• vom 26.02.2010, 14:06 Uhr

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Update: 26.02.2010, 14:09 Uhr

Österreich

Lebte Hitler je im Obdachlosenasyl?




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Von Anna Maria Sigmund

  • Im Gegensatz zur Behauptung in vielen Biografien über den Diktator deutet wenig darauf hin, dass er 1909 in einer Wiener Notschlafstelle nächtigte.

George Taboris Stück "Mein Kampf" - hier in einer Aufführung des Theaters in der Josefstadt 2008, mit Karl Markovics (l.) als "Schlomo Herzl" und Florian Teichtmeister als "Hitler" - spielt in einem Wiener Männerwohnheim. In einem solchen war Hitler tatsächlich - ob allerdings zuvor auch in einem Obdachlosenasyl, ist mehr als fraglich. Foto: Apa/Techt

George Taboris Stück "Mein Kampf" - hier in einer Aufführung des Theaters in der Josefstadt 2008, mit Karl Markovics (l.) als "Schlomo Herzl" und Florian Teichtmeister als "Hitler" - spielt in einem Wiener Männerwohnheim. In einem solchen war Hitler tatsächlich - ob allerdings zuvor auch in einem Obdachlosenasyl, ist mehr als fraglich. Foto: Apa/Techt

Der 20-jährige Hitler als Insasse eines Wiener Obdachlosenasyls im Jahr 1909 ist fester Bestandteil der Biografik über den NS-Diktator. "Im Sommer konnte er im Freien schlafen . . . zu Beginn des Herbstes bekam er ein Bett im Asyl", heißt es bei Allan Bullock, während Hitlers erster Biograf, Konrad Heiden, schreibt: "Männerasyl. Auf harter Drahtpritsche, als Kopfkissen die eigenen Kleider . . . täglich isst er Armensuppe, gelegentlich bettelt er Vorübergehende an."

Flucht vor Stellung?


Als Motiv für die Zuflucht des späteren "Führers" in eine Stätte von gescheiterten und gestrandeten Existenzen werden zwei Gründe genannt: der Versuch, der Stellungspflicht bei der k.u.k. Armee zu entgehen, und die extreme Armut und Verelendung des aus der Bahn geworfenen jungen Linzers.

Das erste Argument erschien - wie vielen Historikern - auch Hitlers Großneffen Ernst Schmidt plausibel. "Sehr wahrscheinlich ging er Ende 1909, nachdem er bis dahin ständig seine Zimmer gewechselt hatte, in das Obdachlosenasyl (in Wien-Meidling), weil er offensichtlich hoffte, dort von den österreichischen Behörden nicht gefunden zu werden", meinte Schmidt in einem Interview.

Nun, gemäß dem alten Wehrgesetz hätte der am 20. April 1889 geborene Hitler mit Vollendung des 20. Lebensjahres tatsächlich einrücken müssen. Nach den Statuten der Anfang des Jahres 1909 erlassenen Heeresgesetznovelle war er aber erst 1910 - nach Vollendung des 21. Lebensjahres - stellungspflichtig. Folglich hätte sein Untertauchen 1909 keinen Sinn ergeben. 1910 jedoch wohnte Hitler bereits im Männerheim in der Meldemannstraße und war also für die Behörden greifbar.

Demnach bleibt als Erklärung nur äußerste, bittere Armut und Verzweiflung, die den 20-Jährigen dazu trieben, rund drei Monate lang, nämlich vom 16. September 1909 bis Dezember 1909, im Meidlinger Obdachlosenasyl zu nächtigen. Damit stellt sich die Frage nach Hitlers finanzieller Situation: Wie bedürftig ist er damals gewesen?

Hitlers Vater war als Leiter der Zollabteilung der Finanzdirektion Linz ein höherer Beamter mit gesicherten Einkünften. Nach seinem Tod erhielt Hitlers Mutter Klara zur Bestreitung der Begräbniskosten das sogenannte "Sterbequartal", drei Monatsgehälter des Verstorbenen, nämlich 605 Kronen. Anschließend erhielt sie als Witwe eine jährliche Witwenpension von 1200 Kronen (100 Kronen im Monat). Für ihre drei unversorgten Kinder, Angela (aus der zweiten Ehe ihres Mannes), Adolf und Paula bezog sie Erziehungsbeiträge von 720 Kronen jährlich (pro Kind 240 Kronen jährlich, 20 Kronen monatlich).

Sparsame Mutter

Außerdem muss Barvermögen vorhanden gewesen sein, denn sie verkaufte jenes kleine Rittergut, das ihr Mann in Oberösterreich besessen hatte. Klara Hitler, die als sparsame, umsichtige Frau galt, verfügte daher jahrelang, abgesehen vom übrigen Besitz, über ein monatliches Einkommen von 120 Kronen zur Bestreitung ihres Haushalts. Für die damalige Zeit galt sie als eine beneidenswert gut situierte Beamtenswitwe.

Adolf Hitler lebte - wie der Linzer Historiker Gerhart Marckhgott feststellte - "in einer zwar vom Schicksal geprüften, aber keineswegs armen Familie, in der ihm nach dem Tod des Vaters jede Verantwortung von sorgenden Frauen abgenommen wurde. Er war, als er endgültig nach Wien ging, beileibe keine arme Waise." Der angehende Kunststudent Hitler lebte also wohlbestallt und - wie aus seiner Korrespondenz hervorgeht - mit gelegentlichen Essenspaketen versorgt in der k.u.k. Metropole. Neben der mütterlichen Fürsorge konnte er auch auf Unterstützung durch eine unverheiratete Schwester seiner Mutter zählen. Er war ihr Lieblingsneffe, den sie - wie ein zufällig erhaltenes Haushaltsbüchlein zeigt - mit großen und kleinen Beträgen laufend verwöhnte. 1908 erhielt er von ihr 924 Kronen; die "Hani-Tante" war eine regelmäßige Spendenquelle. Dazu hielt das Vormundschaftsgericht fest: "Adolf Hitler erhielt behufs seiner Ausbildung als Kunstmaler größere Beträge durch Tante Johanna Pölzl ausgefolgt."

Jedem Luxus abhold

Nach dem Tod der Mutter bezog der 19-jährige Hitler, abgesehen vom mütterlichen Erbe, eine Waisenrente von 25 Kronen monatlich, also 300 Kronen im Jahr. Er verfügte daher für den Zeitraum 1908/09 über das dokumentierte Mindest-Einkommen von 1584 Kronen - 600 Kronen Waisenrente, 924 Kronen von der Tante, daneben weitere im Haushaltsbüchlein verzeichnete Geldgeschenke in der Höhe von etwa 60 Kronen.

Dies war aber eine Summe, mit der ein Durchschnittsverdiener samt Familie zwei Jahre lang auskam. Der jedem Luxus abholde Hitler kann sie nicht in wenigen Monaten verprasst haben.

Außerdem stellte er an seine Wohnverhältnisse nur geringe Ansprüche. Er wohnte, wie viele Studenten, sehr billig als "Unterpartei". Ein Zimmer kostete je nach Komfort zwischen 10 und 40 Kronen im Monat, oft teilten sich zwei Jugendliche ein Zimmer. Im Wien konnte man zu dieser Zeit preiswert essen. Viele Restaurants boten um 40 Heller einen "vorzüglichen Mittagstisch" an, Garküchen kosteten nur einen Bruchteil davon. Hitler gab - eigenen, freilich mit kritischer Vorsicht zu begegnenden Angaben nach - in Wien bald das Rauchen auf, aß bescheiden, trank kaum, ging allerdings oft in die Hofoper.

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Dokument erstellt am 2010-02-26 14:06:13
Letzte Änderung am 2010-02-26 14:09:00


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