• vom 02.09.2005, 17:12 Uhr

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Update: 02.09.2005, 17:14 Uhr

Rotes Kreuz

Kein "Lügner des Guten" sein




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Von Robert Dempfer

  • Der Präsident des "Internationalen Komitees vom Roten Kreuz" (IKRK) im Gespräch

Jakob Kellenberger Foto: IKRK/Thierry Gassmann

Jakob Kellenberger Foto: IKRK/Thierry Gassmann Jakob Kellenberger Foto: IKRK/Thierry Gassmann

Jakob Kellenberger (61), Präsident des IKRK, ist heute, 2. September, zu Gast beim Europäischen Forum Alpbach. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er vorab exklusiv über das Schweigen seiner Helfer, die Bereitschaft des Menschen zur Ausartung - und über ein neues Symbol für das Rote Kreuz.


- Wiener Zeitung: Herr Dr. Kellenberger, Sie sind seit fünf Jahren Präsident einer Organisation, die noch in den schlimmsten Konflikten der Welt den Kriegsopfern hilft. Haben die Erfahrungen Ihres Amtes Sie auch persönlich verändert?

Jakob Kellenberger: Kaum.

- Dass an so vielen Orten der Welt die grundsätzlichsten Regeln der Menschlichkeit brutal verletzt werden sei etwas, "das einen sehr plagt", haben Sie einmal gesagt.

Mein Amt hat mich sehr viel aufmerksamer gemacht für das Leid, das vielen Menschen widerfährt.

- Albert Camus empfiehlt, sich auf den Umstand, dass es soviel Leid gibt, einzulassen, und diesem "zugemuteten Leben trotzig entgegenzutreten". Ist das eine treffende Beschreibung der Arbeit des IKRK?

Gerade bei Camus gibt es Helden, die mit letzter Entschlossenheit und unerschütterlichem Mut gekämpft haben. Denken Sie an Dr. Rieux in "La Peste".

- Der rebelliert aber nicht, indem er lautstark protestiert. Sondern indem er innerhalb seiner Reichweite handelt. Auch Sie warnen: Man solle nicht durch rhetorische Alibi-Handlungen zum "Lügner des Guten" werden. Warum verderben Sie den Optimisten der unverbindlichen Rhetorik die Laune?

Ich halte es für wichtig, dass man nicht den falschen und gefährlichen Eindruck erweckt, für alles Verantwortung übernehmen zu können. Noch wichtiger ist, dass man die Verantwortung, die man hat, dann aber auch wirklich wahrnimmt.

- Gerade Hilfsorganisationen haben seit den neunziger Jahren im Taumel ihres Medienerfolgs geglaubt, sie könnten größere Verantwortung übernehmen. Nicht bloß Erste Hilfe leisten, sondern die politischen Rahmenbedingungen verändern, die humanitäre Katastrophen erst verursachen. Weshalb hat sich das IKRK da immer sehr zurückgehalten?

Von diesem Taumel habe ich wenig gespürt. Ich kann zudem nicht für die Gemeinschaft der vielen humanitären Organisationen sprechen. In meinem unmittelbaren Erfahrungsbereich haben sich die umfassenden Hilfs- und Schutztätigkeiten nie auf das beschränkt, was Sie "Erste Hilfe" nennen. Unterschätzen wir nicht die Bedeutung der Ersten Hilfe für die betroffenen Menschen, nicht nur in Konfliktgebieten.

- Konfliktvorbeugung hat das IKRK nicht gerade zu seinem Kernthema gemacht.

Sie ist nicht Kernaufgabe, nein. Unser Auftrag ist es, die Opfer bewaffneter Konflikte zu schützen zu versuchen und ihnen zu helfen. Die Konfliktvorbeugung ist Aufgabe der Staaten und eigens dafür geschaffener Organisationen.

- In Afghanistan und im Irak haben Colin Powell und Tony Blair die NGOs aber sogar aufgefordert, "gemeinsam mit uns zu marschieren", es gehe doch um dieselben Ziele. Viele haben mitgemacht, das IKRK hat sich dem entzogen.

Ja, weil wir glauben, den Betroffenen in Kriegsgebieten am besten helfen zu können, indem wir unsere Unabhängigkeit wahren. Wenn sich das IKRK politischen oder militärischen Zielsetzungen unterordnen würde, ginge es das Risiko ein, dass Kriegsparteien seine Neutralität in Zweifel stellen und ihm den Zugang zu den Menschen, die seine Hilfe brauchen, erschweren. Wichtig ist für mich, dass jeder Akteur seine Verantwortung in dem für ihn bestimmten Verantwortungsbereich wahrnimmt.

- Darüber hinaus gilt nach wie vor die alte Erkenntnis: "Es gibt keine humanitäre Lösung für politische Probleme"?

Dessen bin ich mir bewusst.

- Ein wenig bekannter Verantwortungsbereich des IKRK sind Kriegsgefangene. Sie besuchen jedes Jahr über 500.000 von ihnen, registrieren sie, führen Gespräche ohne Zeugen. Warum prangern Sie Missstände, die Sie in den Gewahrsamsorten feststellen, nie öffentlich an? Was im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad mit den Gefangenen passiert ist, erfuhr man auch, weil ein vertraulicher IKRK-Bericht dem "Wall Street Journal" zugespielt wurde.

Die Bedeutung des öffentlichen Wortes im Verhältnis zum nichtöffentlichen Dialog wird tendenziell wohl eher überschätzt. Das Gespräch über Verhältnisse in besuchten Gefängnissen und Verletzungen des humanitären Völkerrechts wird vertraulich mit den zuständigen Landesbehörden geführt.

- Ihnen gegenüber ist das IKRK weniger zurückhaltend?

In diesen Gesprächen wird Klartext gesprochen. Die Vertraulichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, den Zugang zu den Betroffenen zu haben und zu erhalten.

- Im Falle Guantànamo hat das IKRK zumindest den unklaren rechtlichen Status der Gefangenen öffentlich beklagt. Die USA waren nicht erfreut. Sie sind aber der größte Geldgeber des IKRK. Stand die Drohung im Raum, den Geldhahn zuzudrehen?

Die USA bleiben unser wichtigstes Geberland. Nicht nur wegen der Summe der bereitgestellten Mittel, sondern auch, weil sie es uns ermöglicht, über das Geld relativ frei zu verfügen. Wir können es auch in den "vergessenen" Krisengebieten verwenden, was unserer Arbeit enorm hilft. Die USA nehmen das IKRK ernst, halten es für glaubwürdig und effizient.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-09-02 17:12:33
Letzte Änderung am 2005-09-02 17:14:00



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