• vom 25.05.2001, 00:00 Uhr

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Update: 01.03.2005, 15:00 Uhr

Eine Erinnerung an die Kommunistin Ruth Fischer

Die Frau, die Stalin verärgerte




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Von Kurt Stimmer

Sie trug fünf verschiedene legale Namen und drei Decknamen, für die sie falsche Papiere besaß. Im Lexikon steht sie unter ihrem Pseudonym Ruth Fischer, das sie für die meisten ihrer Bücher und Zeitschriften benützte. Sie publizierte aber auch unter Ruth Kämpfer, Genossin Müller und E. Dubois.


Sie kam am 11. Dezember 1895 in Leipzig unehelich zur Welt und trug deshalb den Familiennamen ihrer Mutter Ida (amtlich Edith Maria) Fischer, der Tochter eines Metzgermeisters. Sie erhielt den Vornamen Elfriede und wurde Fritzi gerufen. Ihr Vater war der Student Rudolf Eisler, Sohn eines jüdischen Wiener Tuchhändlers, der in Leipzig bei Wilhelm Wundt, dem Begründer der experimentellen Psychologie, Philosophie studierte und bei besagtem Metzgermeister als Untermieter wohnte. Als nach der Geburt des Kindes die Eltern in Wien endlich ihren Widerstand gegen eine Heirat der Kindeseltern aufgaben, wurde aus der kleinen Fritzi Fischer eine Fritzi Eisler: Zwei legale Namen schon im ersten Lebensjahr.

Fritzi bekam in rascher Folge zwei Brüder. Gerhart Eisler, geboren 1897, agierte später als Berufsrevolutionär, ab 1949 als führender Informationspolitiker der DDR, zuletzt von 1962 bis zu seinem Tod 1968 als Leiter des DDR-Rundfunks. Johannes Eisler, geboren 1898, wandte sich der Musik zu, studierte in Wien bei Arnold Schönberg und Anton von Webern, nannte sich Hanns, schrieb Sinfonien, Kammermusik, Film- und Bühnenmusik sowie mehr als 600 Lieder und Kantaten, darunter viele Vertonungen von Brecht-Texten und die Nationalhymne der DDR. Er starb 1962 in der DDR, wo er Professor an der Musikhochschule in Ost-Berlin war.

Die Familie übersiedelte 1899 nach Wien, wo sich Rudolf Eisler mit einem "Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke" als Privatdozent habilitierte. Dieses Buch galt bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten als Standardwerk und erreichte vier Auflagen. Rudolf Eisler veröffentlichte noch mehrere andere philosophische Schriften und wirkte als Pionier der empirischen Sozialforschung. Er starb am 14. Dezember 1926, erst 53 Jahre alt.

Die Kinder wurden von den Eltern schon früh mit sozialen und politischen Fragen konfrontiert. Fritzi schloss sich als Gymnasiastin der bürgerlich-jüdischen Organisation "Freideutsche Jugendbewegung" an, die nationalkommunistische Ideen vertrat. Nach der Matura studierte sie Soziologie und Psychologie. Dabei lernte sie Paul Friedländer kennen, der Soziologie und Kunstgeschichte inskribiert hatte.

1914 tritt sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und schließt sich als leidenschaftliche Kriegsgegnerin dem Kreis um Friedrich Adler an. Bald steht sie noch weiter links, bei der "Freien Vereinigung sozialistischer Studenten", die in einem Kellerlokal im 8. Bezirk, Schlösselgasse 11, illegale Flugblätter gegen den Krieg produziert. Als es 1917 zu den angestrebten Streiks in Großbetrieben Wiens kommt, hat Fritzi andere Sorgen als den politischen Kampf: Sie ist schwanger.

Ihr Freund Paul Friedländer, inzwischen Dr. phil. und Journalist, heiratet sie. Am 25. Dezember 1917 kommt Sohn Gerhard zur Welt. Er sollte es nach einer turbulenten Kindheit und Jugend zum Mathematikprofessor in Cambridge bringen.

Im März 1918 kehrt Elfriede Friedländer in die Politik zurück. Mit ihrem Mann und ihrem Bruder Gerhard bildet sie eine lose linksradikale Vereinigung, die sich für die bolschewistische Revolution in Russland begeistert und unter Gleichgesinnten als "Friedländer-Gruppe" bekannt wird.

Es bestanden verschiedene solcher Gruppen, die alle vom baldigen Ende des Krieges und des Habsburger-Reiches überzeugt waren. Sie diskutierten heftig darüber, ob sie sich innerhalb der Sozialdemokratie für eine Linksentwicklung einsetzen oder eine eigene revolutionäre Partei gründen sollten. Eindeutig für die eigene Partei waren die Friedländer-Gruppe und eine zweite Gruppe um den Schriftsetzer Karl Steinhardt (der später wesentlich zur Gründung der Kommunistischen Internationale beitrug und 1945 als 70-jähriger Vizebürgermeister von Wien war).

Die KPDÖ

Nach Kriegsende galt es, das Projekt zu verwirklichen. Am 3. November 1918 gründete etwa ein Dutzend Vertreter der Gruppen Friedländer und Steinhardt die Kommunistische Partei Deutschösterreichs. Es war die fünfte KP der Welt, nach jenen von Argentinien, Russland, Finnland und Litauen. Rasch wurden Mitgliedsbücher ausgegeben, Elfriede Friedländer erhielt das Mitgliedsbuch Nummer 1.

Am Sonntag, dem 9. Februar 1919, tagte von 8 bis 21 Uhr im Gasthaus Riehs, Wattgasse 34 (heute China-Restaurant Yü Yuan) der 1. Parteitag der KPDÖ. Karl Steinhardt eröffnete, Elfriede Friedländer hielt das Hauptreferat. Sie konnte den 42 Delegierten berichten, dass die Partei bereits mehr als 3.000 Mitglieder hat.

Im Mai 1919 waren es bereits 30.000 Mitglieder, davon zwei Drittel in Wien. Weitere starke Ortsgruppen bestanden in Wiener Neustadt, Traisen, Leoben-Donawitz, Graz, Linz und Steyr.

In der so rasch gewachsenen Partei entbrannten heftige Machtkämpfe und ideologische Debatten. Dabei zeigten die heimgekehrten Kriegsteilnehmer, die Arbeiter aus den Großbetrieben und die Arbeitslosen eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber den jungen bürgerlichen Intellektuellen mit ihrem etwas weltfremden revolutionären Idealismus.

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Dokument erstellt am 2001-05-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:00:00


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