• vom 20.08.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:34 Uhr

Österreichs Finanzminister - 20. Teil: Wenzel von Zaleski

Grandseigneur mit Weitblick




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Von Wolfgang Fritz

Am 3. November 1911 wurde Karl Graf Stürgkh als k. k. österreichischer Ministerpräsident installiert. Der verarmte steirische Aristokrat hatte sich am Anfang seiner politischen Laufbahn eng an Ernst von Plener angeschlossen, war aber nun ins konservative Lager übergewechselt und hatte das Vertrauen des Kaisers gewonnen. Seit 1909 war er schon Unterrichtsminister gewesen. Er war ein belesener Mann mit guten Umgangsformen, der es jedem recht machen und dem alt gewordenen Kaiser keinen Kummer bereiten wollte. Aus dem kurzlebigen Kabinett Gautsch III übernahm er zunächst den Finanzminister Meyer, wechselte ihn aber wenige Wochen später gegen den provisorischen Ackerbauminister Wenzel Grafen Zaleski aus.


Zaleski war der Sohn eines maßgebenden polnischen Politikers, Philipp von Zaleski, der Statthalter, Landsmannminister und Obmann des Polenklubs gewesen war. Er wurde am 28. Juni 1868 in Lemberg geboren, studierte als Zögling des Theresianums an der Universität Wien und trat im Jahre 1890 in den Staatsdienst, zunächst als Konzeptspraktikant in die niederösterreichische Statthalterei. Nach einigen Stationen in minorenner Verwendung wurde er im Jahre 1903 Chef des Präsidialbureaus der galizischen Statthalterei und damit der wichtigste Ratgeber des Statthalters Grafen Andreas Potocki. Im Jahre 1906 stieg er zum Sektionschef im Ackerbauministerium auf. 1910, unter Bienerth, wurde er, gleich seinem Vater, Minister für Galizien. Er hatte diese Stelle in dem schwierigen Augenblick inne, als der Widerstand des Herrenhauses gegen den Bau von Kanälen in Galizien den Polenklub fast zur Budgetverweigerung reizte. Er brachte eine Verständigung zuwege, die in dem Versprechen der Regierung gipfelte, für den Bau der galizischen Kanäle durch eine bald darauf im Reichsrat eingebrachte Vorlage zu sorgen. Das war ein erster Erfolg, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Zaleski hat dann im Kabinett durch einige Zeit den erkrankten Eisenbahnminister Glombinski vertreten, wurde nach dem Tode des Ackerbauministers Albin Braf vorübergehend Leiter des Ackerbauministeriums und im November 1911, als Robert Meyer von seiner Stelle zurücktrat, zum Finanzminister des Kabinetts Stürgkh ernannt.

"Er war", schreibt Kleinwaechter, "das gerade Gegenteil des Dr. Meyer. Aus der politischen Verwaltung hervorgegangen, brachte er keinerlei Fachkenntnisse mit. Aber er war außerordentlich intelligent und wusste das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Das Unwesentliche überließ er dem bürokratischen Apparat. So hatte er das Wesentliche in der Hand. Dazu war er ein Grandseigneur mit weitem Blick. Er arbeitete sich in kürzester Zeit in sein Ressort ein und war ein ausgezeichneter Finanzminister."

Dabei hatte er es nicht leicht, denn die Periode, während welcher er dem Finanzministerium vorstand, war voller Schwierigkeiten und Gefahren. Von seinen Vorgängern hatte er eine Erbschaft an Reformvorhaben übernommen, an deren Durchsetzung er seine ganze Kraft setzte; die Regulierung der Beamtengehälter und die Aufbringung der Kosten für diese Aktion sowie für die Sanierung der schon längst zerrütteten Finanzen der Kronländer mit Hilfe der Steuern des kleinen Finanzplanes. Beinahe die ganze Zeit, während der er dem Finanzressort vorstand, war durch die parlamentarische Beratung der damit zusammenhängenden Steuervorlagen ausgefüllt: Erhöhung der Personaleinkommensteuer, die Branntweinsteuer, die Schaumwein-, Totalisateur- und Automobilsteuer.

Viel Mühe hatte Zaleski auch damit, die schwebenden Schulden, mit welchen Jorkasch-Koch und Bilinski die Annexion von Bosnien-Herzegowina finanziert hatten, in solide Staatsrente umzuwandeln. Es gelang ihm zur Hälfte. Insgesamt hatte die Rentenoperation aber ein für den Staatskredit wenig angenehmes Sinken der Rentenkurse zur Folge.

Zaleski war es auch, der in Österreich mit gutem Erfolg die Klassenlotterie eingeführt hat. Sein Versprechen allerdings, dafür das Kleine Lotto, weil es den finanziell Minderbemittelten das Geld aus der Tasche ziehe, sukzessive abzuschaffen, konnte er nicht mehr einlösen. Zaleski war von zarter Gesundheit, die er auch noch durch übermäßiges Rauchen schädigte. In den Osterferien des Jahres 1912 erkrankte er auf einer Urlaubsreise in Dalmatien, und es zeigte sich, dass sein Herz angegriffen war. Er blieb mehrere Wochen lang zu seiner Erholung im Süden und kehrte erst gegen Pfingsten wieder nach Wien zurück.

Es sollte ihm wenig Schonung zuteil werden. Im Herbst 1912 brach nämlich der Balkankrieg zwischen der Türkei und den neu entstandenen Balkanstaaten aus, der auch an die finanzielle Bereitschaft der Monarchie große Anforderungen stellte. Die Balkanstaaten erhofften sich von diesem Krieg, dass ihnen auch die noch bei der Türkei verbliebenen Gebiete auf der Halbinsel zufallen würden. Eine besondere Rolle in diesem Bündnis spielte Serbien, dem es um die Erringung eines eigenen Zuganges zum Meer im Bereich des heutigen Albanien ging. In Österreich-Ungarn, namentlich im Lager des Thronfolgers und der ihm attachierten Militärs um Conrad von Hötzendorf war man über die Schlagkraft der serbischen Armee entsetzt. Seine Expansionspläne mussten konterkariert werden. In bellizistischen Kreisen dachte man auch an einen Präventivkrieg gegen die Schutzmacht der kleinen südslawischen Staaten, Russland. Zaleski war, wie Alexander Spitzmüller schreibt, zu einem solchen Vorhaben vom Kaiser befragt worden, und hatte finanzielle Bedenken geltend gemacht. Dem Conrad von Hötzendorf soll Zaleski, wie Karl Tschuppik berichtet, sogar gesagt haben: "Österreich kann überhaupt nur zwei Monate Krieg führen. Dann sind wir fertig."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-08-20 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:34:00

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