• vom 04.02.2003, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:23 Uhr

Ein Nachruf auf den Philosophen, Soziologen und Kriegshistoriker

Ernst Topitsch ist tot




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Von Kurt Marko

Der Philosoph, Soziologe und Kriegshistoriker, in Wien am 20. März 1919 geboren, erlebte wie die älteren und später berühmteren Fachkollegen, Ludwig Wittgenstein und Karl R. Popper, als Gymnasiast und Student in seiner Heimatstadt, im verelendeten Labor für Moderne und Weltuntergang, in der alles andere als gemütlichen oder spaßigen Zeit zwischen den Kriegen die blutige Rivalität der verderblichsten Triebkräfte des Jahrhunderts. Er wird ihnen bis zuletzt, bis zum 26. Januar 2003, mit der Hellsicht und der nüchternen Distanz seiner Vorbilder, Thukydides und Max Weber, in unnachgiebiger Entschlossenheit gegenübertreten. Den Studiosus alter Meister, der klassischen Philologie und Philosophie, verschlug es als Kradmelder an die Ostfront. Wer erinnert sich an den bebrillten, unter Lederkappe und Nachkriegs-outfit verborgenen Assistenten des Philosophischen Instituts, an den Dozenten, der "mit seiner (schweren) Maschin'" bei jedem Wetter in der Liebiggasse 5 ein- und ausfuhr?


Im restaurativen Klima jener Jahre war Topitsch zu einer Tarnung genötigt, unter der er gelitten hat. "Vom Ursprung und Ende der Metaphysik / Eine Studie zur Weltanschauungskritik", 1958, Neuauflage 1972, sein erstes Buch, war jedoch schon, inmitten der reetablierten Traditionalisten, der nicht zu hintertreibende Durchbruch; es trug ihm die Mitgliedschaft im Pariser Institut International de Philosophie ein. Es enthält bereits die tragenden Elemente seiner rigorosen Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik; sein anthropologisch fundiertes Instrumentarium fordert alle autoritären Heilsverkündigungen und Herrschaftslegitimierungen heraus. Folgerichtig begleiten Topitschs Lebensweg seither der Widerspruch, ja die Feindschaft seitens der so oder so firmierenden Erlöserorganisationen und Freiheitsfeinde, am inständigsten der Marxisten und derer, die modisch sich dafür hielten und als 68er für Intellektuelle gehalten werden.

In seinem Erstling hat Topitsch Anregungen des vergessenen österreichischen Philosophen Heinrich Gomperz mittels neuer anthropologischer Forschungsergebnisse ausgestaltet; in den anschließenden Veröffentlichungen hat er Hans Kelsen, den verfemten, wie Gomperz ins Exil getriebenen Rechtspositivisten wieder in die ideologiekritische Debatte einbezogen. 1962 folgt Topitsch dem Ruf an den Lehrstuhl Max Webers in Heidelberg, 1969 kehrt er nicht nach Wien zurück, sondern lehrt seither, aktiv auch als Emeritus, fast bis zuletzt an der Universität Graz.

Topitsch wird, wie Popper und Hans Albert, fälschlich dem Malefiz-Neopositivismus zugeschlagen; nun, er wendet seine Desillusionierung in offener Fehde auch gegen die Positivismus-Kritiker, Adorno/Horkheimer & Co., gegen deren Autoritäten und Nachläufer, gegen die "Neue" Linke und Heideggernde, Gadamernde Obskurantisten. Er hat immer anerkannt, was dem "Wiener Kreis" zu verdanken ist, hat 1960 die Festschrift für Viktor Kraft herausgegeben, den letzten Mitarbeiter des Kreises, Hörern der Wiener Nachkriegs-Uni vielleicht noch in Erinnerung; er hat 1975 den Nachruf auf den 95jährig verstorbenen Philosophen in Ö1 gesprochen.

Mit anderen hat er als Autor und Herausgeber die Grundlagen-Debatte der Sozialforschung im deutschen Sprachraum wiederbelebt ("Logik der Sozialwissenschaften", 1965, 1976 schon in 9. Auflage). Zu mehreren Auflagen kam es wiederholt bei den folgenden ideologiekritischen Veröffentlichungen, die zu nennen hier nicht der Ort ist; mit ihnen hat er mehr und mehr in die politische Gegenwart eingegriffen. Unbestreitbar ist er auch damit zu einer überragenden, bleibenden Gestalt geworden. Ob, sagen wir, seine heutigen, wienerisch geschäftigen Fachvertreter, Hampelmännchen des Medienbetriebs, von ihm, dem antikonformistisch politisch Unkorrekten wissen? Man kennt es seit Karl Kraus: Nicht genannt soll er werden!

Topitschs Sündenfall, Absturz ins Gedächtnisloch: "Stalins Krieg. Moskaus Griff nach der Weltherrschaft. Strategie und Scheitern" (3. Aufl. 1998, Ergänzungsheft 2000, 28 S.). Mit der Herauslösung des Kriegsgeschehens aus den Kontroversen um den vordergründigen Präventivbegriff, ohne Rücksicht auf die "volkspädagogisch" motivierte Kontrastmalerei - verbrecherisches Regime hier, nicht auch dort -, mit der Ableitung von Stalins Manövrieren aus einem Langzeitkonzept Lenins stellte sich Topitsch quer zu etablierten Deutungen, galt er den einen nicht länger als seriöser Philosoph und Soziologe, den anderen als "Kalter Krieger", was vorherrschend nie selbstverständlich und Ehrensache war, sondern Danebenbenimm, in Newspeak: nachhaltig unwissenschaftliche und asoziale Auffälligkeit. Da man, wenn überhaupt, für die Öffentlichkeit fortan nur entweder den einstigen Weltanschauungsanalytiker und Sozialphilosophen oder den Antikommunisten wahrzunehmen gewillt war, verschloss man sich der durchgehenden Konsequenz seines dreifächrigen Lebenswerks und damit der Einsicht, dass die lebenslange, tiefdringende Motivationsanalytik den ledergrauen Motorrad-Landser fünfzig Jahre danach befähigte, mit der souveränen Außenseiter-Statur Jakob Burckhardts, die konstante Mentalität der im Moskauer Kreml Einsitzenden diskutabel bloßzulegen.

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Dokument erstellt am 2003-02-04 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:23:00


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