• vom 13.09.2005, 00:00 Uhr

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Uraufführung in Erfurt: Philip Glass vertonte Coetzees Roman "Warten auf die Barbaren"

Barbaren berauscht der Erfolg




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Von Ernst Scherzer

  • Der Linzer Opernchef Dennis Russell Davies im Totaleinsatz: Demnächst Saisoneröffnung mit Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", dazu Brucknerfest - das er am Sonntag mit dessen "SymphonieNr. 9" für den Hörfunk live und als Klangwolke in den Donaupark hinaus eröffnete und in dessen Rahmen er Wagners "Walküre" konzertant aufführen wird. Und obendrein dirigierte er die Uraufführung von Philip Glass 21. Oper.

Der Ehrgeiz des Erfurter Intendanten, den Besuchern seines 2003 neu eröffneten Opernhauses alljährlich ein neues Bühnenwerk vorzusetzen, wurde am vergangenen Samstag jubelnd belohnt. Donnernden Applaus und Bravorufe erntete eine Premiere, die dem Glücksfall einer Literaturoper galt.


Erfolge haben bekanntlich viele Väter. Einer davon ist der 1940 in Kapstadt geborene, 2003 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete John M. Coetzee.

Pazifistischer Inhalt mit Aktualitätsbezug

Dessen Roman "Waiting fort he Barbarians" spielt zwar im Grenzgebiet eines offensichtlich südlichen Landes, in dem Zivilisation und Nomadentum aufeinander prallen. Doch spätestens, wenn im Opernlibretto von Christopher Hampton - ein weiterer der Erfolgs-Väter - der Satz fällt "Wir müssen Krieg führen, um den Frieden zu erhalten" weiß man, gegen wen sich der Text richtet.

Was vermag gegen diese Logik der friedfertige Präfekt der Stadt schon auszurichten! Der englische Bariton Richard Salter fügt in der Erfurter Uraufführung mit der Charakterstudie dieser Rolle seinem ungewöhnlichen Repertoire einen neuen Glanzpunkt hinzu. Als seine militärischen Gegenspieler überzeugen Eugene Perry (Joll) und Michael Tews (Mandel) eben-so wie Elvira Soukop als gefoltertes "Barbaren"-Mädchen.

Schwelgen in schönen Bildern

Beinahe zu schöne Bilder entstehen auf der Bühne von George Tsypin, nicht zuletzt durch die Lichtgestaltung von Thomas Hase.

Die Regie des Hausherrn kann sich sehen lassen, auf den Einsatz seiner Leute vor, auf und hinter der Bühne darf Guy Montavon stolz sein.

Neben dem Hauptdarsteller war der Komponist Grund für die Standing Ovations. Gute zweieinhalb Stunden lang hat Philip Glass seine Zuhörer mit einer diesmal für ihn ungewohnt dramatisch auftrumpfenden Musik gefesselt, meisterhaft zum Klingen gebracht vom Philharmonischen Orchester unter Davies Leitung, dem dieser Rhythmus im Blut zu liegen scheint.

Ein Extralob gebührt dem Opernchor des Theaters: Stimmlich gab er den "Barbaren" Profil, die natürlich nicht kommen.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-09-13 00:00:01
Letzte Änderung am 2005-09-12 17:50:00

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