• vom 25.05.2001, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

Nach 56 Jahren steht der SS-Mann Anton Malloth vor Gericht

Rechenschaft statt Rache




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Von Thomas Karny

Möglicherweise ist der Prozess, der gegenwärtig in München-Stadelheim geführt wird, der letzte dieser Art überhaupt. Vor Gericht ein 89-jähriger Greis, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, dem man Kopfhörer aufgesetzt hat, weil er halb taub ist und in dessen Speiseröhre ein Tumor wuchert. Eine erbarmenswerte Kreatur, dieser Anton Malloth, dem erst drei Ärzte allseitiges Orientierungsvermögen bescheinigen mussten, bevor ihm Verhandlungsfähigkeit attestiert wurde. Eine erbärmliche Figur, dieser SS-Mann, wenn man mehr als fünfzig Jahre zurück blendet. Wenn ehemalige Gefangene von den Schrecklichkeiten im Gestapo-Gefängnis "Kleine Festung" von Theresienstadt berichten. Wenn sie als Zeugen über die Taten des "schönen Toni", wie sie ihn nannten, aussagen. Ein halbes Jahrhundert, in denen dieser mutmaßliche mehrfache Mörder vom Räderwerk der Justiz mehrmals erfasst und mehrmals ausgespuckt wurde, ehe es - eigentlich schon still gestanden - durch einen Zufall wieder in Gang gebracht worden war.


Verworren wie der Weg zum derzeitigen Prozess ist auch die Biografie des Angeklagten. 1912 in Innsbruck als uneheliches Kind der Weißnäherin Maria Malloth geboren, wurde Anton früh zu Bauersleuten in Schenna bei Meran in Pflege gegeben. Das karge Brot seiner Mutter reichte nicht aus, den Vater hatte er nie kennen gelernt. Er besuchte die achtklassige Volksschule und absolvierte danach eine Fleischer-Lehre. Ab 1933 diente er eineinhalb Jahre in der italienischen Armee, verdingte sich danach vier Jahre als Barmixer, wurde wieder eingezogen. Als Hitler Südtirol an Italien abtrat, nutzte er die Gelegenheit, deutscher Staatsbürger zu werden. Wenig später brach der Krieg aus, Malloth wurde für die Wehrmacht gemustert, zur Grenzpolizei in die Ausbildung geschickt und danach als Aufseher in einem Prager Gefängnis eingesetzt. Als im Juni 1940 in der "Kleinen Festung" ein Gestapo-Gefängnis eingerichtet wurde, kam Malloth nach Theresienstadt.

Unter Kaiser Josef II. war die Festung nach der Niederlage Österreichs im Siebenjährigen Krieg zwischen 1780 und 1784 als Verteidigungsanlage gegen die Preußen errichtet worden. Als Militärobjekt wurde sie nicht lange genutzt, als solches aber erst etwa hundert Jahre später offiziell aufgelassen und in ein Gefängnis umgewandelt. Die polnische Freiheitskämpferin Anna Rosicka saß hier ebenso ein wie der Attentäter von Sarajevo 1914, Gavrilo Princip. Die Nationalsozialisten hatten den gesamten Bau ihrer eigenen Bestimmung zugeführt, die "Große Festung" zum "Ghetto Theresienstadt" und den kleineren Vorbau zum Gestapo-Gefängnis gemacht.

In der "Kleinen Festung" waren während der fünfjährigen Okkupation durch die Deutschen etwa 27.000 Männer und 5.000 Frauen inhaftiert, vor allem Angehörige des tschechischen Widerstands und Juden. Die Sterbebücher weisen 2.500 Tote aus. Gemessen an der in der Regel kurzen Aufenthaltsdauer der Häftlinge, für die die "Kleine Festung" meist nur eine Durchgangsstation ins KZ war, ein hohe Zahl.

Heinrich Jöckel, der Kommandant, galt als brutal und unberechenbar. Nicht nur gegenüber den Inhaftierten, auch gegenüber den Aufsehern. Die ließen in der Regel die erlittenen Demütigungen hemmungslos und gewalttätig an den Gefangenen aus. Doch unter den 17 Aufsehern gab es einen, der nicht vergessen hatte, dass jeder Häftling auch ein Mensch war. Dieser Eine hieß Theodor Hohaus und war für die Verpflegung zuständig. Er steckte bedürftigen Häftlingen zusätzliche Lebensmittel zu, organisierte Medikamente, die er einschmuggelte und Kranken zukommen ließ. Als 1946 in Leitmeritz ihm, dem Kommandanten Jöckel und einigen Aufsehern der Prozess gemacht wurde, boten sich zahlreiche Häftlinge als Entlastungszeugen für Hohaus an. Während seine Mitangeklagten gehängt wurden, konnte es sich Hohaus sogar erlauben, nach dem Krieg in der Tschechoslowakei zu bleiben. Damals, als sich die Ohnmacht der einstigen Besetzten schon längst in Wut und Rachsucht gegen die ehemaligen Besatzer gewandelt hatte und die "Kleine Festung" den nahtlosen Übergang vom Nazi-Gefängnis zu einem berüchtigten Internierungslager für Sudetendeutsche und reichsdeutsche Flüchtlinge genommen hatte.

Einigen Aufsehern war vor dem Einmarsch der Roten Armee die Flucht geglückt, so auch Malloth. Er hielt sich zunächst in Deutschland auf, begab sich aber bald nach Österreich, wo er in Fulpmes in Tirol festgenommen wurde. In Innsbruck saß er in Auslieferungshaft, von einem tschechischen Gericht wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Um den Jahreswechsel 1948/49 übersandte das tschechische Justizministerium dem österreichischen das ausführlich begründete Urteil. Wahrscheinlich war auch ein neues Auslieferungsbegehren gestellt worden. Irgendwo wurde von irgendwem der Aktenlauf verzögert - eine durchaus übliche Praxis, um dem begehrenden Land dann mitzuteilen, dass es eine Frist nicht eingehalten hätte. Malloth kam auf diese Art frei, am 15. Jänner 1949 wurde er aus dem Gefängnis entlassen.

Mesner als Massenmörder

Etwa zur selben Zeit hatte man auch in Graz einen ehemaligen SS-Aufseher aus der "Kleinen Festung" verhaftet. Stefan Rojko hieß er, nach der Pflichtschule hatte er in der weststeirischen Pfarre Deutschlandsberg gearbeitet. Nachdem er im Juli 1934 als Angehöriger der "ostmärkischen Sturmscharen" einen drohenden Überfall der Nazis auf das Pfarrhaus abgewendet hatte, erhielt er gar eine Auszeichnung in Bronze. Als sich 1938 die Zeiten änderten, meldete er sich zur Schutzpolizei, seine ehemals nazi-feindliche Gesinnung blieb unentdeckt. Wie Malloth wurde auch er zunächst als Öffner und Schließer in den Prager Gefängnissen Pankratz und Karlsplatz eingesetzt, im September 1940 schließlich in die "Kleine Festung" abkommandiert. Die Dienstwohnung bezog er gemeinsam mit seiner Gattin, sie wird zwei Jahre später Aufseherin im Frauenhof.

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Dokument erstellt am 2001-05-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00


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