• vom 30.04.2001, 00:00 Uhr

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Update: 08.04.2005, 15:50 Uhr

Wo der Fluss enger wird, von Quebec über Montreal nach Toronto

Kanada - Kultivierte Wildnis




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Kebec - wo der Fluss enger wird - so haben die Algonquin Indianer einst jene Stelle genannt, an der Samuel de Champlain 1608 sein hölzernes Fort als Winterquartier errichtete. Das war die Geburtsstunde des neuen Zentrum der französischen Kolonie am St.-Lorenz-Strom. Champlain nannte die Stadt Quebec.

Heute ist Quebec, oder genauer gesagt Quebec City, Hauptstadt und Herz der Provinz Quebec. Gerät die Stadt nicht - wie jüngst wegen der handgreiflichen Auseinandersetzungen beim Amerika-Gipfel - in die Schlagzeilen, dann verbindet man gewisse Klischees mit Quebec City: betont frankofon, europäisches Flair, malerisch gelegen an der Mündung des Riviére St. Charles in den St.-Lorenz-Strom.


Französisch-kanadische Kultur

Der alte Stadtkern, Vieux Québec, mit seiner Zitadelle, den Straßencafés und seiner alten Stadtmauer ist bereits 1985 von der UNSECO zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie der Alltag in der Provinz Quebec heute funktioniert, der sollte im Musée de la Civilisation vorbeischauen. Es ist in einem auffallend modernen Gebäude gegenüber vom alten Hafen untergebracht und bietet die unterschiedlichsten Perspektiven auf die französisch-kanadische Kultur.

"Mémoires" heißt die Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Bewohner von Quebec beschäftigt. Sechs verschiedene Erinnerungen an die knapp 400 Jahre Besiedelungsgeschichte der heutigen Provinzhauptstadt sollen Lebensumstände und den Alltag der französischsprechenden Kanadier während der verschiedenen Epochen dokumentieren.

Aufarbeitung der eigenen Geschichte

Die Aufarbeitung der Geschichte der französischsprechenden Minderheit in Kanada umfasst auch die Frage der Schulbildung. Da gab es, so Francine Desbiens, lange Zeit eine klare Teilung.

In den französischen Familien, die zumeist Landwirtschaft betrieben, war man sehr stark auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen, was wieder direkte Auswirkungen auf deren Schulbesuch hatte.

Der englischsprachige Bevölkerung hingegen gehörten Fabriken und Industrien und sie hatte daher auch problemlosen Zugang zu Schulen und Universitäten. Dieses Missverhältnis in der Bildung hat sich mittlerweile aufgehoben, so Francine Desbiens.

Französisch in allen Facetten

Der französischen Sprache in all ihren Ausprägungen hat das Musée de la Civilisation eine eigene Abteilung gewidmet. Nicht als politisches Statement will man diese Ausstellung von Tönen und Klängen verstanden wissen - vielmehr als eine vitale Auseinandersetzung mit der französischen Sprache in all ihren Facetten.

Weiter geht die Reise entlang des St.-Lorenz-Stroms Richtung Montreal. Von der Seenlandschaft im Süden Kanadas bis zur Mündung des St.-Lorenz-Stromes erstreckt sich ein 4.000 km langer Korridor, der heute zu den am dichtesten besiedelten Gebieten des Landes zählt. Etwa 60 Prozent der Kanadier haben sich entlang des gewaltigen Flusses angesiedelt.

Montreal - eine einzigartige Mischung

Heute versteht sich die Stadt als industrielles und kommerzielles Zentrum der Provinz Québec. Montreal ist die zweitgrößte französischsprachige Metropole der Welt, wiewohl etwa 45 Prozent der Bevölkerung englisch spricht.

Montreal ist eine einzigartige architektonische Mischung - eine Großstadt, die mit viel Leichtigkeit, Charme und Eleganz die unterschiedlichsten Viertel und Bezirke innerhalb eines ihrer Grenzen entstehen ließ. Wenn von der Multikulturalität Montreals die Rede ist, so ist das mehr als nur ein Schlagwort. Den beste Beweis dafür liefern die diversen Radio- und Fernsehprogramme.

Sie senden für die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen - in Armenisch genauso gut wie in Chinesisch oder Urdu, in Montreal kann man Unterhaltungen in über 100 verschiedenen Sprachen führen. In den 50er Jahren hatte das alte Zentrum der Stadt ein durchaus gängiges Schicksal ereilt - seine Bewohner übersiedelten in die Vorstädte und in ländlichere Bereiche und die Altstadt blieb verwaist zurück.

Nur etwa 300 Leute blieben zurück. Mittlerweile hat die ebenso bekannte Gegenbewegung bereits wieder eingesetzt.

Ausflug ins historische Zentrum

Jung, urban professionals haben Vieux Montreal als neue Wohngegend entdeckt und bevölkern heute die Restaurants und Cafes der Altstadt. Auch die amerikanische und selbst die europäische Filmindustrie wählt diesen Teil von Montreal immer häufiger als Kulisse für diverse Filme.

Mit dem 7-stöckigen roten Backsteingebäude, einst das erste Hochhaus von Montreal, mit der Basilika Notre Dame und dem im neogotischen Stil errichteten, ehemaligen Justizpalast verfügt die Altstadt über die unterschiedlichsten Szenerien. Auch das alte Rathaus ist in dieser Gegend zu finden, auf dessen Balkon Charles de Gaulle einst den berühmten Satz vom freien Quebec formulierte.

Toronto - multikulturelles Pflaster

Toronto begreift sich ebenfalls als multikulturelles Pflaster und bietet u. a. die größte Chinatown von Kanada. In diesem sehr anregenden Ambiente hat sich Glenn Gould Inspiration für seine Arbeit geholt. Als er sich in den 60er Jahren aus der Öffentlichkeit zurückzog, um fortan nur mehr im Tonstudio zu arbeiten, erregte er weltweites Aufsehen. Bis zu seinem Tod 1982 widmete sich Kanadas bekanntester Pianist ausschließlich den schöpferischen Möglichkeiten, die neue Aufnahmetechnologien zu bieten hatten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2001-04-30 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 15:50:00

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