• vom 02.04.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:41 Uhr

Von Kübeck bis Grasser: Österreichs Finanzminister von 1848 bis heute - 10. Teil: Chertek und Kriegs-Au

Von den Liberalen zu den Konservativen




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Von Wolfgang Fritz

Die nächsten drei Folgen unserer Serie widmen sich der Zeit des eisernen Ringes (1879-1893). Die prägende Persönlichkeit dieser Epoche war Eduard Graf Taaffe (1833-1895), Jugendgespiele und treuer Gefolgsmann des Kaisers; ein etwas oberflächlicher, ganz leutseliger Aristokrat ohne große Visionen, der mit einer, wie er es ausdrückte, Politik des Fortwurstelns alle Parteien in gleichmäßiger Unzufriedenheit halten wollte, und für den Ziele dazu da waren, nicht erreicht zu werden.


Er war aber in diesem bescheidenen Rahmen ein durchaus erfolgreicher Politiker. Er führte die Tschechen zurück in das Abgeordnetenhaus und schmiedete ein Bündnis aus Konservativen und Slawen, das unglaubliche vierzehn Jahre lang hielt. Er war es auch, der das Wahlrecht für das Kleinbürgertum, die sogenannten Fünfguldenmänner, durchsetzte. Der nach wie vor politisch rechtlosen Arbeiterschaft verschaffte er nach dem Vorbild des deutschen Reichskanzlers Bismarck bei fortwährender Unterdrückung solche Errungenschaften wie Arbeitszeitbeschränkung und Krankenversicherung.

Es mag als ein Zeichen seines Geschicks betrachtet werden, dass ihm nach zwei nicht zur Wirksamkeit gelangten Übergangsressortleitern mit Julian von Dunajewski und Emil Steinbach bedeutende Finanzminister zur Verfügung standen. Dunajewski brachte das Budget auf Dauer ins Gleichgewicht, Steinbach, der als Sektionschef im Justizministerium für die Sozialgesetze verantwortlich gewesen war, sanierte die Währung. Und es war Steinbach, der - ganz ressortunüblich - durch einen kühnen Versuch, endlich auch die Arbeiterschaft am Wahlrecht zu beteiligen, den Untergang des Regimes Taaffe herbeiführte.

Anfang 1879 brachte der Kaiser seinen altbewährten Vertrauensmann Eduard Grafen Taaffe (1833-1895), der die Ära Adolf Auersperg als Statthalter in Tirol überdauert hatte, wieder ins Spiel. Taaffe verzichtete zunächst auf die Regierungsbildung, trat jedoch in das unter der Leitung Stremayrs vorläufig im Amt belassene Ministerium als Innenminister ein, wo er sich auf die Durchführung der ausständigen Reichsratswahlen konzentrierte. Nach den Reichsratswahlen, bei denen die Liberalen die Mehrheit im Abgeordnetenhaus verloren, trat Taaffe an die Spitze der Regierung.

Mit der Leitung des Finanzministeriums betraute man provisorisch einen Sektionschef, den 45-jährigen Emil Chertek, der seine Laufbahn als politischer Beamter in Kroatien begonnen und sich im Finanzministerium unter Pretis, welcher ja über keine eingehenden Steuerkenntnisse verfügte, einen Namen als einschlägiger Fachmann gemacht hatte. Auch den nicht zum Gesetz fortgediehenen Referentenentwurf für ein Einkommensteuergesetz hat er ausgearbeitet, womit er sich die Anerkennung Ernst von Pleners erwarb. Erst kurz zuvor, am 24. Juni 1879, war er zum Sektionschef ernannt worden, wobei Pretis in seinem Vortrag an den Kaiser die Erfolge Cherteks bei der Novelle für die Regelung der Grundsteuer hervorhob. Anlässlich seiner Bestellung zum Sektionschef verlor er seine Stelle als Stellvertreter des landesfürstlichen Kommissärs bei der Creditanstalt, womit immerhin eine jährliche Remuneration von 600 Gulden verbunden gewesen war.

Chertek hatte das Vertrauen der Liberalen und stellte sich, als Taaffe den Unterrichtsminister Stremayr durch Adolf Kriegs-Au ersetzen wollte, an dessen Seite. Die Sache ging so aus, dass Taaffe einen gewissen Conrad von Eybisfeld zum Unterrichtsminister, Kriegs-Au aber statt Chertek zum Finanzminister machte.

Auch als Sektionschef vermochte sich Chertek nun nicht mehr lange zu halten, Dunajewski versetzte ihn 1880 zur Prager Finanzlandesdirektion, weil er, wie Plener schreibt, dem Ministerpräsidenten bei der galizischen Grundsteuerreform lästig gewesen sei. Nicht einmal vorher gesprochen habe er mit ihm, klagt sein Freund, der Eisenbahndirektor Alois von Czedik.

Ab September 1890 fungierte Chertek als Generaldirektor des Allerhöchsten Privat- und Familienfonds, der das Privatvermögen des Kaisers verwaltete, und seine Ausgaben, auch die heikelsten, bestritt. Bei Brigitte Sokop kann man nachlesen, wie er unter Mithilfe des Grafen Wilczek und des Länderbankdirektors Eduard Palmer der Gräfin Larisch ihre jeweiligen Memoirenversuche abkaufte, damit weiter Gras über die Affäre des Kronprinzen Rudolf wachsen konnte.

Chertek, der erst 1910 77-jährig in den Ruhestand ging, überlebte den Kaiser und seinen Fonds und starb am 7. Oktober 1922 in Prein an der Rax.

Adolf Kriegs-Au, Jahrgang 1819, hatte ebenfalls Jura studiert und ab 1841 in der niederösterreichischen Kameral-Gefällen-Verwaltung erste Erfahrungen mit dem Abgabenwesen gesammelt. Die Revolution von 1848 hatte ihn unter den Aufrührern gesehen; an der Seite Alexander Bachs war er am 15. März in der Stadt umhergeritten und hatte dem Volk die Verfassung verkündet. Ebenso rasch wie bei seinem Mentor und Schwager (er ehelichte eine Schwester Bachs) vollzog sich der Wandel. Er hat sich später als Briefkurier für den nachmaligen Kaiser Franz Joseph betätigt, ganz romantisch, als Bettler verkleidet, und war von der Nationalgarde hops genommen worden. Alexander Bach machte ihn auch zu einem seiner Bach-Husaren, jenen Beamten also, die das neoabsolutistische Regime in Ungarn aufrichteten. Er diente bis 1854 in Siebenbürgen, bis 1856 als Hofrat bei der Statthalterei in Ofen und 1850 in Preßburg.

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2002-04-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:41:00


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