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Update: 27.05.2005, 16:04 Uhr

Fußball

"Bimbo" aus St. Pölten




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Von Manfred Wieninger

  • Das Leben des österreichischen Jahrhundert-Fußballers Franz Binder

Franz Binder nach dem Rapid-Sieg gegen Schalke 04, 1941. Foto aus: Josef Huber: Österreichs Sport-Jahrhundert. Stars. Sternstunden. Statistik. Verlag W. Drabesch , Wien.

Franz Binder nach dem Rapid-Sieg gegen Schalke 04, 1941. Foto aus: Josef Huber: Österreichs Sport-Jahrhundert. Stars. Sternstunden. Statistik. Verlag W. Drabesch , Wien. Franz Binder nach dem Rapid-Sieg gegen Schalke 04, 1941. Foto aus: Josef Huber: Österreichs Sport-Jahrhundert. Stars. Sternstunden. Statistik. Verlag W. Drabesch , Wien.

Am 7. September 1919 trat der St. Pöltner Arbeiter-Fußballverein "Sturm 19" auf dem Platz des gutbürgerlichen "Turnvereines St. Pölten 1863" zu seinem ersten Spiel an. Die proletarischen Habenichtse hatten keine Chance. Zum Training stand ihnen nur eine holprige, vom penetranten Schwefelwasserstoff-Gestank der allzu nahen Kunstseidefabrik "Glanzstoff" umnebelte Gstätten zur Verfügung. Ihr Gegner indessen, der "St. Pöltner Sportklub", war 1913 von dem austrobritischen Textilfabrikanten Charles Godderidge aus dem Nachbarort Viehofen gegründet und sowohl mit englischem Soccer-Know-how als auch mit Geld ausgestattet worden. Kein Wunder, dass es für die St. Pöltner Arbeiterfußballer eine herbe Niederlage setzte: mit 1:6 gingen sie gegen den "Sportklub" unter.


Ein fünfzehnjähriger Retter

Die nicht besonders berauschende Performance von "Sturm 19", der in der 2. Klasse NÖ West des Arbeiterfußballverbandes VAFÖ spielte, verbesserte sich erst, als 1926 ein knapp fünfzehnjähriger Bursche in die Kampfmannschaft aufgenommen wurde. Sein Name: Franz Binder.

Binder - 1911 in die tristen wirtschaftlichen Verhältnisse eines St. Pöltner Proletarierhaushaltes hineingeboren - war der jüngere Bruder des "Sturm 19"-Gründungsobmannes Karl Binder. Er verbrachte seine Kindheit, in Sichtweite des "Sturm 19"-Platzes, in einem so genannten "Zehnhaus", also einer Werkswohnung der "Glanzstoff" am St. Pöltner Mühlweg.

Franz Binder (vierter von links, stehend) 1929 an der Ecke Mühlweg/Peppertstraße in St. Pöltens damaligem Proletenviertel. Foto: Stadtarchiv St. Pölten

Franz Binder (vierter von links, stehend) 1929 an der Ecke Mühlweg/Peppertstraße in St. Pöltens damaligem Proletenviertel. Foto: Stadtarchiv St. Pölten Franz Binder (vierter von links, stehend) 1929 an der Ecke Mühlweg/Peppertstraße in St. Pöltens damaligem Proletenviertel. Foto: Stadtarchiv St. Pölten

Außer Fußballspielen gab es in dem proletarischen "Glasscherbenviertel" rund um den Mühlweg nicht viel zu tun. Der Betrieb des einzigen potentiellen Arbeitgebers weit und breit, der "Ersten Österreichischen Glanzstoff-Fabrik AG", stand ab 1919 wegen Kohle- und Rohstoffmangels oft Monate lang still. Erst 1922 konnte das Niveau der Vorkriegsproduktion wieder annähernd erreicht werden. Doch schon 1929 brach die Weltwirtschaftskrise herein, im Juli 1930 wurde die Produktion der "Glanzstoff" eingestellt, das Werk gesperrt. "Wenn die arbeitslosen Burschen in jenen Jahren, in denen es für sie ja nur Freizeit gab, beim sogenannten Einserhaus herumlungerten, kaum etwas zum Anziehen hatten, gelegentlich eine Film rauchten (damals die billigste Zigarette zu je 1 Groschen), dann bastelten sie manchmal für die vielen Kleinkinder der Umgebung Windradeln o. ä. Sie legten zwischen den Zehnhäusern und dem Sturm 19-Platz Schrebergärten an, um Obst und Gemüse zu pflanzen. Sie spielten mit Vorliebe Fußball. Und einer von ihnen sollte später Österreichs populärster Fußball-Torschütze werden." So erinnert sich die Zeitzeugin Charlotte Lasslesberger-Lembeck an eine Jugend im wirtschaftlichen Abseits.

Franz Binders Spielauffassung hatte mit dem damals populären und erfolgreichen Stil der "Wiener Schule", mit der gepflegten, gefinkelten Technik der "Wunderteamspieler" wie Matthias Sindelar und Pepi Uridil nicht das Geringste zu tun. Er hatte ja auch die großen Wiener Mannschaften noch nie spielen gesehen. Franz Binder war 1 Meter 90 groß, hatte einen kräftigen Körper, einen höllischen, knallharten und trotzdem kontrollierten Schuss und eine wilde, unbändige Art, Fußball zu spielen. Die Torleute begannen sich vor ihm zu fürchten. Friedrich Torberg hätte einem wie Franz Binder - im Gegensatz zu Sindelar - niemals "Genie" zuerkannt, aber andererseits hatte der bullige St. Pöltner eben den härtesten Schuss Österreichs und er kämpfte bei jedem Match bis zum Umfallen.

Das sah auch ein Hütteldorfer Talentscout so, der den 19-Jährigen 1930 zu Rapid holen wollte. Vater Binder legte sich zunächst quer - bis dahin hatte sich noch nie ein "Sturm 19"-Spieler abwerben lassen. Schließlich wurde Binder Senior vom damaligen Rapid-Geschäftsführer doch überredet, der in großer Karosse ins St. Pöltner Glasscherbenviertel anreisen musste. Aufrecht blieb allerdings das väterliche Verbot, in Wien zu wohnen. So pendelte Franz Binder zunächst mit einem geliehenen Motorrad von St. Pölten nach Hütteldorf zum Training und zu den Spielen auf die Pfarrwiese.

Der Spitzname "Bimbo"

Was die Wiener Stars von dem Zuzügler aus der Provinz, dem G´scherten aus St. Pölten, hielten, drückt sich in dem Spitznamen aus, den sie ihm verpassten: Bimbo. Franz Binder trug die abfällige Bezeichnung mit Fassung, ja mit Würde. Er antwortete in seiner Sprache, mit vollem Einsatz im Training, mit seinem Körper, den er rücksichtslos einsetzte, mit zerschossenen Tornetzen, vor allem aber mit Toren.

Am 20. September 1930 debütierte er im Rapid-Dress. In seinen ersten drei Bewerbsspielen soll er gleich 13 Tore erzielt haben. 1933 war er bereits österreichischer Torschützenkönig, ebenso 1937. In den Jahren 1938, 1939, 1940 und 1941 wurde er Torschützenkönig der "großdeutschen" Fußballmeisterschaft.

Binder war auf dem Höhepunkt seines fußballerischen Könnens und seines Ruhmes angelangt, als ihm drei seiner vielen Tore schließlich zum Verhängnis wurden. Am 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, fand im Berliner Olympiastadion vor 95.000 Zuschauern das Finale um die "großdeutsche" Fußballmeisterschaft - die "Viktoria" - zwischen Rapid Wien und Schalke 04 Gelsenkirchen statt. Der SCR trat mit Raftl, Wagner 2, Sperner, Wagner 1, Gernhart, Skoumal, Fitz, Schors, Binder, Dvoracek und Pesser gegen eine Mannschaft an, die als populärster Fußball-, ja Sportverein des Dritten Reiches galt und deren sechs Meistertitel zwischen 1933 und 1945 von den Nazis entsprechend gefeiert und für die "nationale Sache" vereinnahmt wurden. "Der fanatische Wille zum Ziel und zum Sieg, das haben die Schalker mit Adolf Hitler gemeinsam", war bereits 1936 im "Buch vom Deutschen Fußballmeister" zu lesen. "Nach dem Anschluss Österreichs nutzten die Nationalsozialisten das Endspiel der ersten Großdeutschen Meisterschaft am 18. Juni 1939 im Berliner Olympia-Stadion zu einer gigantischen Propagandaveranstaltung. Nach dem 9:0-Sieg von Schalke 04 gegen Admira Wien wurden die Gelsenkirchener Spieler zu Ehrenmitgliedern der NSDAP ernannt. Gegen die Vereinnahmung durch die Partei wehrten sie sich nicht. Fritz Szepan etwa, nebenbei auch Spielführer der deutschen Nationalelf, war bereits 1937 in die NSDAP eingetreten. Im November 1938 kaufte er das jüdische Kaufhaus Rhode & Schwarz in Gelsenkirchen. Die Inhaberinnen wurden in das KZ Riga gebracht und ermordet." So beschrieb das WDR-Magazin "WestArt" das gegnerische Umfeld, das die Wiener 1941 im Berliner Olympiastadion erwartete.

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Dokument erstellt am 2005-05-27 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-05-27 16:04:00


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