• vom 14.01.2003, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:24 Uhr

Österreichs Finanzminister - 30. Teil: Viktor Kienböck

Ignaz Seipels Mann der Sanierung




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Von Wolfgang Fritz

Die österreichische Währung, die Krone, von Finanzminister Emil Steinbach geschaffen und von seinen Nachfolgern getreulich bewahrt, war dem Ersten Weltkrieg zum Opfer, der Gold- und Devisenvorrat, der ihre Stabilität garantierte, in den Rachen der Kriegsfurie gefallen. Wie eine neue Währung aufbauen, ohne die alle anderen Bemühungen doch fruchtlos waren? Vier Jahre lang hatte sich die Finanzpolitik an dieser Frage aufgerieben. Bundeskanzler Ignaz Seipel durchschlug, nach einem ersten, fehlgeschlagenen Versuch, im zweiten Anlauf den gordischen Knoten. Mit einem kühnen Manöver des Gegeneinanderausspielens der internationalen Mächte brachte er die Genfer Anleihe zustande.


Am 4. Oktober war der Vertrag unter Dach und Fach. Er war, wie Kienböck in seinem Resümee "Das österreichische Sanierungswerk" schreibt, auf dem Gedanken aufgebaut, der Ausgabe von ungedeckten Banknoten ein Ende zu machen, die Währung zu stabilisieren und den Staatshaushalt durch Erhöhung der Einnahmen und Herabsetzung der Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen; dafür solle dem Staat eine garantierte Anleihe von 650 Millionen Goldkronen verschafft werden, aus deren Erlös das Defizit bis zur Erreichung des Haushaltsgleichgewichtes gedeckt werden konnte. Österreich musste für diese Hilfe freilich einen hohen Preis zahlen: die Einnahmen aus Zöllen und Tabak verpfänden und sich einer doppelten Kuratel durch ein Völkerbundkomitee und einen Generalkommissär unterstellen, den Rotterdamer Bürgermeister Zimmermann, der - ein wahrer Finanzdiktator im Interesse des internationalen Finanzkapitals - über die Auszahlung der einzelnen Beträge aus dem Anlehen zu entscheiden hatte.

Parlamentarisch wurde die Sanierung derart ins Werk gesetzt, dass neben der Ratifizierung der Genfer Protokolle das schon unter Ségur beschlossene Notenbankgesetz nach den Vorstellungen des Völkerbundkomitees novelliert, und ein Wiederaufbaugesetz erlassen wurde. Das Parlament sollte in diesen Fragen ausgeschaltet werden. Die Sozialdemokraten, ohne deren Zustimmung diese vorübergehende Verfassungsänderung nicht zu Stande kommen konnte, übten sich zunächst in heftiger Opposition. Aber gegen die reale und handgreifliche Sanierung nach so langen Jahren der vergeblichen Bemühung konnte man nicht sein.

Um die Sanierung in der Himmelpfortgasse ins Werk zu setzen, bedurfte es einer überaus tüchtigen und souveränen Persönlichkeit. Seipels einsame Entscheidung fiel diesmal auf einen Geeigneten: den Wiener Rechtsanwalt und Gemeindepolitiker Viktor Kienböck. Am 14. November, noch bevor, am 27., die Gesetze im Nationalrat beschlossen waren, trat er sein Amt an.

Kienböck war am 18. Jänner 1873 in der Wiener Spiegelgasse als Sohn eines aus dem Waldviertel stammenden Rechtsanwaltes, in dessen Kanzlei der nachmalige Wiener Bürgermeister Karl Lueger das Advokatenhandwerk erlernt hatte, geboren worden. Seine Mutter war jüdischer Abstammung. Nach Abschluss seines Jusstudiums, die Promotion fand am 6. März 1896 statt, trat er in die Kanzlei seines Vaters ein. 1909 heiratete er Johanna Favarger, mit der ihm eine lange und glückliche Ehe beschieden sein sollte. Im Weltkrieg tat er Felddienst am Balkan und geriet in italienische Kriegsgefangenschaft. Im Mai 1917 war er wieder in Wien. Bis zum Ende der Donaumonarchie wirkte er im gemeinsamen Ernährungsausschuss in Wien und Budapest.

Seine politische Laufbahn begann 1918 im provisorischen Wiener Gemeinderat. Die Wahlen vom 4. Mai 1919 brachten den Sozialdemokraten einen Erdrutschsieg. Kienböck erlernte als Stadtrat ohne Portefeuille und bürgerlicher Gegenspieler des genialen sozialdemokratischen Finanzreferenten Hugo Breitner das Finanzpolitikerhandwerk in einer harten Schule. Es war im übrigen bei beiden Hass auf den ersten Blick, und es ist eine der Absurditäten der an Sonderbarem reichen Ersten Republik, wie sich diese beiden gleichermaßen redlichen und befähigten Finanzmänner, deren Wirken der Republik einen großen Teil von ihrem bisschen Substanz gab, gegenseitig im ideologischen Eifer befetzten.

Als 1920 Österreichs erster Bundespräsident gewählt wurde, war Kienböck Kandidat der Christlichsozialen, unterlag aber, als Halbjude von den Großdeutschen nicht unterstützt, gegen Michael Hainisch.

Kienböcks erste Aufgabe war es, am 18. November 1922, im Auftrag der Völkerbund-Delegation, die Notenpresse einzustellen, womit die Inflation nach acht Jahren beendet war. Anfang 1923 nahm die neue Nationalbank, unter der Präsidentschaft von Richard Reisch, und der Oberaufsicht eines Völkerbundvertrauten, ihre Arbeit auf. Der Kurs der Krone wurde mit 14.400 zum Gold festgesetzt, und blieb in der Folge stabil. 1924 ersetzte man die Krone durch den Schilling, wobei ein Schilling 10.000 Kronen wert war.

Die wichtigste Neuerung auf der Einnahmenseite war die im April 1923 eingeführte Warenumsatzsteuer, die sich bald als eine für die Staatsfinanzen ganz unentbehrliche Cashcow erweisen sollte. Auf der Ausgabenseite hatte eine Verwaltungsreform 100.000 Beamtenposten, etwa ein Drittel aller öffentlich Bediensteten, einzusparen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2003-01-14 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:24:00


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