• vom 05.01.2011, 15:10 Uhr

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Update: 05.01.2011, 15:35 Uhr

Bruno Kreisky: Seine Welt war größer als sein Land




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Von Rainer Mayerhofer

  • Als am Morgen eines heißen Julisonntags vor zehn Jahren die Blitzmeldung über den Tod Bruno Kreiskys über die Fernschreiber ratterte, waren Freunde und politische Gegner betroffen. 26 Jahre lang hatte er der österreichischen Regierung angehört, davon 13 Jahre lang als Bundeskanzler, Jahre, in denen Österreich weltoffener und moderner wurde, in denen er gern gesehener Gast in allen Staatskanzleien der Welt und immer wieder als Brückenbauer und Vermittler gefragt war.

Bruno Kreisky während einer Ehrendoktorat-Verleihung der Universität Wien am 14.03.1988.

Bruno Kreisky während einer Ehrendoktorat-Verleihung der Universität Wien am 14.03.1988.© APA/Robert Jaeger Bruno Kreisky während einer Ehrendoktorat-Verleihung der Universität Wien am 14.03.1988.© APA/Robert Jaeger

Als "Sonnenkönig" und "der Alte" wurde er immer wieder liebevoll und zugleich ein wenig respektlos von den Medien tituliert. Nichts aber wird seiner Person so gerecht, wie die Worte, die sein politischer Langzeit-Lebensgefährte Willy Brandt bei der Beisetzung auf dem Wiener Zentralfriedhof am 7. August 1990 sprach: "Seine Welt war größer als sein Land. Er hat sich um die Gemeinschaft und das Wohlergehen der Völker verdient gemacht. Ruhe in Frieden, lieber, schwieriger und guter Freund!"

Der Lebensweg als Sozialist, der zu einem der "Väter der europäischen Sozialdemokratie" werden sollte - so die spanische Zeitung "El Pais" in ihrem Nachruf - war dem am 22. Jänner 1911 in eine großbürgerliche jüdische Wiener Familie geborenen Bruno Kreisky nicht in die Wiege gelegt. Eines seiner ersten prägenden politischen Erlebnisse war seine Teilnahme an einer Mittelschülerdemonstration vor dem Gebäude des Wiener Stadtschulrates nach einem Schülerselbstmord im Jahr 1925 - ein Ereignis, das in Friedrich Torbergs "Der Schüler Gerber" literarisch verewigt wurde. 1926 erfolgte der Beitritt zum Verband der Sozialistischen Mittelschüler, die ihm aber zu theoretisch waren und schließlich 1927 zum Verband der sozialistischen Arbeiterjugend auf der Wieden, wo er zu Beginn auf Widerstände stieß, jedoch bald zum Obmann wurde. 1930, ein Jahr nach seiner Matura, wurde er Obmann niederösterreichischer Gebietsorganisationen der Arbeiterjugend in Purkersdorf, Klosterneuburg und Tulln. Im Herbst dieses Jahres begann er auf Rat Otto Bauers an der mit dem Jusstudium, obwohl er ursprünglich Medizin studieren hätte wollen.


1933 erstmals in Haft

1933 wurde Bruno Kreisky Obmann des Reichsbildungsausschusses, wird zum erstenmal wegen seiner politischen Tätigkeit festgenommen. 1934 während des Februar-Aufstandes hektografierte er gemeinsam mit Franz Olah den zuvor kräftig zusammengestrichenen Aufruf des Parteivorstandes gegen die Dollfuß-Diktatur und am 18. Februar gründete er gemeinsam mit Roman Felleis im Wienerwald die illegale "Revolutionäre Sozialistische Jugend". Nach der Teilnahme an der ersten Reichskonferenz der Revolutionären Sozialisten in Brünn zur Jahreswende 1934/35 wurde er am 30 Jänner 1935 verhaftet und im großen Sozialistenprozess im Jänner 1936, wo er eine vielbeachtete Verteidigungsrede hielt, wegen Hochverrat zu einem Jahr Kerker verurteilt. In seinen Erinnerungen vermerkte Kreisky ironisch, dass er 1970 damit zum ersten Bundeskanzler der Republik wurde, der wegen Hochverrats im Gefängnis gesessen ist. Nach der Enthaftung im Mai 1936 war ihm der weitere Hochschulbesuch verboten, ins Ausland und in Wien arbeiten durfte er auch nicht. So kam er in einer Lodenfabrik in Hermagor unter. "Ich bin also, wenn man so will ein angelernter Hilfsarbeiter der Textilindustrie" vermerkte Kreisky dazu im ersten Band seiner Memoiren.

Studienabschluss im März 1938

1938 erhielt er endlich die Bewilligung zum Studienabschluss und es  ist fast eine Ironie der Geschichte, dass er seine letzte Prüfung ausgerechnet am 14. März 1938 machte, als die Nazis in Wien den Anschluss feierten. Einen Tag später war er bereits in "Schutzhaft", diesmal nicht mit Kommunisten und kleinen Nazis wie 1935/36, sondern mit so bekannten Zellengefährten wie dem christlichsozialen Bundesminister a.D. Dr. Draxler und dem Kabarettisten Fritz Grünbaum. Das Landesgericht Wien II, das Notgefängnis Karajangasse und das Gefangenenhaus Wien I waren bis zum August seine Aufenthaltsorte. Ende September trat er sein Exil in Schweden an, wo ihn später auch seine Eltern erreichten. Viele Mitglieder der Familien Kreisky und Felix hatten nicht soviel Glück. Mehr als 20 Verwandte Kreiskys gingen in den Nazi-KZ zugrunde.

Schweden wurde Kreiskys zweite Heimat. Kreisky arbeitete dort als Sekretär in der Stockholmer Konsumgenossenschaft und als Korrespondent verschiedener Zeitungen. 1940 traf er dort Willy Brandt, der zu einem seiner engsten Weggefährten werden sollte, 1942 heiratete er Vera Fürth, 1944 wurde dort sein Sohn Peter und 1948 die Tochter Susanne geboren. Sofort nach Kriegsende stellte er Verbindungen zwischen dem schwedischen Hilfswerk und Österreich her, 1946 kehrte er erstmals nach Österreich zurück, nachdem ihm ein Jahr zuvor die US-Besatzungsmacht die Einreise verweigert hatte. Im Juli 1946 wurde Bruno Kreisky zum österreichischen Interessensvertreter in Schweden bestellt, Ende 1949 kehrte er endgültig nach Österreich zurück. 1951 wurde er Kabinettsvizedirektor bei Bundespräsident Theodor Körner, im April 1953 Staatssekretär im Außenamt. In dieser Funktion nahm er auch an den Staatsvertragsverhandlungen teil, die 1955 erfolgreich abgeschlossen werden konnten.

Am 13. Mai 1956 wurde Bruno Kreisky in seiner politischen Wahlheimat Niederösterreich erstmals in den Nationalrat gewählt, im November des Jahres wurde er in einer Kampfabstimmung auch Mitglied des Parteivorstandes, obwohl er gar nicht auf der Kandidatenliste stand. Nach den Wahlen im Frühjahr 1959, bei denen die SPÖ zwar stimmenstärkste Partei geworden war, die SPÖ durch das Wahlrecht jedoch ein Mandat weniger erhielt als die ÖVP, bot die ÖVP in den Parteienverhandlungen Kreisky zunächst das Finanzministerium an, machte dann aber wieder einen Rückzieher. Schließlich wurde Kreisky am 16. Juli 1959 als Außenminister unter Bundeskanzler Raab angelobt, eine Funktion, die er bis zum Bruch der Großen Koalition im Frühjahr 1966 innehaben sollte, obwohl die ÖVP nach den Wahlen vom 27. März 1963 sein Ausscheiden aus der Regierung wünschte. Diese Erfahrungen waren es wohl auch, die zu Kreiskys Bruch mit der eigenen Partei und zum Rücktritt vom Ehrenvorsitz im Jänner 1987 führten, als die SPÖ unter Franz Vranitzky Alois Mock in der neuen großen Koalition das Außenministerium überließ.

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Dokument erstellt am 2011-01-05 15:10:31
Letzte Änderung am 2011-01-05 15:35:00

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