• vom 22.11.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:27 Uhr

Vor 150 Jahren wurde Erzherzog Johann Salvator, alias Johann Orth, geboren

Ungestümer kaiserlicher Rebell




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Das hätte er sich wohl nicht träumen lassen, der vielseitig begabte, impulsive, höchst unkonventionelle Erzherzog Johann Salvator, dass sein Seeschloss im Traunsee, das er 1878 um 24.000 Gulden kaufte, einmal Schauplatz einer beliebten TV-Serie sein würde. Hätte er in unserer Zeit gelebt, er hätte sein Schloss und sich als Darsteller dafür gewiss zur Verfügung gestellt.

Für Ungewöhnliches, sogar Ungebührliches war dieser aufmüpfige, nonkonformistische Spross des österreichischen Kaiserhauses stets zu haben. Er fügte sich in keine Norm, er ließ sich in keine Schablone pressen. Er war schlicht unangepasst.


Der am 25. November 1852 geborene Erzherzog war das zehnte und jüngste Kind des Großherzogs Leopold II. und seiner Gemahlin Maria Antonia. Er verbrachte in Florenz, wo er zur Welt kam, eine sorglose, unbekümmerte Kindheit, die einen Knacks bekam, als die Familie 1859 im Zuge der nationalstaatlichen Einigung Italiens die Toskana verlassen musste und in den Mutterschoß des Hauses Habsburg zurückkehrte. Der Vater erwarb die böhmischen Schlösser Brandeis (heute: Brandys) an der Elbe und Schlackenwerth bei Karlsbad, wo der hochintelligente Johann seine erste Ausbildung erhielt. Im Alter von zwölf Jahren beorderte der Kaiser den schwer zähmbaren, ungebärdigen Knaben zur weiteren Erziehung an den Wiener Kaiserhof.

Zunächst fügte er sich

Der Erzherzog sollte, so wollte es Franz Joseph, zu einem "nützlichen Staatsbürger" herangebildet und problemlos in das Kaiserhaus integriert werden. Das klappte zunächst auch ganz gut. Johann brachte die Festtage im Kreis der kaiserlichen Familie zu, besuchte mit dem um sechs Jahre jüngeren Kronprinzen Paraden und Manöver und fügte sich in das Reglement des Hofes. Franz Joseph brachte ihm Wohlwollen entgegen und förderte seine Neigungen und Interessen, die ungewöhnlich breit gestreut waren.

Johann Salvator malte, komponierte, interessierte sich für die Naturwissenschaften und für alles technisch Neue, wie zum Beispiel das Photographieren. Vor allem aber hatte er eine Vorliebe für Literatur und Kunst, was für ein Mitglied der Hofgesellschaft eher unüblich war. Die Jagd, die große Leidenschaft der Hocharistokratie, fand der Schöngeist reizlos. Auch Tanzveranstaltungen, Bälle und Diners bereiteten ihm wenig Vergnügen. Hingegen bekundete er für militärische und politische Fragen schon in jungen Jahren ein reges Interesse.

Mit 22 Oberstleutnant

In der Offizierslaufbahn, die ihm vom Kaiser vorgegeben wurde, erkletterte der Erzherzog rasch eine Sprosse nach der anderen. Bereits im Alter von 20 Jahren wurde er zum Major befördert, mit 22 war er Oberstleutnant. Er hatte sich, ungewöhnlich genug, nicht für den Dienst in der Kavallerie, sondern für die Artillerie entschieden. Und schon hatte er auch damit begonnen, gegen den Stachel zu löcken.

In Temesvar, wohin er wegen eines Verstoßes gegen die militärische Disziplin strafversetzt worden war, sprangen ihm eine Reihe von Unzulänglichkeiten in der k. u. k. Armee ins Auge, die er zu Beginn des Jahres 1875 unter einem Pseudonym in der Schrift: "Betrachtungen über die Organisation der österreichischen Artillerie" zur Sprache brachte. Er übte darin massive Kritik an der rückständigen Ausstattung dieser Waffengattung mit Geschütz und Geräten, am sinnlosen Kasernenhofdrill bei der Ausbildung und anderes mehr.

Johanns Autorenschaft blieb natürlich nicht unentdeckt. Der Kaiser erteilte ihm mündlich einen ernsten Verweis und versetzte ihn zunächst nach Krakau zur Infanterie, dann in das ungarische Komorn. Seiner militärischen Karriere schadete seine Offenherzigkeit auch jetzt (noch) nicht. Nach dem Feldzug in Bosnien-Herzegowina (1878), in dem er sich durch Mut, Tapferkeit und Umsicht ausgezeichnet hatte, wurde der hervorragende Militär zum Kommandanten der Stabsoffizierskurse in Wien ernannt.

Die Rückkehr in die kaiserliche Hauptstadt erfüllte den systemkritischen Nörgler mit Genugtuung. In der Weltstadt Wien herrschte jenes geistige Klima, das dem künstlerisch vielseitigen Erzherzog behagte. Freilich, konfliktlos konnte der Toskaner offenbar nicht leben.

Provokation

Anfang November 1886 hielt er im Wiener Militärcasino vor illustrem Publikum einen Vortrag mit dem Titel: "Drill oder Erziehung", in welchem er in scharfen Worten den Kadavergehorsam in der k. u. k. Armee anprangerte, für eine humane Behandlung der Soldaten und deren Erziehung zu selbständigem Denken und Handeln eintrat. Das waren aus heutiger Sicht durchaus moderne Reformvorschläge. Damals wurden sie als Provokation empfunden. Als Johanns Vortrag in Druck erschien, wurde die "Demokratisierung der Armee" vom allgewaltigen Erzherzog Albrecht sogleich scharf zurückgewiesen, und auch der Kronprinz reagierte mit einer Gegenschrift ablehnend.

Der liberal gesinnte Sohn des Kaisers und der rebellische Prinz aus der Toskana hätten eigentlich dieselbe Sprache sprechen müssen. Sie waren miteinander nicht nur bluts- sondern auch geistesverwandt. Der fragile Rudolf und der ehrgeizzerfressene Johann waren weit über den Durchschnitt begabt, gebildet, künstlerisch interessiert und literarisch talentiert. Beide waren für fortschrittliche Ideen und Strömungen offen, beide standen dem monarchischen Herrschaftssystem kritisch gegenüber. Sie betätigten sich wissenschaftlich, schrieben Artikel für Zeitungen und hatten ein positives Verhältnis zum Journalismus, dessen immense Einflussmöglichkeiten in der entstehenden Massen- und Kommunikationsgesellschaft sie frühzeitig erkannten.

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Dokument erstellt am 2002-11-22 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:27:00


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