• vom 24.03.2004, 00:00 Uhr

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Update: 30.03.2005, 12:54 Uhr

Anton Reinthaller




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Der erste Bundesobmann der FPÖ war eine Kultfigur des nationalen Lagers, der oberösterreichische Bauernsohn Anton Reinthaller. Ihn konnten seltsamerweise nicht die eigenen Leute zum Wiedereintritt in die Politik bewegen, sondern Bundeskanzler Julius Raab bei einem Gespräch, das Anfang 1954 im Bahnhofsrestaurant von Attnang-Puchheim stattfand. Im Jahr zuvor hatte er das Angebot, die Führung des VdU zu übernehmen mit dem Hinweis auf sein Alter (er war damals 59, aber gesundheitlich schwer angeschlagen) zurückgewiesen. Aber dann hatte er sich, aus welchen Gründen immer, anders besonnen.


Raab wollte ein Druckmittel

Julius Raab handelte nicht uneigennützig. Er versprach sich von Reinthaller die Konsolidierung des nationalen Lagers, das er gegebenenfalls als Druckmittel bei den Koalitionsverhandlungen mit den Sozialisten einzusetzen gedachte.

So groß Reinthallers Ansehen in nationale Kreisen war, als Aushängeschild für eine Partei in einem demokratischen Staat war er als prominenter "Ehemaliger" nicht geeignet. Das meinte nicht nur Stendebach. Aber er setzte sich mit seiner Meinung nicht durch. Auf dem Gründungsparteitag der FPÖ wurde Reinthaller mit 117 von 124 Stimmen zum Obmann gewählt, auf Stendebach entfielen drei!

Anton Reinthaller wurde am 14. April 1895 in Mettmach im Innviertel geboren. Der Vater, Landwirt und Besitzer einer kleinen Brauerei, schickte den begabten Buben in das Gymnasium.

Sogleich nach der erfolgreichen Ablegung der Reifeprüfung wurde der Maturant zur k.u.k. Armee einberufen und verbrachte einen Großteil des Krieges in russischer Gefangenschaft.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat begann Reinthaller ein Forstwirtschaftsstudium an er Hochschule für Bodenkultur in Wien, das er 1922 abschloss. Danach war er in der Wildbach- und Lawinenverbauung tätig. 1924 heiratete er eine begüterte Bauerntochter in Mühlbach am Attersee. Der Ehe entspross eine Tochter.

NS-Bauernführer

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts war er NS-Bauernführer und Fachberater für Agrarfragen in der Landesleitung der NSDAP in Österreich. Der NSDAP war er 1928 beigetreten. Der groß gewachsen, schlanke Herr war ein überzeugter Nationalsozialist, jedoch kein (Rassen)Fanatiker, sondern ein Mann des Ausgleichs, dem jeder Extremismus fern lag und der den Terror als Mittel der Politik ablehnte. Nach dem Juliputsch 1934 leitete Reinthaller eine Befriedungsaktion ein und bemühte sich in Gesprächen mit Bundeskanzler Schuschnigg um einen Ausgleich mit der Regierung, der jedoch nicht zustande kam. In radikalen NS-Kreisen galt er als "österreichischer Separatist". 1938 war Reinthaller kurzzeitiger Bundesminister im "Anschluss"-Kabinett Seyß-Inquart, nach der Okkupation Österreichs erhielt er den Posten eines Unterstaatssekretärs im Reichsernährungsministerium in Berlin. 1941 wurde er in den Rang eines SS-Brigadeführers erhoben. Militärisch eingesetzt war er nicht.

Volksgerichtsprozess

Nach Kriegsende wurde Reinthaller verhaftet und im Oktober 1950 in einem zweiten Volksgerichtsprozess wegen Illegalität zu drei Jahren Kerker und Vermögensverfall verurteilt, jedoch 1952 amnestiert. Prominente Politiker hatten zu seinen Gunsten ausgesagt. Heinrich Gleißner, der Landeshauptmann von Oberösterreich, bescheinigte ihm, "ein anständiger, jeder Gewalt und jedes Unrecht verabscheuender Mensch" zu sein. Bundeskanzler Leopold Figl und der Präsident des Rechnungshofes, Hans Frenzel, erklärten, Reinthaller habe ihnen während der NS-Gewaltherrschaft Hilfe geleistet und sie vor größerer Unbill bewahrt. Figl habe er sogar in der damaligen Gaubauernschaftsführung einen Posten angeboten, was dieser natürlich zurück gewiesen hatte.

Reinthaller war 1954 bereits wieder ein begehrter politischer Gesprächspartner. 1956 trat er, wie bereits erwähnt, als Obmann der FPÖ wieder in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Als solcher hat er in seiner Antrittsrede ein "Bekenntnis der Zugehörigkeit zum deutschen Volk" abgelegt, sich aber auch für den Zusammenschluss der Völker Europas ausgesprochen und seiner Partei einen Platz in der Mitte zwischen den Extremen von rechts und links zugewiesen.

Im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1957 setzte er sich gemeinsam mit Bundeskanzler Julius Raab für die Wahl des von ÖVP und FPÖ nominierten Kandidaten, Univ.-Prof. Wolfgang Denk ein. Anton Reinthallers Tage als Obmann der Freiheitlichen Partei waren gezählt. Er erlag am 6. März 1958 im Alter von 63 Jahren einem langen, qualvollen Leiden: dem Lungenkrebs.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2004-03-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-30 12:54:00


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