• vom 15.10.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:29 Uhr

Österreichs Finanzminister - 24. Teil: Ein distinguierter Beamter

v. Wimmer




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Einen gebildeten Finanzpolitiker nennt ihn die "Neue Freie Presse", erzogen in den Überlieferungen aus der Zeit vor dem Kriege, einen ernsten Berater des Ministers, froh, nicht unmittelbar dem öffentlichen Leben anzugehören und der persönlichen Verantwortung überhoben zu sein. Aus dieser sicheren Deckung, die er nach seinen Anlagen brauchte und wünschte, habe ihn die Ernennung zum Leiter des Finanzministeriums und später zum Finanzminister herausgerissen. Er habe Angst vor seinen eigenen Beschlüssen gehabt, vor seinem Wollen und vor seinem Urteil, das sich unterordnen musste, so dass er befahl, was der Sektionschef dem Vorgesetzten nie geraten - und verteidigte, was er gerne getadelt hätte. Er sei hineingezogen worden in die Notenwirtschaft, und sein bitterster Augenblick sei es gewesen, als ihn Ernst v. Plener im Herrenhaus mit dem Finanzminister des Staatsbankrotts Grafen Wallis verglich. "Ferdinand Wimmer wurde bleich. Die Achtung vor seiner Persönlichkeit war jedoch so groß, dass auch die Gegner seiner Finanzpolitik ihn bedauerten, weil gerade er diese traurigen Erlebnisse haben müsse, den völligen Zusammenbruch der Währung, die Steigerung der Verwaltungsausgaben um viele Milliarden und den Zerfall der Monarchie."

Wimmer blieb bis zwei Wochen vor Ausrufung der Republik im Amt.

Am 21. Oktober 1918 traten im Sitzungssaal des niederösterreichischen Landhauses die Vertreter der Bevölkerung des deutschen Sprachgebietes der Monarchie zusammen und konstituierten sich als provisorische Nationalversammlung des selbständigen deutschösterreichischen Staates. Der erst seit wenigen Wochen im Amt befindliche Ministerpräsident Max Hussarek demissionierte, der Kaiser setzte noch einmal einen Regierungschef ein, und zwar den international anerkannten Völkerrechtslehrer Heinrich Lammasch. Auch diese nicht mehr effektiv gewordene Regierung hatte ihren Finanzminister, nämlich den Ordentlichen Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Technischen Hochschule Wien Joseph Redlich, von dem an anderer Stelle die Rede sein wird. Erst zwei Wochen später, am 11. November, gab Kaiser Karl auf, und tags darauf wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen.

Am 6. März 1919 machte die Republik, sehr zum Missvergnügen seines Rivalen Alexander Spitzmüller, Ferdinand Wimmer zum Vizegouverneur der Österreichisch-Ungarischen Bank. Gouverneur wurde der bisherige Vizepräsident Ignaz Gruber, der noch am Ende desselben Monats verstarb, sodass alle Last beim neu ernannten Vizepräsidenten verblieb.

Im Laufe der ersten Monate des Jahres 1919 nabelten sich alle neu gegründeten Nationalstaaten vom Zentralinstitut ab, wobei sie die Liebenswürdigkeit hatten, dies ohne vorherige Verhandlung und nur mit dürrer Verständigung von den vollendeten Tatsachen zu tun. Besondere Komplikationen entstanden mit Polen, auf dessen Staatsgebiet es ja keine einheitliche Währung gegeben hatte. Stürmisch war die Episode der ungarischen Räterepublik, als es den ungarischen Mitarbeitern der Bank verboten war, mit Wien auch nur Kontakt aufzunehmen.

Am 21. September schildert Wimmer in der "Neuen Freien Presse" seine Not mit dem Friedensvertrag von St. Germain, der die sofortige Auflösung der Österreichisch-Ungarischen Bank nach Unterzeichnung fordert, ohne zu regeln, was nachher und in der Zwischenzeit kommen soll, was wieder die Geschäftsbanken zu einem Run auf die Notenbank veranlasst, um rechtzeitig all die Schatzscheine los zu werden, die sie vom Finanzminister übernommen haben, der gerade den Budgetentwurf mit einem geplanten Defizit von nicht weniger als 66 Prozent vorgelegt hat.

Der grausame Job als Hüter des verlorenen Schatzes brachte Ferdinand Wimmer schließlich, ein halbes Jahr nach seiner Ernennung, den Tod. Am 3. November 1919 ist der mit solchen Sorgen Belastete in Achenkirchen in Tirol, wo er sich über Allerheiligen ein wenig erholen wollte, gestorben. Dort liegt er auch begraben.

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Dokument erstellt am 2002-10-15 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:29:00


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