• vom 13.08.2010, 14:22 Uhr

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Update: 13.08.2010, 14:26 Uhr

Österreich

Bilder der Heimat




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Von Anton Holzer

  • Landschaft, Berge, Brauchtum waren die Ingredienzien eines Österreichtums, wie es in der Fotografie der 1930er Jahre ausgebildet wurde. Sie haben sich als langlebig erwiesen. Wir alle haben diese Bilder noch immer im Kopf.

Das Schuljahr 1934 geht seinem Ende zu. Bevor die Schüler Niederösterreichs in die Ferien entlassen werden, dürfen sie noch an einem großangelegten patriotischen Aufsatzwettbewerb teilnehmen. Weder Zeitpunkt noch Thema sind zufällig gewählt.


Wenige Monate zuvor, im März 1934, hat das autoritär regierende christlichsoziale Regime nach einem blutigen Bürgerkrieg seine letzen Bastionen erobert. Sozialdemokratie, Gewerkschaftsbewegung, freie Presse und jede andere Form von Opposition sind nun in ganz Österreich ausgeschaltet. Die Umgestaltung in Richtung diktatorischer Ständestaat ist in vollem Gange. Das Thema des Wettbewerbs, vorgegeben durch die Niederösterreichische Landesregierung, lautet: "Heimaterde wunderhold".

Es handelt sich dabei um die zweite Zeile der neuen österreichischen Bundeshymne, die Ende der 1920er Jahre eingeführt worden war. Sie stammt aus der Feder des deutschnationalen Dichters Ottokar Kernstock. Die politische Propaganda in den Schulen zeigt ihre Wirkung. 100.000 Schüler, so berichtet die Presse euphorisch, haben im Frühjahr 1934 am Wettbewerb teilgenommen und einen Heimataufsatz eingereicht. 56 Mädchen und Buben werden Ende Juni in Wien in einer patriotischen Feierstunde vom Bundespräsidenten Wilhelm Miklas ausgezeichnet.

"Don Giovanni kauft sich eine Lederhose": Der Sänger Enzo Pinza 1935 bei den Salzburger Festspielen. Foto: Leo Ernst/Adalbert Hilscher.

"Don Giovanni kauft sich eine Lederhose": Der Sänger Enzo Pinza 1935 bei den Salzburger Festspielen. Foto: Leo Ernst/Adalbert Hilscher. "Don Giovanni kauft sich eine Lederhose": Der Sänger Enzo Pinza 1935 bei den Salzburger Festspielen. Foto: Leo Ernst/Adalbert Hilscher.

"Heimat", dieser Kampfbegriff des neuen Regimes, taucht in den 1930er Jahren in weit verzweigten Bedeutungsvarianten und Verwendungsweisen auf. Mit diesem Begriff sind die Ideale des politischen Gefüges im konservativen Ständestaat ebenso umschrieben wie die Bezugsgrößen regionaler und lokaler Gemeinschaften. Als heimatlich gilt all das, was zu den emotionalen Kernzonen des neuen, konservativen Staatsbildes gehört: die heimatliche Landschaft, die vom Großglockner bis zur Wachau reicht, nicht aber bis zur politisch anrüchigen, bisher von den Sozialdemokraten beherrschten Metropole Wien.

Land versus Stadt

Heimatlich ist also zuallererst das Land, es steht im Gegensatz zur Stadt, die in dieser Diktion selten als "Heimat" apostrophiert wird. Zur Heimat werden auch Brauchtum und Tracht geschlagen, die Geschichte und ihre Traditionen, inklusive jener der Habsburger, die in den 1930er Jahren ein sorgsam inszeniertes Revival feiern. Zur Heimat gehört weiters die Religion, vor allem in Gestalt des politischen Katholizismus, und natürlich die österreichische Kultur, die oft unter die Vorzeichen des Barocken gestellt wird. "Heimat" ist also weit mehr als ein kurzfristig ausgegebenes politisches Motto. Vielmehr handelt es sich um ein symbolisch dicht besetztes ideologisches Konzept, um eine kollektive Gesinnung, eine Haltung, eine politische Kultur, die den einzelnen mit der staatlichen "Gemeinschaft" verbindet.

Die Fotografie spielt in dieser Neuausrichtung des Österreichbildes eine wichtige Rolle. Sie trägt wesentlich zur Ausformulierung der Heimatideologie bei. Als im August 1935 die Großglockner Hochalpenstraße feierlich eröffnet wird, wird dieses größte patriotische Bauprojekt des Ständestaates in Bildern, Filmen und Texten als machtvoller "heimatlicher" Gegenentwurf zu einem angeblich städtisch-verkommenen, Wien-lastigen Österreich gefeiert. Zahlreiche Fotografen lichten die Errungenschaften der Technik im hochalpinen Raum und die Eröffnungsfeierlichkeiten ab.

Landschaft, Berge und Tracht bestimmten das Österreich-Bild im Jahr 1934, wie auf dieser Titelseite der Zeitschrift "Moderne Welt", Ausgabe August 1934, deutlich zu sehen ist. Abbildung: Archiv Holzer

Landschaft, Berge und Tracht bestimmten das Österreich-Bild im Jahr 1934, wie auf dieser Titelseite der Zeitschrift "Moderne Welt", Ausgabe August 1934, deutlich zu sehen ist. Abbildung: Archiv Holzer Landschaft, Berge und Tracht bestimmten das Österreich-Bild im Jahr 1934, wie auf dieser Titelseite der Zeitschrift "Moderne Welt", Ausgabe August 1934, deutlich zu sehen ist. Abbildung: Archiv Holzer

In ähnlicher Weise wird Salzburg in den 1930er Jahren als ländlich-heiler Fluchtpunkt inszeniert und avanciert zur heimlichen Hauptstadt des Landes. Einmal im Jahr, während der Salzburger Festspiele, wird die Stadt als "urösterreichisches" Gesamtkunstwerk gefeiert. Aus patriotischer Sicht vereint die Stadt all das, was im Austrofaschismus das Ideal einer österreichischen Stadt ausmacht: sie ist klein und überschaubar, eng verbunden mit der ländlichen Umgebung, touristisch und nicht industriell ausgerichtet, ein Zentrum der bürgerlichen Hochkultur, tief geprägt von der Tradition des Barock und vom politischen Katholizismus, sie ist fest in christlichsozialer Hand - und der Anteil der jüdischen Bevölkerung hält sich hier in engen Grenzen.

Nationaltracht Lederhose

Die Protagonisten des kulturellen Lebens, die in Salzburg auftreten, nehmen bereitwillig am patriotischen Festspielprogramm teil, das in den 1930er Jahren von Jahr zu Jahr staatstragender wird. Die Tracht wird auf der Gesellschaftsbühne der Festspiele zum Signet für die neue Zeit. Als der italienische Sänger Enzo Pinza, der bei den Festspielen 1934 den Don Giovanni gibt, Tage vor der Aufführung in der Salzburger Altstadt eine Lederhose kauft, ist das der führenden österreichischen Illustrierten, dem "Interessanten Blatt" eine Titelgeschichte mit Bild wert ( siehe Abbildung Seite 2 ): "Wer sich heute in der Festspielstadt aufhält", heißt es zum Bild, "gleichgültig ob als Gast oder als ausübender Künstler, fühlt sich einem ungeschriebenen Gesetz zufolge verpflichtet, nach einigen Tagen die Salzburger Nationaltracht anzulegen. Enzo Pinza, der Don Giovanni, kauft unter Beihilfe von Lotte Lehmann eine Lederhose, Joppe und Hut besitzt er bereits."

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Dokument erstellt am 2010-08-13 14:22:02
Letzte Änderung am 2010-08-13 14:26:00


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