• vom 04.04.2003, 00:00 Uhr

Archiv

Update: 08.04.2005, 15:20 Uhr

Weissenbergers Wanderwege

Die Mandling: Auf den Spuren des Urgroßvaters




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





"Auf was die Fachleute alles kommen, wenn man sie laßt", lässt Herzmanovsky den Kaiser Joseph II. sagen. Es war eines der Lieblingszitate Bruno Kreiskys. Zum ersten Mal hat er es im Sommer 1971 gebraucht, nachdem der Nationalrat in der letzten Sitzung vor den Neuwahlen


eine BundesstraßengesetzNovelle verabschiedet hatte - darin u. a. die irrsinnige Idee, eine Stelzenbrücke über den Neusiedler See zu bauen, und auch die Umnummerierung fast sämtlicher Straßen: Die kartographischen Verlage konnten Neuauflagen drucken, die Schilderfabrikanten erlebten eine Hyperkonjunktur.

Eine Parallelaktion betrieben die Fachleute ohne Gesetzesbeschluss: quer durch Österreichs Bergwelt angestammte Namen zu ändern; so wurden z. B. die femininen Gipfel in den Voralpen (die Jochart, die Mandling . . .) für männlich erklärt. Und schon wieder wurden Karten mutiert und Tafeln ausgetauscht.

Was die Hohe Mandling anlangt, hat mich der Unfug irritiert, weil von diesem Berg meine Vorfahren kommen und ich dort so ziemlich jeden Flecken kenne. Freilich: Nur wer genau schaut, kann die Spuren lesen. Wo 1923 noch in einer Artaria-Wanderkarte auf halber Bergeshöhe "Weißenberger" eingezeichnet war, findet man nun lediglich Fundamentsreste, Stickstoffweiser bei der Viehtränke und verwilderte Obstbäume. Wenn ich immer wieder vorbeikomme, tue ich das nicht wegen "Ahnenforschung", sondern weil ich etwas über den Lauf der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lerne.

1727 hat ein Adam Weissenberger hier eingeheiratet. In der Theresianischen Steuerfassion von 1751 heißt es über Benedict ("Wähnl") W.: "Genießt die Weide auf eigenen Gründen, Äcker auf der Höh, auf der Öden, im Mais; Holzgrund in der Puchleuten, sehr ausgehackt und entblößt; Schätzwert gesamt 43 fl." In der Josephinischen Steuerfassion 1787 wird die Hausnummer von 18 auf 17 geändert (die Fachleute!), in der Franziszäischen 1821 wird der Hofraum mit 355 Quadratklaftern ausgemessen. Die Schulfassion 1857 berichtet, dass "wegen Mangels an Arbeit ein großer Teil der Eltern das Schulgeld nicht bezahlen kann." Die "Bauernbefreiung" der 48er-Revolution tut ein Übriges: Ein Drittel des Schätzwertes gebührt in bar der ehemaligen Grundherrschaft; wer nicht bis 1868 zahlt, muss ausziehen. Die Folge ist die großflächige Entsiedelung des Bauernlandes: Es verwaldet, wird zum aristokratischen Jagdrevier. Mein Urgroßvater Johann heiratet hinunter in den Schallhof; der Hof geht an Erzherzog Leopold aus der Linie Rainer.

Die Wege. Im Zwei-Auto-Betrieb oder per Postbus am besten vom Sattel Auf dem Hals über die durchgehend bewirtschaftete Waxeneck-Hütte auf Nr. 201 + 231 zum Geyersattel. Dorthin auch von der Haltestelle Ortmann der Gutensteiner Bahn durch das Feichtenbachtal und beim ehemaligen Erholungsheim (Bundeskanzler Ignaz Seipel ist hier 1932 an den Spätfolgen eines Attentats gestorben) rechts hinauf. Beide Wege gemeinsam südlich zur Fozeben. Kürzester Aufstieg hierher rot markiert vom Martahof im Tal. Vorbei an Gedenktafel für den letzten niederösterreichischen Wolf (1866) hinauf zur Berndorfer Hütte (dzt. Mi, Sa, So) auf der Knödelwiese. Auf Nr. 36 hinunter zum abgekommenen Hof des Urgroßvaters und steil nach Ortmann. (Andere Abstiege: auf Nr. 201 direkt nach Reichental; auf Nr. 201 A Richtung Vordere Mandling und nach Öd oder Waldegg.)

Die Daten. 31/2 bis 4 Stunden. 480 bis 540 Höhenmeter.



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-04-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:20:00


Werbung




Werbung