• vom 25.05.2001, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

Maria Emhart wäre am 27. Mai 100 Jahre alt

"Ja, ich bin eine begeisterte Sozialistin"




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Von Rainer Mayerhofer

Zwischen 16. und 24. März 1936 saß im großen Sozialistenprozess eine damals knapp 35-jährige Frau als eine der beiden Hauptangeklagten, für die der Staatsanwalt die Todesstrafe forderte, im Wiener Landesgericht neben 29 Mitangeklagten auf der Anklagebank: Maria Emhart. Sie sollte auch später noch Schlagzeilen machen: Als erste Frau, die 1945 das Amt eines Vizebürgermeisters in Österreich bekleidete, als Landtagsabgeordnete in Salzburg und als langjährige Nationalratsabgeordnete. Am 27. Mai dieses Jahres wäre Maria Emhart, die am 9. Oktober 1981 im 81. Lebensjahr in Bischofshofen verstorben ist, 100 Jahre alt geworden.


Als ältestes von fünf Kindern einer Landarbeiterin und eines Eisenbahners in einer Barackensiedlung in St. Pölten aufgewachsen, hatte Maria Emhart die Not knapp nach der Jahrhundertwende am eigenen Leib kennengelernt. Mit 14 musste die gute Schülerin bereits in der St. Pöltner Glanzstofffabrik schwere Arbeit leisten. Mit 17 trat sie der sozialdemokratischen Partei bei, die ihr Leben prägen sollte. Mit 20 heiratete sie den Eisenbahner Karl Emhart, mit dem sie bis zu seinem Tod im Jahr 1965 eine glückliche Ehe führte - trotz der Scheidung, zu der er im christlichen Ständestaat 1936 gezwungen wurde, um seine Stelle bei der Bundesbahn nicht zu verlieren.

Ihre politische Tätigkeit begann Maria Emhart als Betriebsrätin. Auf der Arbeiterhochschule in Wien lernte sie die nur wenige Wochen jüngere Rosa Jochmann kennen, die ihr zur lebenslangen engen Freundin wurde. Bei der letzten Gemeinderatswahl in der Ersten Republik am 9. Mai 1932 zog sie in den Gemeinderat von St. Pölten ein. Bei den Februarkämpfen im Februar 1934 spielte sie eine wichtige Rolle. Als sie verhaftet worden war, galt noch das Standrecht und sie musste mitanhören, wie sich Heimwehrmänner freuten, dass "sie das erste Weib sein wird, das wieder gehängt wird", wie sie in ihren unveröffentlichten Erinnerungen erzählte. Nach 17 Wochen Haft wurde Maria Emhart wegen mangelnder Beweise freigesprochen. Als sie von einer jubelnden Menschenmenge vom Gericht nach Hause gebracht wurde, erlegte man ihr wegen einer verbotenen Versammlung eine Geldstrafe von 70 Schilling auf. Ein TBC-Leiden, das während der Haft wieder akut geworden war, erforderte eine dringende Kur. Da eine neuerliche Verhaftung drohte, wurde sie von Freunden während einer Skitour illegal in die Schweiz gebracht, wo sie sich in Davos einige Wochen lang erholen konnte. Für die Kosten kam die Enkelin von Kaiser Franz Joseph, Elisabeth Windisch-Graetz, die "Rote Erzherzogin" auf, die Lebensgefährtin des ehemaligen sozialistischen Landeshauptmann-Stellvertreters von Niederösterreich, Leopold Petznek. 1945, als Petznek aus dem KZ Dachau zurückkehrend in Bischofshofen halt machen musste, konnte sich Maria Emhart für diese Hilfe revanchieren.

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Dokument erstellt am 2001-05-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00


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