• vom 10.09.2005, 15:26 Uhr

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Update: 11.09.2005, 16:35 Uhr

strati vari / fundtext einer konstruktiven selbstarchäologie




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Von Herbert J. Wimmer

1


jeder augenblick entscheidet: fröhlich in medias res: in bielefeld

am dritten mai zweitausendzwei lesen (beziehungsweise führen vor) im grossen rathaussaal von bielefeld mehr als zwanzig autorinnen und autoren vor hunderten durchwegs begeisterten menschen. es handelt sich um die fünfundzwanzigste und letzte öffentliche veranstaltung im rahmen des bielefelder colloquium neue poesie. tage davor und tags danach hatten die teilnehmenden autoren zeit, miteinander in nichtöffentlichen sitzungen über neue arbeiten zu sprechen, einander in arbeit befindliche projekte vorzustellen, in kollegiale streitgespräche auszubrechen, einverständnisse herzustellen, alte konkurrenzverhältnisse und alte freundschaften aufzufrischen, neue konkurrenzverhältnisse und neue freundschaften sich entwickeln zu lassen. geleitet von klaus ramm und jörg drews, dazu literaturwissenschaftlich begleitet von renate kühn, bleiben intensive gespräche in erinnerung, spaziergänge ins schopke-tal, die freundliche betreuung durch das haus neuland, die einzel- und gruppenfotos von anita schiffer-fuchs. eingeladen in den letzten vier jahren des colloquiums, haben sich die namen der beteiligten eingegraben, erzählungen, anekdoten, persönliche begegnungen, lassen sich die namen wieder ausgraben, entgräbt sich ein namensnetz multidisziplinärer (text, bild, sound) aktivitäten und kunstwerke sowie interdisziplinär fähiger literaturwissenschaftlicher interpretationszugänge, lebende und verstorbene, die seit neunzehnhundertachtundsiebzig auch in vielfältigen aussercolloquialen begegnungen aufeinander bezogen sind.

friedrich achleitner, jeremy adler, urs allemann, heimrad bäcker, josef bauer, marcel beyer, chris bezzel, jaap blonk, henri chopin, inger christensen, carlfriedrich claus, franz josef czernin, elfriede czurda, helmut eisendle, elke erb, jan faktor, gunter falk, gundi feyrer, werner fritsch, heinz gappmayr, ilse garnier, pierre garnier, hartmut geerken, jochen gerz, anselm glück, eugen gomringer, lily greenham, bohumila grögerova, ludwig harig, bernard heidsieck, helmut heissenbüttel, bodo hell, josef hirsal, ernst jandl, georg jappe, ingomar von kieseritzky, thomas kling, ferdinand kriwet, robert lax, harry mathews, friederike mayröcker, franz mon, olaf nicolai, oskar pastior, reinhard priessnitz, eckhard rhode, gerhard rühm, konrad balder schäuffelen, valeri scherstjanoi, ferdinand schmatz, siegfried j. schmidt, klaus schöning, schuldt, timm ulrichs, liesl ujvary, peter weibel, oswald wiener, herbert j. wimmer, ror wolf, ruth wolf-rehfeldt, paul wühr, christina weiss.

friedrich w. block war zweitausendzwei bei der öffentlichen lesung anwesend, der grosse büchertisch bog sich vor wunderbaren fundstücken, die susi ramm und ihre buchhändlerkollegen vor der publikumsmenge ausgebreitet hatten.

hören wir heute die doppel-cd aus/sicht, ab/sicht, ein/sicht (hörbuch 1, aisthesis-verlag, bielefeld 2002), so begegnen wir stets aufs neue den hervorragenden stimmaufführungen, wir erschürfen uns aktuelle literaturgeschichte, wir hören uns ein in die archäologie der stimmen, der sounds.

2

in rom

über dem computertisch hängt eine grossformatige zeichnung von chris bezzel: gestisch-expressive struktur-sensibilität. ihr anblick löst die erinnerung an seinen wahrnehmungsvorschlag aus, den assoziationsraum cy twombly offen zu halten. im jänner zweitausendfünf war in der faz in einem porträt twomblys zu lesen (von niklas maak), dass der maler der überlagerungen, der spuren von zeichen und schriften, der das beiläufige und das, was aus dem untergrund hervor die oberflächen strukturiert, als zentrales thema seiner kunst erarbeitet, nunmehr in gaeta lebt, weil im keller seines wohnhauses in rom eine diskothek wummert.

die erwähnung roms bringt den april zweitausenddrei hervor, der ostermonat in rom, als reisestipendiat des bundeskanzleramts im dichterzimmer der grossen wohnung nahe der piazza navona, ein kleiner spaziergang parallel zur via appia antica von der katakombe san callisto zur katakombe san sebastiano, zurück auf die via appia antica bis vor zum grabmal der cecilia metella (findet es nicht erwähnung in einer der rom-sequenzen der filme federico fellinis?). nach ostern ist es warm und sonnig zwischen tiefhängenden wolken, vor beginn der karwoche regnet es täglich und es ist kühl. nahe dem teatro di marcello, im alten jüdischen viertel, beginnt eine ausstellung von franz west mit einer performance - levitazione, die an zwei tagen aufgeführt werden muss, weil der publikumsandrang im innenhof des wunderbar restaurierten renaissance-hauses der galleria bonomi es verlangt. in begleitung elfriede gerstls sehe ich den mitbewohner der stipendiatenwohnung, franz kapfer, wie er in alpiner lederhose und fachkundig mit der flex franz west assistiert, während fredi jelinek als miles-davis-darsteller seine trompete spielt. kapfers begleitung, heidi schatzl und ihre gemeinsame tochter franzi, ein wunderbar und vollkommen zufrieden lächelndes mädchen von zehn monaten, sind ebenfalls anwesend. gemeinsam mit franz kapfer bewohnen sie in der via di tor millina den trakt für bildende künstler, eine zauberhafte kleine familie, die unermüdlich an ihren eigenen künstlerischen projekten arbeitet.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-09-10 15:26:24
Letzte Änderung am 2005-09-11 16:35:00


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