• vom 02.04.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:41 Uhr

Zur Kassa, zur Kassa! Der Mann speit Feuer und schießt Wasser

(Fast) vergessen: Varieté in Wien




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Von Gerhard Eberstaller

Hereinspaziert" ist bekanntlich der Titel eines Walzers von Carl Michael Ziehrer, dessen lang gezogener Beginn die Suada des Rekommandeurs lautmalerisch umsetzt. Sie kündigt an, was uns beim Eingang der Bude hinter dem geheimnisvollen Vorhang erwartet. Ausrufer waren aus dem Wurstelprater durch viele Jahrzehnte nicht wegzudenken und lockten in meist blumiger, wenn auch grammatikalisch nicht unbedingt richtiger Sprache in jene Welt der Verführungskünste, die - als Gegenwelt zum Vertrauten empfunden - uns durch das Absonderliche, Unglaubliche, Bizarre so seltsam anzieht.


Jakob Feigl, von 1897 bis 1933 Besitzer der Schaubude mit dem Titel "Feigls Weltschau" galt als der weithin beste Rekommandeur des Praters mit dem schmückenden und schmeichelhaften Beinamen "der Barnum von Wien", in Anlehnung an den legendären amerikanischen Impressario, Showman, Circuskönig und Meister des Humbugs. Feigl holte immer neue Attraktionen in seine Schaubude, wie Gedächtniskünstler, die blitzschnell auf Zuruf aus dem Publikum sagen konnten, auf welchen Tag der Woche der jeweilige Geburtstag fiel, Kraftmenschen, die ächzend Gewichte stemmten, Schnellzeichner, die in weniger als einer Minute ein Konterfei anfertigten, Mädchen, die mit dem nackten Bauch lockende Bewegungen vollführten und um deren Hals und Brust sich ein Python ringelte, und manch anderes mehr. Auch "echte Abnormitäten" wurden hier präsentiert, wie z.B. Albinos oder die "Dicke Rosl", mit der Feigl auch Gastspielreisen unternahm. Nach dem Tod Jakob Feigls wurde das Unternehmen von Sohn Adalbert mit einem Kompagnon weitergeführt. Durch die Kriegswirren 1945 zerstört, wurde die Schaubude nicht wieder aufgebaut.

Schaubudenartige Vorstelungen gab es im Prater im übrigen noch bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts im schummrigen Pratervarieté, dem noch der schon etwas verblichene Zauber einer fast versunkenen Jahrmarkts-Ära anhaftete. Hauptakteur war hier durch lange Zeit der Feuerfresser und Kettensprenger Charly de Kiswarth. Mit seinem korpulenten nackten Oberkörper und seiner Glatze, seiner bauschigen Hose und seiner leidvoll aufgesetzten Miene schien er einem Film Federico Fellinis entsprungen zu sein. Eine andere Attraktion des Pratervarietés bildete "Mister 1000Volt", der an ein Netz mit Starkstrom angeschlossen wurde, wie leblos zusammensackte, sich aber nach der Befreiung aus dem Stromkreis - wenngleich sehr erschöpft - wieder erhob.

Das Varietétheater, in der sozialen Rangordnung der Vergnügungsstätten über der Schaubude stehend, hat im Prater schon früh Wurzeln geschlagen. Ausgangspunkt war hier, wie vielfach auch anderswo die Institution der Singspielhallen, in denen die Volkssänger mit ihren meist urwüchsigen Couplets auftraten, wobei die Programme dann allmählich um artistische Produktionen verschiedenster Art erweitert wurden. Das in den Anfängen des 19. Jhs. vor allem in Paris entstandene café chantant, das dann etwa um die Jahrhundertwende von dem schon exklusiveren café concert abgelöst wurde, hat auch auf die Wiener Unterhaltungsszene nachhaltig ausgestrahlt.

Vor allem in seinem Ersten, Zweiten und Dritten Kaffeehaus besaß der Prater Institutionen, die für das Amusement breiter Schichten große Bedeutung erlangt haben. Die Künstler, die hier aufgetreten sind, aufzuzählen, würde ein ganzes Buch füllen. Wahrscheinlich wurden alle drei Kaffeehäuser 1786 gegründet, aber selbst Hans Pemmer, der maßgeblichste Chronist des Praters ist sich mangels archivalischer Bestätigung nicht ganz sicher.

Das von den drei Kaffeehäusern meistbesuchte war das Dritte, das zu einem der beliebtesten Rendezvousplätze der aus Adel, alteingesessenem Bürgertum und aufgestiegenen Neureichen gebildeten Schichte der Gründergeneration gehörte. Das Dritte Kaffeehaus, im übrigen von 1877 bis 1886 von Anton Ronacher geführt, der zwei Jahre später das berühmte Etablissment in der Seilerstätte gründete, wies auch einen prächtigen, im barocken Historismus erbauten Theatersaal auf, wobei man im Parterre an Tischen saß.

Wie in vielen Unterhaltungsstätten der Zeit wurden hier abwechselnd Operetten - zu Ronachers Zeit vor allem von Offenbach und Josef Hellmesberger jun., heute großteils vergessene Possen und Schwänke, die textlich vielfach nur als Bühnenmanuskript existierten, und Varietéprogramme geboten, in denen nebst verschiedensten artistischen und tänzerischen Darbietungen auch Wiener Volkssänger auftraten.

Am Ende des Wurstelpraters Richtung Lusthaus, wo sich heute das Restaurant Luftburg befindet, stand einst ein Varietétheater, das zu den besonderen Wiener Spezialitäten zählte: Das Leicht Varieté. Es spielte nur in der schönen Jahreszeit an Samstagen und Sonntagen und wer ein kleines Zusatzentgelt bezahlte, konnte die gastronomische Hausspezialität genießen, Klobasse mit Saft und Kartoffeln.

Gründungsjahr war 1895, als die Brüder Ferdinand und Wilhelm Leicht das hier bestehende Gasthaus mit seinem Garten in ein Varieté umwandelten. Auf den gelbgrünen Brettern der Umzäunung waren die Namen der Künstler, die hier aufgetreten sind, verewigt - ein Who is Who der Wiener Theatergeschichte. Namen wie Maria Jeritza, Hansi Niese, Paula Wessely, Maria Eis, Alexander Girardi, Raoul Aslan, Werner Krauß, Hans Moser und Szöke Szakall, um nur einige wenige Berühmtheiten zu nennen. Hier trug die große Volkssängerin Hansi Führer ihre reschen Couplets vor, Pepi Steidler, der Mann mit der "schiefen Pappen" seine Klapphornverse.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-04-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:41:00

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