• vom 30.09.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:29 Uhr

Vor 150 Jahren wurde dem Circus Gymnasticus im Wiener Prater "der unmotivierteste Garaus gemacht"

Englische Reiter und Lustigmacher




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Von Gerhard Eberstaller

  • Christoph de Bach, der den ersten, über längere Zeit in Wien bestehenden Circus ins Leben gerufen hat, wird 1802 zum ersten Male urkundlich erwähnt. Der 1768 in Mitau in Kurland als Beamtensohn Geborene, der sich das Adelsprädikat vermutlich selbst verliehen hat, stellte 1806 den Antrag zur Errichtung einer hölzernen Reitschule im Prater, um die Jugend in allen gymnastischen und "altritterlichen" Übungen unterrichten zu können. Dem Antrag wurde 1807 stattgegeben und mit dem Bau des Circus Gymnasticus begonnen.

Die überaus erfolgreiche Eröffnung fand 1808 statt. Das tempelähnliche Gebäude war vom Architekten Joseph Kornhäusel entworfen worden. Es enthielt rund um die Manege 13 Logen und drei Galerien. Die Dachung ruhte auf 28 hölzernen Säulen. Viel bewundert wurde das mächtige Kupferdach, in dessen seitenmäßige Umglasung das Tageslicht einströmte. Der Circus stand auf der sogenannten Zirkuswiese, südlich der Hauptallee schräg gegenüber dem Dritten Kaffeehaus, an dessen Stelle sich heute die Kegelbahnen von Bowling-Brunswick befinden.


Hippologie als Hauptdomäne

Domäne des de Bachschen Circus waren Reiterei und Pferdedressur. Stellt man für die Circusse jener Zeit eine Rangordnung auf, so stehen die in Gebäuden spielenden Unternehmen an erster Stelle, und deren programmatischer Schwerpunkt lag eindeutig im hippologischen Bereich. Die auf sozial niedrigerer Stufe stehenden Wandertruppen griffen überwiegend auf die Künste des Jahrmarktes zurück, auf Jongleure, Feuerschlucker, Seiltänzer, Bärenführer u.a.m.

Die Kunstreiter, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa auftauchten, wurden als Englische Reiter bezeichnet. Eine Gaststätte im Prater trägt das Schild "Zum englischen Reiter" und erinnert somit noch heute daran. England als das Mutterland des Pferdesportes hat in der Neuzeit auch tatsächlich die ersten Kunstreiter gestellt, die etwa ab 1760 in London Reitvorführungen zeigten, und von denen etliche auch den Kontinent bereisten. Die sich allmählich zu Gesellschaften zusammenschließenden Kunstreiter bildeten die Keimzelle für das Heranwachsen der Circusse, und das Entstehen städtischer Ballungen ermöglichte es, diesen Gesellschaften in vielen Fällen sesshaft zu werden und feste Gebäude zu errichten.

Der Circus Gymnasticus zählt zu den am öftesten genannten Vergnügungsstätten des Vormärz, und wird auch in einigen Stücken von Nestroy zitiert. In den Briefen eines Eipeldauers über d'Wienstadt ist aber die Eröffnungsvorstellung u.a. zu lesen: "Oh Je! Herr Vetter! da ist schon um 5 Uhr kein Platz mehr zhabn gwest, und da hat gwiss kein Mensch sein Geld greut, so masterlich habn's ihr Sach gmacht: und mir ist schon der bloße Kontratanz von ihrn Pferden lieber gwest als mancher Ballett". Eine besondere Glanzzeit erlebte der Circus während der Dauer des Wiener Kongresses, der ja geradezu eine Hausse an Vergnügungseinrichtungen nach sich zog. Le congrès danse, mais il ne marche pas - der Kongress tanzt, aber es geht nichts weiter, wurde ja zu einer gängigen Phrase.

Wir wissen nichts Näheres über die Besucherstruktur des Circus, können aber annehmen, dass es ein durchaus vielschichtiges Publikum war. Wahrscheinlich war der Anteil des Adels und des Militärs, bedingt durch die Beziehung zur Reitkunst ein großer. Dass die Vorstellungen in besonderem Ausmaß aber auch vom Bürgertum, und auch von den "unteren Kreisen" besucht worden sind, geht aus verschiedenen Anzeichen und Zeugnissen hervor. So aus der Tatsache, dass der de Bachsche Circus bald zu einer gefürchteten Konkurrenz für die Praterhütten und vor allem auch für das Leopoldstädter Theater wurde. Diese Konkurrenz war so groß, dass der Circus nur nachmittags Vorstellungen geben durfte. Abends, wenn die Theater ihre Pforten öffneten, musste er geschlossen bleiben. Im Übrigen unternahm de Bach mit seiner Truppe auch wiederholt Gastspielreisen, währenddessen andere Unternehmungen in seinem Gebäude gastierten.

War der de Bachsche Circus auch vorwiegend eine Stätte der Hohen Schule, der Kunstreiterei und der Pferdedressur, so kamen doch auch andere Genres in kleinerem Ausmaß zum Zug, wie beispielsweise der Seiltanz, athletische Darbietungen oder die Sprungakrobatik

Attraktion zahme Hirsche

Eine besondere Attraktion war es, als de Bach dressierte Hirsche zeigte und damit eine Tiergattung wählte, mit der vor allem die höheren Gesellschaftsschichten durch die Jagd in Berührung kamen. Auch Lustigmacher traten schon bei de Bach auf, sie hießen meistens Komiker oder Bajazzi. Der Ausdruck Clown für die Lustige Person im Circus wurde im wesentlichen erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich. An sich stammt der Ausdruck aus dem Niederdeutschen, hat sich in England im 16. Jahrhundert eingebürgert und Eingang in das Elisabethanische Theater gefunden. In der ersten Ausgabe des Hamlet heißen die beiden Totengräber erster und zweiter Clown.

Die Lustige Person im Circus trat in ihren geschichtlichen Anfängen vor allem als Darsteller einer Reitparodie in Aktion, im übrigen entstammten die komischen Szenen vielfach dem Fundus der commedia dell'arte.

De Bach begann alsbald auch Circuspantomimen zu spielen. Ein Genre sui generis, das zu einem gravierenden Bestandteil der Circusprogramme des 19. Jahrhunderts wurde, und eine Symbiose von Circus und Theater darstellt. Verstehen wir heute unter Pantomime die Darstellung von Gefühlen und Handlungen nur oder überwiegend durch die Sprache des Körpers, entspricht die Bezeichnung in der circensischen Terminologie dem Manegenschaustück, das nicht wortlos sein musste. Als solche wurden bei de Bach beispielsweise "Der Triumph der Diana" oder "Mars und Venus' Flucht aus der Werkstätte des Vulkan" gegeben, Szenen, die Barockopern entnommen sein könnten. Oder "Der Tod des Marlborough", eines jener romantisch-heroischen Schaustücke, wie sie im Circus mehr und mehr Verbreitung fanden, wobei Pferde und Reitkünstler entsprechend eingesetzt wurden. Die Kenntnis des dargestellten Stoffes mit seinen mythologischen oder historischen Begebenheiten war vermutlich bei einem Teil des Publikums nicht gegeben, und man kann durchaus die Behauptung wagen, dass dieser Teil erst durch die circensische Darbietung damit bekannt gemacht wurde.

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Dokument erstellt am 2002-09-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:29:00

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