• vom 25.02.2010, 16:51 Uhr

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Update: 25.02.2010, 17:07 Uhr

Die Stadt als "Schule des Sehens" braucht Reklame, aber muss sie auch der Architektur zuliebe bremsen

Falsche Leuchtzeichen von der Brücke




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Von Hans Haider

  • "Ich seh, ich seh, was Du auch siehst - Unsere Werbetafeln sind immer im Zentrum des Geschehens". Mit dieser scheinbaren Erfolgsgarantie wirbt die Bundesbahn auf der neuen Brücke am Bahnhof Praterstern für einen Werbeplatz.

Dem neuen Bahnhof am Wiener Praterstern droht die Verschilderung. Foto: Hans Haider

Dem neuen Bahnhof am Wiener Praterstern droht die Verschilderung. Foto: Hans Haider

Dem neuen Bahnhof am Wiener Praterstern droht die Verschilderung. Foto: Hans Haider

Dem neuen Bahnhof am Wiener Praterstern droht die Verschilderung. Foto: Hans Haider Dem neuen Bahnhof am Wiener Praterstern droht die Verschilderung. Foto: Hans Haider

Das Schriftbanner stört an diesem Punkt die von der Architektur vorgegebene Linie. Auch Material und Farben - zwei aufeinander abgestimmte Grautöne - hätten hier ihre Richtigkeit. Vielleicht findet sich ein Sponsor, welcher der Architektur ihre Wirkung erhält?


Denn Eisenbahnbrücken eignen funktionale Schönheit und Würde. Man schaut sie an und denkt sich die enormen Lasten mit, die sie tragen. Werbeschilder sind hingegen mental in der Lade für filigranes Verschleißgut einsortiert. Jedes angeschraubte, draufgepinselte Kleinzeug zehrt am ästhetischen Substanzwert von Bahnbrücken. Für einige Wochen im Herbst, ehe der Umbau für den neuen Wiener Hauptbahnhof begann, durfte man die Matzleinsdorfer Brücke der Südbahn ohne die Firmentafeln von Bauhaus, BP, Merkur, Obig, Shell etc. sehen. Hoffentlich kehren sie nicht wieder.

Der Streit über das erträgliche Maß von Werbebotschaften im öffentlichen Raum dauert schon wenigstens hundert Jahre. So alt ist auch die Leuchtreklame. Mit der biegsamen Neonröhre bekam sie in den dreißiger Jahren auch die Schrift in den Griff. 1935 schwärmte Le Corbusier über das "weiße, blaue, rote, grüne und gelbe Lichtermeer" in Manhattan, mit dem "die moderne Zeit ihr nächtliches Fest feiert". Seit Marinettis "Futuristischem Manifest" von 1909 - und der Produktion leistungsfähiger Glühbirnen - wuchert die Moderne in der Großstadt mit Licht und Geschwindigkeit.

Leuchtende Stadt

Wie soll die Stadt ausschauen, leuchten? Für den Altbestand versucht die Unesco mit ihrer Welterbekampagne ihr Ideal der "visuellen Integrität" durchzusetzen. Kevin Lynch, Stadtplanungsprofessor am MIT, forderte dagegen in seinem einflussreichen Hauptwerk "The Image oft the City" 1960 von den Stadtplanern jede Menge einzeln herausgestellter und unverwechselbarer Elemente - Häuser, Straßen, Bahnen und auch Reklame. Je höher deren Dichte, desto höher die "Bildqualität" der Stadt, die so zu einer "Schule des Sehens" wird. Hochschulen wären demnach der Times Square in New York, der Piccadilly Circus in London, die Ginza in Tokio.

Auch die antiautoritäre Populärkultur der sechziger Jahre, mit Andy Warhol als einem Fahnenträger, drängte die Beschützer des musealen Stadtbilds ins Eck konservativen Moralisierens. Immerhin haben Denkmal- und Ensembleschutz in Europa noch die Tourismusstrategen an ihrer Seite. Auch lassen sich immer mehr Architekten vertraglich vom Bauherrn zusichern, dass ihr Werk nicht durch Reklametafel und Leuchtschriften entstellt wird. Hans Hollein hat viel zu raufen, weil an seinem Haas-Haus am Stock-im Eisen-Platz immer wieder neue Werbeschriften hochkriechen.

Vor 30 Jahren bot noch der Graben Wiens größten Lichtevent - sogar mit der News-Laufschrift einer Tageszeitung, wie in der großen Welt. Dann bekam der Fassadenschutz Vorrang und der Trend wechselte zur schmeichelnden Ausleuchtung der gründerzeitlichen Fassadenreliefs. Lichtspiele am Donaukanal, wie am Uniqa- und Medien-Tower, sind ein Zugewinn für das Großstadtbild und stören dort kaum die wenigen von Bomben verschonten Überbleibsel aus der Gründerzeit.

Werbe-Megaposter greifen nur temporär ins Stadtbild ein. Doch manche werden dabei alt und grau. Am Künstlerhaus betteln solche bunt bedruckte Gespinste um Aufträge aus der Werbewirtschaft. Die Baustelle, die sie angeblich verdecken, ist längst so verlassen wie ein Strandbad im Jänner. Seit Jahren fehlt das Geld zum Renovieren. In

einer Baulücke an der Oberen Donaustraße bei Otto Wagners Schützenhaus

kaschiert ein gutes Megaposter eine Feuermau-

er. Viele andere verderben den Blick auf Architektenwerk.

Entdeckungen

Bevor im letzten Dezember am Südbahnhof die Abbruchbagger in Stellung gingen, wurden die Außen- und Innenwände von Österreichs größter Bahnhofshalle von solchen Werbeflächen entschält. Eine Überraschung, die den Bau (1955-1961) von Heinrich Hrdlièka rehabilitierte! Ähnliches gelang dann im Jänner auf der Mariahilferstraße, wo das Kaufhaus Gerngross außen und innen erneuert wird: Hinter großformatig lächelnden Mega-Maiden mit Triumph-BH und Marionnaud-Parfum kam eine respektable Mauerordnung zum Vorschein.

Im Juni 2005 verklebten Christoph Steinbrener und Rainer Dempf Schriftzüge und Werbetafeln in der Wiener Neubaugasse für zwei Wochen mit gelben Folien. Ein Protest gegen die Okkupation des öffentlichen Raums durch die Wirtschaft? Vielleicht. Aber Gelb ist bekanntlich die Symbolfarbe des Neides, und im Kampf um den Platz in der Öffentlichkeit steht die Kunst selber im Ring.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-02-25 16:51:07
Letzte Änderung am 2010-02-25 17:07:00

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