• vom 28.01.2004, 00:00 Uhr

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Update: 30.03.2005, 12:54 Uhr

Friedrich Weissensteiner über die österreichischen Parteiführer der Zweiten Republik (2)

"Republikbaumeister" Adolf Schärf




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In der von Leopold Figl nach den Nationalratswahlen vom 25. November 1945 gebildeten Regierung war der Sozialist Dr. Adolf Schärf Vizekanzler. Figl und Schärf kamen menschlich miteinander recht gut aus, obwohl sie ideologisch und von ihrer Persönlichkeitsstruktur her gesehen, grundverschieden waren.


Der Jurist Dr. Adolf Schärf war eine eher kühle, zurückhaltende Persönlichkeit, ein intellektueller, urbaner Verstandesmensch, dem jede Popularitätshascherei fremd war. Er war kein Volkstribun. Schärf war nüchtern, sachlich und eher distanziert, ein glänzender Organisator und kluger Taktiker, aber durchaus ein Politiker mit "Handschlagqualität". Seine Entschlüsse waren wohlüberlegt, sein Wort galt. War etwas mit dem politischen Gegner vereinbart, so hielt das über alle Einwände von Parteifreunden hinweg.

Antifaschistische Haltung

Figl und Schärf verband ihre antifaschistische Haltung und ihre Liebe zu Österreich. Das half beiden in der schweren Nachkriegszeit über so manche ideologische Gegensätze und Standpunkte hinweg.

Schärf war wie Figl 1945 ein Mann der ersten Stunde. Wie er gehörte er zu den Gründungsvätern seiner Partei. Beim Neuaufbau der 1934 verbotenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der am 14. April 1945 im Roten Salon des Wiener Rathauses seinen Anfang nahm, spielte er eine führende Rolle. Die alten sozialdemokratischen Funktionäre (Theodor Körner, Oskar Helmer, Heinrich Schneidmadl) und die jungen "Genossen"( Felix Slavik und andere) wählten ihn bei dieser Zusammenkunft zum provisorischen Vorsitzenden. Provisorisch deshalb, weil die Position für Karl Seitz offen gehalten wurde, der zu diesem Zeitpunkt unbekannten Aufenthaltes war. Als Seitz dann im Juni schwerkrank aus dem KZ nach Wien zurückkehrte, übernahm Schärf am ersten Parteitag nach dem Krieg, am 15. Dezember 1945, den Parteivorsitz.

Die Partei nannte sich zunächst "Sozialistische Partei Österreichs (Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten)". Diese Bezeichnung war eine Kompromissformel zwischen den gemäßigten Funktionären und den jungen, die radikalere Positionen vertraten. Der Klammerzusatz wurde im September 1945 ohne viel Aufhebens eliminiert. Fortan war der offizielle Parteiname "SPÖ".

Schon bei dieser Entscheidung erwies sich Adolf Schärf als gewiegter Taktiker, eine Eigenschaft, die er bei anderen Gelegenheiten immer wieder unter Beweis stellen sollte.

SPÖ staatstragende Kraft

Programmatisch knüpfte die SPÖ an die alte Partei an. Das umstrittene "Linzer Programm" des Jahres 1926 blieb in Kraft, doch versuchte man 1947 durch ein "Aktionsprogramm" sich den seither eingetretenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen anzupassen.

Adolf Schärf gelang es innerhalb kurzer Zeit, die Parteiorganisation neu aufzubauen. Vor allem aber machte er die Partei, die in der Ersten Republik dem Staat ablehnend gegenüberstand, zu einer staatstragenden Kraft, die in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich an der Regierung beteiligt war.

In der Regierung beschränkte sich Schärf auf das Amt des Vizekanzlers. Ressort übernahm er keines. Er koordinierte jedoch die Arbeit der sozialistischen Minister und war durch seine hervorragende Kenntnis der Verfassung und des Rechtswesens maßgeblich an der Ausarbeitung von Gesetzesvorlagen beteiligt.

Adolf Schärf stand seit Beginn seiner politischen Karriere am rechten Flügel der Partei und hielt auch als Vorsitzender an diesem Kurs fest. In der unmittelbaren Nachkriegszeit blockte er mit Entschiedenheit und großem taktischen Geschick alle Angebote der Kommunisten mit der SPÖ zu kooperieren, ab. "Abweichler", wie etwa Erwin Scharf, der die Nähe der Kommunisten suchte, wurden aus der Partei ausgeschlossen. Adolf Schärf kannte in dieser Beziehung absolut keinen Pardon. Sein antikommunistischer Kurs wurde vor allem vom sozialistischen Innenminister Oskar Helmer tatkräftig unterstützt.

Der Werdegang Adolf Schärfs begann in den mährischen Kleinstadt Nikolsburg, wo er am 20.April 1890 als Sohn eines gelernten Drechslers zur Welt kam. Die Familie übersiedelte 1899 nach Wien, der Geburtsstadt des Vater, der sich in der kaiserlichen Residenz in der Zwei-Zimmer-Wohnung der Familie auf das Glasperlenblasen spezialisierte .

Nach dem Besuch der Volksschule zunächst in Nikolsburg, dann in Wien-Ottakring, trat der junge Schärf in das humanistische Gymnasium in Hernals ein, wo er mit Auszeichnung maturierte. Schärfs politische Sozialisation erfolgte bereits als Gymnasiast. Er beteiligte sich 1908 an der Gründung einer Sozialistischen Mittelschülervereinigung und kam bereits damals in Kontakt mit Viktor Adler, Otto Bauer, Karl Renner und anderen Spitzenfunktionären der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

1909 bezog Schärf die Universität. Er finanzierte das Rechtsstudium, für das er sich entschieden hatte, größtenteils durch Nachhilfestunden und ab 1911 aus den Einkünften als Schreibkraft in der Rechtsanwaltskanzlei seines Bruders Paul. 1911 promovierte er zum Dr. juris.

Freiwillig in den Weltkrieg

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Schärf freiwillig zum Militär, wurde zum Reserveoffizier ausgebildet und heiratete am 2.Oktober 1915 die Steirerin Hilde Hammer, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahre 1956 eine ausgesprochen glückliche Ehe führte. Seine Frau gebar ihm zwei Kinder: einen Sohn, Reinhold, und eine Tochter, Martha.

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Dokument erstellt am 2004-01-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-30 12:54:00


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