• vom 01.10.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:29 Uhr

Österreichs Finanzminister - 23. Teil: Alexander von Spitzmüller

Ein Pechvogel auf der höchsten Ebene




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Von Wolfgang Fritz

Kennzeichnend für Spitzmüllers Leben ist die von ihm selber erzählte Anekdote, dass er an einem Vormittag mit dem Außenminister über eine Transaktion mit russischen Kanonen verhandelte und am Abend an einer Beethoven-Aufführung als Sänger mitwirkte. Der Außenminister, im Publikum, äußerte zu seinem Begleiter: "Welch frappante Ähnlichkeit hat doch dieser Sänger mit unserem Spitzmüller."


Am 21. November 1916 starb, 86-jährig, der Kaiser Franz Joseph. Sein Nachfolger, der junge Kaiser Karl, brach bald mit dem Ministerpräsidenten Koerber. Seine erste Wahl für einen Nachfolger war Alexander Spitzmüller: Dieser scheiterte zwar mit seiner Regierungsbildung, nahm aber im Kabinett des schließlich erfolgreichen Grafen Clam Martinitz das Portefeuille des Finanzministers an.

Spitzmüller war am 12. Juni 1862 als Sohn eines bekannten Arztes in Wien geboren worden. Er maturierte mit Auszeichnung am Josefstädter Gymnasium. Nach dem obligatorischen Studium der Rechtswissenschaften und dem üblichen Weg durch Finanzprokuratur und Unterbehörden kam er im Jahr 1886 in das Finanzministerium. Emil Steinbach, den er sehr verehrte, holte ihn ins Präsidium. Als dessen scharfer Gegner Ernst v. Plener Minister wurde, verwies er ihn als Referent-Stellvertreter in die Budgetsektion, unter Bilinski und seinem Stabschef Kniaziolucki war er wieder Präsidialist, der Jungtschechenführer Kaizl schließlich setzte ihn an die Spitze des Präsidiums. Mit Kaizl verband ihn zunächst ein nahezu freundschaftliches Verhältnis. In der immer stärker nationalistisch aufgeheizten Atmosphäre kam es jedoch bald zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden, was Spitzmüller dazu bewegte, das Amt eines Budgetreferenten anzunehmen. Unter Minister Böhm-Bawerk versah Spitzmüller eines der wichtigsten Referate im Hause, in dem Währungspolitik, Bankpolitik und die Angelegenheiten des österreichisch-ungarischen Ausgleiches vereinigt waren.

1904 errang er die im Sektionschefsrang stehende Position eines niederösterreichischen Finanzlandesdirektors. Die beschauliche Ruhe an der Spitze dieser wohlorganisierten Behörde vermochte er allerdings nicht lange zu genießen. 1906 musste er, auf Ersuchen des Ministerpräsidenten Max Beck, zusätzlich das Referat für den österreichisch-ungarischen Ausgleich übernehmen. Und es gelang damals, nach langen Jahren der Notverordnungen, wieder ein parlamentarisch sanktionierter Ausgleich. Spitzmüller wurde der Ehre teilhaftig, den Dank des Kaisers in einer Privataudienz am 4. Juni 1908 persönlich ausgesprochen zu bekommen. Im Dezember 1909 entschloss sich Spitzmüller, nachdem ihm Bilinski als Ressortchef vorgezogen worden war, an die Spitze der Creditanstalt zu treten, eine Entscheidung, die in der Öffentlichkeit größte Sensation machte, erweckte sie doch den Eindruck eines Seitenwechsels um des schnöden Mammons Willen. Der Kaiser war über diesen Schritt so wenig angetan, dass er sich weigerte, ihm die von Bilinski beantragte Erhebung in den Ritterstand zu gewähren.

In der 1855 unter Finanzminister Bruck gegründeten Creditanstalt, die einem wahren Imperium von industriellen Interessen vorstand, hatte nach wie vor das Haus Rothschild den bestimmenden Einfluss. Vergeblich hatte man dort gehofft, durch Insbootholen eines der ihrigen die Finanzbürokratie freundlich zu stimmen. Spitzmüllers ehemalige Kollegen brachten ihm nämlich ein, wie er es selbst nennt, von Eifersucht genährtes Misstrauen entgegen. So konnte es unter ihm als Generaldirektor geschehen, dass Finanzminister Bilinski die Rothschildbank von ihrem führenden Platz im Konsortium der Staatsanleihen zu Gunsten der Postsparkasse verdrängte. Schwer zu schaffen machte ihm auch die Konkurrenz der unter der Leitung eines einstigen Präsidialistenkollegen, nämlich Rudolf Sieghart, stehenden Boden-Creditanstalt.

Die Ermordung des Thronfolgers, zu dem Spitzmüller eine gute Arbeitsbeziehung unterhalten hatte, löste den Weltkrieg aus, der Generaldirektor Spitzmüller sah sich in der Reihe jener, die Kriegsanleihen aufzustellen hatten. Als im November 1915 der Ministerpräsident Graf Stürgkh seine große Regierungsumbildung vornahm, wollte er den Handelsminister Schuster-Bonnot durch Spitzmüller ersetzen. Es bedurfte der ganzen Überredungskunst des Gemeinsamen Finanzministers Koerber, der mit Spitzmüllers schlechtem Gewissen dem Kaiser gegenüber operierte, ihn dazu zu überreden. Es war aber nicht die Handelspolitik, sondern wieder einmal der österreichisch-ungarische Ausgleich, eigentlich ein Geschäft des Finanzministers, für das man ihn brauchte. Bevor der jedoch abgeschlossen war, wurde der Regierungschef Stürgkh von Fritz Adler erschossen. Sein Nachfolger Koerber, von dem sich Spitzmüller die Berufung in das Finanzministerium erhofft hatte, nahm sich lieber seinen allmittäglichen Tischgenossen Marek zum Finanzminister.

Unter Ministerpräsident Clam war es dann wirklich so weit: Am 20. Dezember 1916 kehrte Alexander Spitzmüller als Minister in die Himmelpfortgasse zurück. Er wollte den Teufelskreis der immer weiter aufgehäuften Schulden durchbrechen, was die Einführung einer Reihe neuer Steuern bedingte. Zu diesem Zweck wollte er den jungen Grazer Nationalökonomen Schumpeter, so wie es einst Dunajewski mit Böhm-Bawerk gehalten hatte, ins Haus holen. Der Versuch scheiterte an dessen Forderung, sogleich in den Rang eines Sektionschefs erhoben zu werden.

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Dokument erstellt am 2002-10-01 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:29:00


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