• vom 12.02.2010, 14:40 Uhr

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Update: 12.02.2010, 14:51 Uhr

Sport

Höhenflüge und Bruchlandungen




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Von Georg Sutterlüty

  • Vor dreißig Jahren gewann Anton Innauer in Lake Placid die Goldmedaille im Skispringen. Dieser Erfolg wurde ihm nicht geschenkt - Porträt eines nachdenklichen Sportlers.

Anton Innauer, derzeit nordischer Direktor des ÖSV. Foto: apa/ Pessenlehner

Anton Innauer, derzeit nordischer Direktor des ÖSV. Foto: apa/ Pessenlehner

Toni Innauer bei seinem Siegessprung 1980 in Lake Placid. Foto: Votava

Toni Innauer bei seinem Siegessprung 1980 in Lake Placid. Foto: Votava Toni Innauer bei seinem Siegessprung 1980 in Lake Placid. Foto: Votava

Olympische Spiele 1980 in Lake Placid, Skisprungbewerb auf der Normalschanze: Die Wetterbedingungen sind alles andere als günstig. Der Wind bläst von hinten, drückt jeden Athleten zu Boden. Statt nach unten zu segeln, jenseits des Kritischen Punkts zu landen, setzen alle im Steilbereich der Aufsprungbahn auf. 70 Meter, 80 Meter, viel mehr geht nicht. Für einen Springer gibt es kaum Schlimmeres, als so der Natur ausgesetzt zu sein - er, der doch eigentlich zum Schweben geboren ist! Doch dann dreht sich für einen Augenblick der Wind - gerade als Toni Innauer sich für seinen Sprung bereit macht. Er stürzt sich in die Tiefe, springt vom Schanzentisch ab, spürt den Aufwind und gleitet nach unten. Und landet bei 89 Meter, ein ausgezeichneter Sprung, die Tages-Höchstweite. Keiner sollte im ersten Durchgang an ihn herankommen.

Verfrühter Triumph


Doch dem Vorarlberger Sportler ist noch nicht zum Jubeln zumute. Ein guter Sprung bedeutet gar nichts. Das hat er bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck erfahren müssen. Damals war er drauf und dran, auf dem Berg Isel zu triumphieren. Im ersten Durchgang hatte er sich von der Konkurrenz deutlich absetzen können. Doch er wähnte sich allzu früh im siebten Himmel. Als er zum zweiten Durchgang die Stiegen auf die Schanze hochkletterte, war er mit den Gedanken schon bei der Siegesfeier. Seine Fans würden ihn mit Champagner überschütten, er würde neben Franz Klammer der Held der Nation sein. Und dann verhaute Innauer den Sprung. Sein Landsmann Karl Schnabl fing ihn noch ab, dem Vorarlberger blieb nur die Silbermedaille. Ganz Österreich feierte den Doppelsieg, nur der Zweitplatzierte hätte aus Wut am liebsten seine Skier zertrümmert. Und er glaubte sogar, Opfer einer Intrige geworden zu sein: die Weitenrichter hätten dem Schnabel Meter geschenkt.

1976 war Innauer erst 17 Jahre alt, das Wunderkind der Nation. Vier Jahre zuvor war er bei österreichischen Schülermeisterschaften von Baldur Preiml entdeckt worden. Danach ging´s mit seiner sportlichen Karriere steil bergauf. Bereits als Fünfzehnjähriger gehörte er der österreichischen Mannschaft für die Weltmeisterschaften in Falun an. 1975 siegte er im Mekka des Sprungsports, auf dem Holmenkollen in Oslo, und in der Olympiasaison dominierte er mit drei Siegen die Vierschanzentournee. Den Gesamtsieg sollte er allerdings durch einen kapitalen Absturz auf dem Berg Isel noch vergeigen. Dann flog er in Oberstdorf den Weltrekord im Skifliegen (176 Meter) und durchbrach in der Flugästhetik eine Schallmauer. Als erster Athlet erhielt er von allen fünf Sprungrichtern die Höchstnote 20. Sprunglegende Bubi Bradl witzelte, eine neue Ära sei angebrochen, wegen dem Innauer müsse man neue Haltungsnoten erfinden.

Innauer schreibt in seiner Autobiographie ("Der kritische Punkt"), er sei zu jener Zeit "allmächtig" gewesen, er konnte tun und lassen, was er wollte, der Erfolg begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Er war der Star der Medien und des Publikums. Seine Popularität reichte so weit, dass eine Fan-Postkarte aus Belgien, die lediglich mit "Ski-Toni Oesterreich" beschriftet war, den Adressaten fand. Hinter all dem steckte allerdings mehr Schein als Sein.

Innauer mag ein Wunderkind gewesen sein, doch mit übernatürlichen Kräften war auch er nicht versehen. Dem Höhenflug folgte eine Bruchlandung. Verletzungen warfen ihn in den folgenden Saisonen zurück, Siege wurden immer seltener. Er durchlief nun ein Wellental, das ihm die negativen Seiten des Sports vor Augen führte. Aus dem erfolgsverwöhnten, unbekümmerten, manchmal auch unbeherrschten Sporthelden wurde ein nachdenklicher, feinsinniger Bursche, der zu verstehen begann, dass man nicht nur das Abheben, sondern auch das Landen erlernen musste, wollte man erfolgreich sein.

Nach dem ersten Durchgang beim Olympiabewerb 1980 zieht sich der Vorarlberger zurück, bereitet sich mental auf die Entscheidung vor. Als er dann oben auf dem Balken sitzt, auf das Zeichen seines Trainers Preiml wartend, hat er den Sprung gedanklich schon verinnerlicht. Er fühlt sich sicher und stark. Innauer kommt auch dieses Mal optimal vom Schanzentisch weg, landet bei 90 Meter. Das muss der Sieg sein. Doch nur eine leichte Jubelgeste, denn noch stehen 40 Springer oben. In seinem Tagebuch steht: "Ich hatte das Gefühl, vor Freude zerspringen zu wollen, und gleichzeitig riesige Angst, dass sie verkürzen werden."

Doch der Sieg ist ihm nicht mehr zu nehmen. Der Jubel um ihn ist groß, der gefeierte Athlet bleibt aber überraschend cool. Er ist still und dankbar, weil er weiß, dass er irgendwo angelangt ist, heißt es in seiner Autobiographie. Dann umarmt ihn Trainer Baldur Preiml mit Tränen in den Augen, ein bewegender Moment auch für "diesen großartigen Mann".

Am Höhepunkt

Innauer deklassierte seine Konkurrenz. Der an zweiter Stelle platzierte Ostdeutsche Manfred Deckert segelte um sechs Meter kürzer, der Drittplatzierte Japaner Hirokazu Yagi um acht Meter. Am Ende hatte Innauer einen Punktevorsprung, der für zwei Siege gereicht hätte. Es war, als hätte er seine sportliche Karriere ganz diesem Ereignis untergeordnet, die Kräfte aller seiner Hochs und Tiefs dafür gesammelt. Als wäre dieses eine Springen das Endziel eines detaillierten Plans gewesen.

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Schlagwörter

Sport, Olympia, Porträt

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Dokument erstellt am 2010-02-12 14:40:00
Letzte Änderung am 2010-02-12 14:51:00


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