• vom 15.10.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:29 Uhr

Österreichs Finanzminister - 24. Teil: Ein distinguierter Beamter

v. Wimmer




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Von Wolfgang Fritz

Ein Sektionschef Ferdinand Wimmer übernahm am 27. Oktober 1917 das Finanzportefeuille unter einem Doppeladler, der eher dem Totenvogel glich als einer nach Osten und Westen ausblickenden Majestät. Kaiserlich königlicher Ministerpräsident war als Nachfolger des im Sommer gestürzten Grafen Clam-Martinic der ehemalige Sektionschef im Ackerbauministerium, Ernst Seidler (1861-1931), geworden, Vater der späteren Burgschauspielerin Alma Seidler.


Von Friedrich Kleinwaechter wird Wimmer beschrieben als "sehr elegante, schlanke Erscheinung, durchaus vornehme Natur, zurückhaltend und schweigsam, der Typus des distinguierten österreichischen hohen Beamten." Über seine Herkunft weiß selbst die sonst so detailreiche "Neue Freie Presse" nichts zu vermelden. Die Personalakten bieten auch nichts Überraschendes:

Wimmer ist am 18. Dezember 1860 in Persenbeug geboren, hat den üblichen Ausbildungsgang mit dem Doktorat der Rechtswissenschaften am 28. April 1888 abgeschlossen, war seit seinem 24. Geburtstag Gerichtspraktikant, fand am 4. April 1889 Beschäftigung in der Finanzprokuratur und wurde gut zwei Jahre später, am 4. Juli 1891, in das k. k. Finanzministerium übernommen, wo er sich bis zum 5. Dezember 1905 zum Ministerialrat hin- aufdiente. Ab 1906 scheint er in den Protokollen der Österreichisch-Ungarischen Bank als Regierungskommissär auf. Am 28. Jänner 1910 wird er Sektionschef, bei den Verhandlungen um die Verlängerung des Bankprivilegs figuriert er schon als einer der Großen des Kreditapparates der Monarchie. Nach deren erfolgreichem Abschluss erhebt ihn Kaiser Franz Joseph in den Ritterstand, anlässlich seiner Ernennung zum Finanzminister im Hungerherbst 1918 erhebt ihn Karl I. in den Freiherrnstand.

Über sein Privatleben haben wir, abgesehen von seiner Neigung zu Sport und Jagd, gar keine Anhaltspunkte, wahrscheinlich hatte er auch - davon abgesehen - keines. Verheiratet war er, wie sein Personalakt lehrt, seit dem 14. August 1886 mit Emma geborener Huber, die ihm drei Kinder, einen Buben und zwei Mädchen, schenkte.

Einzelheiten über seine weitere dienstliche Tätigkeit findet man bei Siegfried Pressburger in seiner Geschichte der Nationalbank: Anlässlich einer Besprechung der beiden Finanzverwaltungen mit dem Notenbankgouverneur Popovics am 19. November 1912 im ungarischen Finanzministerium in Budapest schlug dieser vor, die staatlichen Gelder, welche die Postsparkasse verwaltete, der Notenbank zu überweisen, eine Idee zu der sich Finanzminister Zaleski und sein Sektionschef Wimmer sehr reserviert verhielten. Am 23. April 1914 debattierte der Generalrat der Österreichisch-Ungarischen Bank deren verhältnismäßig geringen Goldbesitz. Wimmer sagte, die Regierung selbst könne kaum Abhilfe schaffen, weil die Volkswirtschaft der Monarchie ungünstiger stehe als die anderer Länder. Eine Besserung der Situation könne man nur durch eine sparsame Finanzverwaltung erreichen. Übrigens habe er sich anlässlich der österreichischen Staatsschatzanleihe dahingehend bemüht, dass die Postsparkasse der Notenbank den Betrag von 40 Millionen Mark in Gold überlasse, was auch tatsächlich geschehen sei.

Auch bei den letzten Ausgleichsverhandlungen, welche im Jahre 1916 in Budapest stattfanden, spielte der Kreditsektionschef die ihm zukommende maßgebliche Rolle. Kleinwaechter, der als Sekretär des Finanzministers dabei war, weiß davon eine eher heitere Episode zu erzählen. "Graf Stürgkh (Ministerpräsident) hatte noch spät am Abend den Freiherrn von Spitzmüller (damaliger Handelsminister) zu einer Besprechung gebeten, in der auch Fragen des Finanzressorts erörtert wurden, nicht aber (den Finanzminister) Herrn von Leth. Als mein Minister am nächsten Morgen davon erfuhr, tobte er. Freiherr von Wimmer war ebenfalls der Besprechung beigezogen worden. Ahnungslos kam er zum Frühstück und wurde mit einem Donnerwetter empfangen. Wimmer war zunächst zu sehr überrascht über die Vorwürfe, die er zu hören bekam. Er war zum Ministerpräsidenten geholt worden, ohne zu wissen, wer an der Besprechung teilnehmen werde. So tat er das einzige, was er seiner Meinung nach tun konnte, er ließ die Vorwürfe achselzuckend über sich ergehen."

Über seine Amtszeit als Minister schreibt Kleinwaechter, der auch unter ihm als Präsidialist diente: "Wimmer hatte ich schon während meiner Zuteilung zur Kreditsektion kennen gelernt, freilich nur ganz oberflächlich. Der gute Eindruck, den ich damals empfangen hatte, bestätigte sich in dem nun fast täglichen Verkehr. Ruhig und rücksichtsvoll seiner Umgebung gegenüber, gehörte er zu den angenehmsten Vorgesetzten. Grundstürzendes konnte natürlich auch er nicht leisten. Schon Freiherr von Spitzmüller hatte im Parlament darauf hingewiesen, daß 'der Krieg den Rahmen unseres Budgets völlig gesprengt habe.' Auch Wimmer konnte nichts anderes machen, als Steuern, soweit es ging, zu erhöhen. Und auch dies nur in der primitiven Form prozentueller Zuschläge zu den bereits bestehenden. So blieb nichts anderes übrig, als weitere Schulden zu machen in der Form der Kriegsanleihen. Dass eine solche Finanzwirtschaft schließlich in Inflation mündet, wussten wir. Aber wenn man nicht auf Gnade oder Ungnade die Waffen strecken wollte, gab ´s keinen anderen Weg."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-10-15 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:29:00


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