• vom 29.01.2002, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:43 Uhr

Folge 21: Auf rotweißroten Spuren in Ankara

Gastarbeiten in der Türkei




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Von Gerhard Stadler

Auf die Rätselfrage, welches das größte von Österreichern gestaltete Denkmal sei, könnte es drei messbare Antworten geben: Das Maria Theresien-Denkmal in Wien, das Iwo Jima-Denkmal für das US Marine Corps in Washington (hiezu muss ich den fragenden Leser auf eine weitere Folge dieser Serie vertrösten) oder das Emniyet-Denkmal in Ankara. Mit einer Höhe der Hauptfiguren von fast sechs Metern ist das letztgenannte wohl das größte.


Etwa in der Mitte des fünf Kilometer langen Atatürk-Boulevard, am verkehrsreichen Kizilay-Platz, im Herzen der türkischen Hauptstadt, umgeben von modernen Bauten und in einem kleinem Park, erhebt sich dieses "Staatssicherheits- oder Vertrauensdenkmal". Ein Denkmal eines der Staatsmacht in Liebe dankenden Volkes ist selten: Steinquader, von einem Reliefband mit das Volk symbolisierenden, arbeitenden und dienenden Menschentypen umgeben, auf der Rückseite martialische Männer in kaum verhüllter Nacktheit - man glaubt sich an die Bildhauerei des Großdeutschen Reiches erinnern zu müssen. In der Mitte, noch um einen Kopf größer, der Anführer, als Atatürk erkennbar. Auf der Vorderseite stützen zwei Riesen, bekleidet mit Lendenschurz und Maschinenpistole, den Hauptblock. Die Assoziation mit einem Gendarm und einem Polizisten, die den Staat schützen, kommt in den Sinn. Unter ihnen der Leitspruch des Neugründers der Türkei, Kemâl Pasa Atatürk: "Türk, ogün, çalis, güven" - "Türke, sei stolz, arbeite, vertraue".

Gegossen wurden die beiden Figuren in Wien-Simmering. Bei ihrer Enthüllung und Übergabe an die Vertreter der Türkei am 27. Juni 1934 war der österreichische Bundeskanzler Dollfuß in der Erdberger Gießerei, einen Monat vor seiner Ermordung. Auch der Bildhauer hat die Fertigstellung seines monumentalsten Werkes nicht mehr erlebt: Anton Hanak verstarb schon am 7. Jänner 1934, der Guss in den von ihm noch hergestellten Formen wurde von seinem 1907 im oberösterreichischen Aurolzmünster geborenen Schüler Franz Wirth durchgeführt. Vollendet wurde das Denkmal, vor allem die erwähnten Steinfiguren, 1936 von dem schon in Berlin wirkenden Josef Thorak, nach Entwürfen Hanaks.

Der in Brünn 1875 geborene Anton Hanak hatte in Wien Tischler gelernt und sich an der Gewerbeschule in der Schellinggasse weitergebildet. 1906 wird er Mitglied der Sezession und erhält in Wien zunächst Aufträge für Fassadenschmuck (z.B. für das Stafa-Kaufhaus, am Gebäude der Versicherungsanstalt der Eisenbahnen, Linke Wienzeile 48). Für die Familie Primavesi versieht er deren Villen in Olmütz, Winkelsdorf bei Mährisch-Schönberg und in der Wiener Gloriettegasse 14 mit Skulpturen. Nach dem Weltkrieg gestaltet er Kriegerdenkmäler (u.a. am Wiener Zentralfriedhof) und die Bronzebüste Viktor Adlers am Schmerlingplatz. 1932 wird er ordentlicher Professor für Bildhauerei an der Wiener Akademie für Bildende Künste. Und er erhält den lang ersehnten Auftrag für ein monumentales Werk, aus Ankara.

Hanak reist in die Türkei, und Skizzen entstehen: "`Auf diesen Fundamenten ist das neue Türkische Reich aufgebaut` soll der tiefe Inhalt aber auch die nach außen sprechende Form dieses Denkmals sein. Ein steinernes Bauwerk, vor das sich zwei Titanen, die aus dem Vulkan entstiegen - die im ewig feurigen Metall glühen -, gestellt haben. Das Symbol der Jahrtausend alten Türkei und das Symbol der neuen Türkei, die sich mit ungeheuren Kräften auf den unverrückbaren Fundamenten der Türkei aufrichtet. Die beiden Symbole stehen nebeneinander und bilden ein ganzes. Aus den steinernen Grundmauern dieses Denkmales sind Gestalten herausgemeißelt, die die Bewegungen des türkischen Volkes, den Kampf mit den Gefahren des Lebens zum Ausdruck bringen, die dem Volk die staatliche und die Sicherheit und die lebensfreudige Weiterentwicklung entgegenbringen."

Zurückgekehrt nach Wien, stürzt sich Hanak in die Arbeit. Aber der Auftrag sollte ihm kein Glück bringen: Er hat sich bei den Kosten verschätzt und muss sich verschulden, auch sind die Änderungswünsche des türkischen Innenministeriums zahlreich. Mitten in der Arbeit stirbt Hanak, nach einem Herzinfarkt. Sein Wunsch, in Ankara begraben zu werden, bleibt unerfüllt; sein Grab ist am Hietzinger Friedhof. Ob die ihm vom Gestalter des Denkmals ausbezahlten 107.000 Schilling (nach heutigem Geldwert: 260.000 Euro) vertragskonform waren, darüber gab es zwischen dem Architekten und den Erben Hanaks sogar einen Rechtsstreit, der sich bis nach dem 2. Weltkrieg hinzog.

Eine Tafel neben dem Denkmal berichtet nicht nur von der Liebe des Volkes zu seinen Sicherheitstruppen, sondern erwähnt auch den Architekten des gesamten Monumentes: Clemens Holzmeister.

Holzmeister, berühmtester österreichischer Architekt jener Zeit, 1886 in Fulpmes geboren, aber mit brasilianischem Pass - sein Vater war aus dem Stubaital nach Brasilien ausgewandert, aber bald zurückgekehrt - pendelte in diesen Jahren zwischen Wien, Düsseldorf, Salzburg und Ankara. Nach dem Architekturstudium an der TU Wien war, protegiert vom Thronfolger Franz Ferdinand, die Volksschule in Marbach/Donau sein erster kleiner, und, nach dem Weltkrieg, das Krematorium in Wien-Simmering, sein erster großer Bau.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2002-01-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:43:00

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