
Letzte Änderung am 2005-10-14 14:52:00


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