• vom 03.09.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:30 Uhr

Österreichs Finanzminister - 21. Teil: August Engel von Mainfelden

Der "Würge-Engel" in Krieg und Frieden




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Von Wolfgang Fritz

Finanzminister am Übergang vom Frieden zum Krieg war August Engel von Mainfelden. Zunächst (ab Oktober 1913) nur als Platzhalter für den schwer erkrankten Wenzel von Zaleski vorgesehen, wurde er nach dessen tragischem frühen Tod am 24. Dezember 1913 vorläufig mit der Leitung des Ministeriums betraut. Der Weltkrieg war schon ausgebrochen, als er, am 21. Oktober 1914, zum Minister bestellt wurde.


Engel war am 1. Juli 1855 als Spross einer aus dem Nassauischen stammenden Familie in Wien geboren worden. Sein Vater war Großhändler, Börsenrat und Direktor der Österreichisch-Ungarischen Bank gewesen.

Engel machte die klassische große Finanzbeamtenkarriere: Jusstudium, 1878 Finanzprokuratur, 1883 Berufung ins Ministerium. Er zeigte schon früh eine besondere Begabung für das Budgetwesen und war bald, wie Alois v. Czedik es beschreibt, "der unfehlbare Vertreter der Finanzverwaltung im Parlament, aber auch der Regierung überhaupt. Alles wendete sich an ihn, er wurde auch für den Minister unentbehrlich, selbst dann, wenn derselbe etwa beim Amtsantritte gegen ihn eingenommen und willens gewesen sein sollte, sich seiner Mithilfe zu entschlagen." Die Härte, mit der er sich gegen die Forderungen an das Budget zur Wehr setzte, brachte ihm den Spitznamen "Würgeengel" ein. Alexander Spitzmüller erzählt einen Fall, in dem ein reichsdeutscher Professor mit hoher Reputation und entsprechenden finanziellen Ansprüchen bestellt werden sollte. Nur ein Machtwort des - tschechischen! - Ministers Kaizl konnte den protestierenden Würgeengel in die Schranken weisen.

1905 wurde er zum Sektionschef ernannt. Seine bedeutendste Leistung war Aufbau und Leitung einer selbständigen Budgetsektion, die alle anderen Zweige der Staatsgebarung im Sinne des bis zum Kriegsbeginn 1914 festgehaltenen Gleichgewichts im Staatshaushalt beeinflusste.

Ab Oktober 1913, als Leiter des Finanzressorts, hatte er alle Hände voll zu tun, die von Zaleski begonnenen Projekte fortzuführen. F. F. G. Kleinwaechter, den er sich in sein Präsidialbüro geholt hat, beschreibt ihn als unermüdliches Arbeitstier von sarkastischem Humor. Erfuhr man am frühen Nachmittag, dass man zu ihm kommen musste, so konnte es ohne weiteres passieren, dass man erst kurz vor Mitternacht tatsächlich zu ihm vorgelassen wurde. Man traf ihn aber zu dieser späten Stunde noch munter, freundlich und zu Scherzen aufgelegt an. Unbegreiflich sei nur gewesen, wovon er sich ernährte, weil ihn kein Mensch jemals eine Mahlzeit zu sich nehmen sah.

Am 28. Juni 1914 fielen die Schüsse von Sarajewo, am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Scharen von Kunden belagerten in diesen letzten Julitagen die Bankschalter, um ihre Ersparnisse abzuziehen, gesetzliche Vorkehrungen für diesen Fall hatte man unterlassen, obwohl der Notenbankgouverneur Alexander Popovics schon ein Jahr vorher auf diese Notwendigkeit hingewiesen hatte.

"Von dem Augenblick an", berichtete Popovics, "da das Ultimatum an Belgrad bekannt wurde, machte sich ein mächtiger Drang nach der Thesaurierung von Geldmitteln aller Art in weiten Kreisen der Bevölkerung geltend." Finanzminister Engel erließ daher schon am 31. Juli die erste Moratoriumsverordnung, die besagte, dass vor dem 1. August 1914 entstandene und bis zum 14. August fällig werdende privatrechtliche Geldforderungen gestundet werden mussten.

Was die Finanzierung des Krieges anbelangt, so hofften der österreichische wie der ungarische Finanzminister, noch mit normalen kreditpolitischen Operationen auszukommen, wie man sie in den Balkankrisen der verflossenen Jahre geübt hatte. Es galt ja damals das Dogma, dass ein moderner Krieg nicht viel länger als drei Monate dauern könne.

Gröberen Maßnahmen stand die, wie sich unsere Leser erinnern werden, in ihrer ursprünglichen Form von Ignaz von Plener ausgehandelte Bankakte entgegen, welche die Österreichisch-Ungarische Bank vor Eingriffen in das Währungsgefüge schützte. Am 4. August 1914 wurde die Regierung durch kaiserliche Verordnung ermächtigt, auch von den Bankstatuten abweichende Bestimmungen in Wirksamkeit zu setzen. Nun konnte man der Notenbank erlauben, dem Staat Kredit zu gewähren und auf die Golddeckung des Währungsumlaufes zu verzichten. Insgesamt hat die Notenbank, wie Hans Kernbauer schreibt, zwei Fünftel der Kriegsausgaben der Monarchie finanziert. Die Möglichkeit, eine Steuer zur Finanzierung des Krieges einzuführen, scheint gar nicht erwogen worden zu sein. Es stand dem auch die Tatsache entgegen, dass man den Reichsrat, der schon seit dem Frühjahr nicht mehr getagt hatte, nicht einberufen, den Krieg also an der gewählten Volksvertretung vorbei führen wollte. Und die Einführung von Steuern mit Hilfe des berüchtigten Paragrafen 14 hat man wohl nicht gewagt. So war man denn nicht in der Lage, den Kriegsgewinn steuerlich zu erfassen und die von der bald beginnenden Lebensmittelknappheit begünstigte landwirtschaftliche Bevölkerung heranzuziehen, was neben den finanziellen Nachteilen auch viel zur Erbitterung der Bevölkerung beitrug.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-09-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:30:00

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